, 11. Januar 2016
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Durcheinanderwelt

Zum zweiten Mal findet das Norient Musikfilmfestival in St.Gallen statt. Programmiert ist neben fünf Filmen auch eine Clubnacht mit Danny L. Harle – einem der Hauptproduzenten des umstrittenen britischen Labels PC Music. von Benedikt Sartorius

Am Norient live zu sehen: Sängerin Manthe Ribane (Bild: pd)

Es ist klebrig, grell, digital, kindlich unschuldig und doch irgendwie verschmiert. Und es klingt grauenhaft und zuweilen auch sonderbar toll. Dieses Etwas ist der Sound von PC Music, jener Londoner Popzelle, die 2013 vom Produzenten A.G. Cook erfunden wurde. Happy Hardcore, Energy-Drinks, Stars als virtuelle Avatare, die Sophie oder GOFTY heissen, setzen der Popkritik zu.

«Ist dies nur eine Posse oder ein Produkt?», fragt etwa der «Guardian». Und im Buch Seismographic Sounds – Visions of a New World, das vom Netzwerk Norient herausgegeben wurde, steht die Frage im Raum: «Ist dies der neue Punk?», während im Aufsatz «The New Hi-Tech Underground», erschienen im gleichen Band, der Autor Adam Harper konstatiert, dass dies Musik sei, die die Grenzen zwischen Pop und satirischem Exzess neu verhandle.

«Frisch und irritierend»

Es sind genau solche Ungewissheiten, die den Musikethnologen und Norient-Gründer Thomas Burkhalter interessieren und ihn nun dazu bewogen haben, mit Danny L. Harle einen der prägenden PC-Music-Produzenten für die Clubnacht seines Musikfilmfestivals in die Schweiz zu holen: «PC Music ist ein Sound, der für mich frisch und irritierend ist. In seinen stärksten Momenten höre ich eine gekonnte, sehr überzeichnete Persiflage auf den schlimmsten Kommerz unserer Zeit. In anderen denke ich, jetzt habe ich als Kurator jeglichen Geschmack verloren», schreibt Burkhalter aus seinen Ferien. «Mir gefällt diese Ambivalenz. Sie reizt mich mehr als die vielen gefestigten musikalischen Positionen, die ich sonst oft höre.»

Norient Musikfilmfestival: 14. bis 16. Januar, Palace St.Gallen, Infos: norient.com, palace.sg

Norient spürt diese unsicheren Positionen auf, dank einem weltweit verzweigten Netz aus Bloggerinnen, Filmemachern, Journalistinnen und Musikern. Es ist eine popkulturelle Welt im Durcheinander, die das 2002 in Bern gegründete Netzwerk einfängt. Einzelne Aspekte dieser ungeordneten Welt werden nun am Musikfilmfestival beleuchtet. «Wir programmieren gerne Kontraste. Ich glaube sogar, wenn die einzelnen Filme wirklich stark sind, so kann man vieles nebeneinander setzen», schreibt Burkhalter.

Tieftraurige Geschichtsaufarbeitung

So prallen am Festival verschiedene (Musik-)Geschichten aufeinander: Akounak Tedalat Taha Tazoughai porträtiert den nigrischen Tuareg-Gitarristen Mdou Moctar, in Beats of the Antonov wird das verbliebene Alltagsleben im vom unendlichen Bürgerkrieg versehrten Sudan aufgespürt, während Don’t Think I’ve Forgotten an den blühenden Rock’n’Roll in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh erinnert, bevor das Schreckensregime der Roten Khmer die Macht übernahm und die Musik gewaltsam verstummen liess.

Im gleichen Block wie diese wertvolle und tieftraurig stimmende Geschichtsaufarbeitung ist Monsterman programmiert, der die finnischen Eurovisions-Gewinner Lordi demaskiert und als gescheiterte Alltagsgestalten porträtiert. «Es ist ein ruhiger, sehr persönlicher Film», so Burkhalter, der ihn als Zuschauer gänzlich anders berühre als Don’t Think I’ve Forgotten.

Offen bleibt die Frage, wie Danny L. Harles übergrelle PCSound-Fantasien im Anschluss an den südafrikanischen Hyperdub-Produzenten Okzharp, der mit der Sängerin Manthe Ribane anreist, wirken wird. Denn Schabernack ist die Sache dieses Duos, das auch im programmierten Film Ghost Diamond zu sehen ist und zu seiner Single Dear Ribane einen zarten und aufwühlenden Clip gedreht hat, ganz und gar nicht.

 

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