Kategorie
Autor:innen
Jahr

Een Gesprek 2: Stadt ohne Druck

Lebenswert und bezahlbar, kurz: phänomenal... Schauspielerin Jeanne Devos befragt zwei nach Brüssel emigrierte Schweizer Künstler nach den Qualitäten der Stadt, die sie mit ihrem Artist-in-Residence-Stipendium erkundet.
Von  Gastbeitrag

Vor einer Woche habe ich den Berner Musiker und Komponisten Simon Ho in seinem Atelier abgeholt, um einen Apéro zu trinken. Er schlug dafür die Brüsseler Chilbi vor. Diesen Jahrmarkt hat Brüssel für jene Leute eingerichtet, welche aus Zeitgründen oder Geldmangel nicht in den Sommerurlaub fahren können. Danach lud Simon zu sich nach Hause ein – er hatte Würste gekauft. Dass er vor dem Essen noch gerne die deutsche Tagesschau sehen wollte (SRF wird hier nicht gesendet), rührte mich sehr. Ein freudiger Abend, an dessen Ende wir uns für eine Woche später, also heute, zum Gesprek verabredeten.

Mit dabei ist auch der bildende Künstler Christian Denzler. Er stammt wie Simon ursprünglich aus Bern, lebt aber seit 1995 in Brüssel. Die beiden teilen sich das Atelier. Für Simons neue Platte Bruxelles hat Christian die Texte geschrieben.

Simon Ho (rechts) und Christian Denzler beim Gesprek.

Jeanne: Ich habe mir eure Platte die letzten Tage oft zuhause angehört, und finde sie richtig schön!

Simon: Danke! Die Platte hat viel mit dieser Stadt zu tun. Die mehrsprachigen Texte zum Beispiel. Auch die Melancholie. Und ich habe hier alle Geräusche aufgenommen, die im Hintergrund zu hören sind. Das ganze Aroma besteht aus Brüssel.

Jeanne: Wann tourt ihr damit in der Schweiz?

Simon: Ich würde damit total gerne im Palace in St Gallen spielen. Bis jetzt gab es aber kein entsprechendes Angebot. Vielleicht könnten wir ja Gratistickets verlosen mit der Frage: Wo steht das Atomium von Brüssel? In Gent? London? Oder Luzern?

Jeanne: Ja, das machen wir! Und was habt ihr heute so gemacht?

Simon: Ich war heute richtig erfolgreich. Habe vier neue Stücke komponiert. So etwas kann man nur in Belgien.

Christian: Ich habe eigentlich den ganzen Tag versucht, meinen neuen Anzug beim Schneider abzuholen. Beim ersten Mal war der Laden noch geschlossen, danach der Anzug noch nicht fertig. Auf der Rückfahrt habe ich dann ein Schild gesehen, auf dem stand: «La Belgique, autrement phénoménale» . Diese Stadt ist wirklich phänomenal! Und verglichen mit anderen Hauptstädten total unprätentiös. Brüssel will nichts sein, Brüssel ist einfach.

Simon: Es gibt hier soviel verschiedene Quartiere und Farben! Die Leute reden gerne und viel. Und das in allen Sprachen. Es ist eine kleine Multi-Kulti-Metropole.

Christian: Du bist hier kein Ausländer, weil alles Ausländer sind.

Jeanne: Christian, du lebst schon seit über 20 Jahren in Brüssel. Warum bist du hierher gezogen? Und wie hat sich die Stadt seit deiner Ankunft verändert?

Christian: Als ich 1993 mit meinem Architekturstudium fertig war, hatte ich keine Aufträge. Auch privat lief es gerade nicht so gut. Ein Freund aus der gleichen Galerie lebte in Brüssel. Ich kannte diese Stadt überhaupt nicht, wollte aber unbedingt weg aus der Schweiz. Brüssel war damals am Boden. Die Rue de Flandre zum Beispiel, wo du gerade wohnst, lag brach.

Simon: Aus einem Hausdach direkt neben der Börse wuchs ein Baum. Es sah aus wie nach dem Krieg.

Christian: Wollte man eine Wohnung mieten, sind die Hausbesitzer einem buchstäblich nachgerannt. Alles war total günstig. Deshalb sind auch so viele Künstler aus dem Ausland hierher gezogen. Die Mieten sind zwar in den letzten Jahren ein wenig gestiegen, aber immer noch auf einem total niedrigen Niveau. Die Menschen haben keinen finanziellen Druck. Du kannst einen Shop oder eine Bar aufmachen, und schauen, ob es funktioniert. Deshalb gibt es hier immer noch einen tollen Underground – etwas kommt auf, und verschwindet dann wieder.

Simon: Die Leute schauen selber, dass der Karren läuft. Dennoch ist die Stadt auch wahnsinnig sozial. Es wird geschaut, dass es den Menschen gut geht.

Christian: Hier werden Leute durchgeschleift, die in anderen Städten keinen Platz hätten. Die Bettler dürfen beispielsweise im Winter den ganzen Tag in den Cafés sitzen, damit sie nicht frieren müssen. Es gibt auch viele Strassen- und Quartierfeste. Bei uns zum Beispiel gibt es ein Strassenfest, bei welchem jeder gefragt wird, ob er ein Instrument spielen kann. Die Bewohner stehen dann auf ihren jeweiligen Balkonen und machen zusammen Musik. Und unten rennt einer auf der Strasse rum und dirigiert das Ganze.

Simon: Es gibt auch noch viele versteckte Orte. Alte Ballsäle, die leer stehen, weil noch kein Geld für die Renovation da ist.

Christian: Kennst du übrigens das Pissoir an der Katharinenkirche? Welche andere Stadt erlaubt den Bürgern, an eine Kirchenwand zu pissen!

Jeanne: Gibt es dennoch etwas, das ihr vermisst?

Simon: Eigentlich nur, dass es in Brüssel keinen Fluss oder See gibt.

Christian: Nichts. Höchstens, dass es hier keine Fleischerei gibt, wo man einen anständigen Cervelat kaufen kann. Und es fehlt ein Zoo. Aber den gibt es ja in Antwerpen.

Nächste Woche folgt Een Gesprek mit meiner Mutter – auf einer dreitägigen Fahrradtour von Brüssel nach Gent.

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Jetzt berichtet sie von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300