, 13. August 2017
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Een Gesprek 2: Stadt ohne Druck

Lebenswert und bezahlbar, kurz: phänomenal… Schauspielerin Jeanne Devos befragt zwei nach Brüssel emigrierte Schweizer Künstler nach den Qualitäten der Stadt, die sie mit ihrem Artist-in-Residence-Stipendium erkundet.

Vor einer Woche habe ich den Berner Musiker und Komponisten Simon Ho in seinem Atelier abgeholt, um einen Apéro zu trinken. Er schlug dafür die Brüsseler Chilbi vor. Diesen Jahrmarkt hat Brüssel für jene Leute eingerichtet, welche aus Zeitgründen oder Geldmangel nicht in den Sommerurlaub fahren können. Danach lud Simon zu sich nach Hause ein – er hatte Würste gekauft. Dass er vor dem Essen noch gerne die deutsche Tagesschau sehen wollte (SRF wird hier nicht gesendet), rührte mich sehr. Ein freudiger Abend, an dessen Ende wir uns für eine Woche später, also heute, zum Gesprek verabredeten.

Mit dabei ist auch der bildende Künstler Christian Denzler. Er stammt wie Simon ursprünglich aus Bern, lebt aber seit 1995 in Brüssel. Die beiden teilen sich das Atelier. Für Simons neue Platte Bruxelles hat Christian die Texte geschrieben.

Simon Ho (rechts) und Christian Denzler beim Gesprek.

Jeanne: Ich habe mir eure Platte die letzten Tage oft zuhause angehört, und finde sie richtig schön!

Simon: Danke! Die Platte hat viel mit dieser Stadt zu tun. Die mehrsprachigen Texte zum Beispiel. Auch die Melancholie. Und ich habe hier alle Geräusche aufgenommen, die im Hintergrund zu hören sind. Das ganze Aroma besteht aus Brüssel.

Jeanne: Wann tourt ihr damit in der Schweiz?

Simon: Ich würde damit total gerne im Palace in St Gallen spielen. Bis jetzt gab es aber kein entsprechendes Angebot. Vielleicht könnten wir ja Gratistickets verlosen mit der Frage: Wo steht das Atomium von Brüssel? In Gent? London? Oder Luzern?

Jeanne: Ja, das machen wir! Und was habt ihr heute so gemacht?

Simon: Ich war heute richtig erfolgreich. Habe vier neue Stücke komponiert. So etwas kann man nur in Belgien.

Christian: Ich habe eigentlich den ganzen Tag versucht, meinen neuen Anzug beim Schneider abzuholen. Beim ersten Mal war der Laden noch geschlossen, danach der Anzug noch nicht fertig. Auf der Rückfahrt habe ich dann ein Schild gesehen, auf dem stand: «La Belgique, autrement phénoménale» . Diese Stadt ist wirklich phänomenal! Und verglichen mit anderen Hauptstädten total unprätentiös. Brüssel will nichts sein, Brüssel ist einfach.

Simon: Es gibt hier soviel verschiedene Quartiere und Farben! Die Leute reden gerne und viel. Und das in allen Sprachen. Es ist eine kleine Multi-Kulti-Metropole.

Christian: Du bist hier kein Ausländer, weil alles Ausländer sind.

Jeanne: Christian, du lebst schon seit über 20 Jahren in Brüssel. Warum bist du hierher gezogen? Und wie hat sich die Stadt seit deiner Ankunft verändert?

Christian: Als ich 1993 mit meinem Architekturstudium fertig war, hatte ich keine Aufträge. Auch privat lief es gerade nicht so gut. Ein Freund aus der gleichen Galerie lebte in Brüssel. Ich kannte diese Stadt überhaupt nicht, wollte aber unbedingt weg aus der Schweiz. Brüssel war damals am Boden. Die Rue de Flandre zum Beispiel, wo du gerade wohnst, lag brach.

Simon: Aus einem Hausdach direkt neben der Börse wuchs ein Baum. Es sah aus wie nach dem Krieg.

Christian: Wollte man eine Wohnung mieten, sind die Hausbesitzer einem buchstäblich nachgerannt. Alles war total günstig. Deshalb sind auch so viele Künstler aus dem Ausland hierher gezogen. Die Mieten sind zwar in den letzten Jahren ein wenig gestiegen, aber immer noch auf einem total niedrigen Niveau. Die Menschen haben keinen finanziellen Druck. Du kannst einen Shop oder eine Bar aufmachen, und schauen, ob es funktioniert. Deshalb gibt es hier immer noch einen tollen Underground – etwas kommt auf, und verschwindet dann wieder.

Simon: Die Leute schauen selber, dass der Karren läuft. Dennoch ist die Stadt auch wahnsinnig sozial. Es wird geschaut, dass es den Menschen gut geht.

Christian: Hier werden Leute durchgeschleift, die in anderen Städten keinen Platz hätten. Die Bettler dürfen beispielsweise im Winter den ganzen Tag in den Cafés sitzen, damit sie nicht frieren müssen. Es gibt auch viele Strassen- und Quartierfeste. Bei uns zum Beispiel gibt es ein Strassenfest, bei welchem jeder gefragt wird, ob er ein Instrument spielen kann. Die Bewohner stehen dann auf ihren jeweiligen Balkonen und machen zusammen Musik. Und unten rennt einer auf der Strasse rum und dirigiert das Ganze.

Simon: Es gibt auch noch viele versteckte Orte. Alte Ballsäle, die leer stehen, weil noch kein Geld für die Renovation da ist.

Christian: Kennst du übrigens das Pissoir an der Katharinenkirche? Welche andere Stadt erlaubt den Bürgern, an eine Kirchenwand zu pissen!

Jeanne: Gibt es dennoch etwas, das ihr vermisst?

Simon: Eigentlich nur, dass es in Brüssel keinen Fluss oder See gibt.

Christian: Nichts. Höchstens, dass es hier keine Fleischerei gibt, wo man einen anständigen Cervelat kaufen kann. Und es fehlt ein Zoo. Aber den gibt es ja in Antwerpen.

Nächste Woche folgt Een Gesprek mit meiner Mutter – auf einer dreitägigen Fahrradtour von Brüssel nach Gent.

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Jetzt berichtet sie von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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