, 28. August 2017
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Een Gesprek 4: Die Freiheit auf der Bühne

Schauspielerin Jeanne Devos ist als Artist in Residence von Appenzell Ausserrhoden in Brüssel, um sich in Tanz weiterzubilden. Zum Beispiel bei Tijen Lawton – die frühere Tänzerin der Needcompany erzählt, wie es sie nach Belgien verschlagen hat und worum es ihr im Tanz geht.

Wer meine letzten Kolumnen gelesen hat und nun denkt, ich würde nur mit lustigen Künstlern Bier trinken oder seltsame Fahrradtouren in andere Städte machen, der irrt! Ich bin hier in Brüssel, um zu tanzen, und das ist es auch, was mich am meisten beschäftigt und beglückt.

Bei meinem letzten Aufenthalt vor gut einem Jahr habe ich einen Workshop bei Tijen Lawton besucht. Damals wollte ich nach dem ersten Tag nicht wiederkommen. Zu schwer erschien mir das zu erlernende Material. Tijen meinte jedoch, ich solle es nochmals einen zweiten Tag versuchen, und schlussendlich blieb ich die ganze Woche. Obwohl man bei ihr fast ausschliesslich mit kurzen, von ihr festgelegten Choreographien arbeitet, lernt man diese in den eigenen Körper aufzunehmen und so instinktiver und kreativer mit dem Bewegungsmaterial umzugehen.

Tijen Lawton ist eine faszinierende Frau und Performerin. Jahre zuvor hatte ich sie schon auf der Bühne gesehen. 15 Jahre lang war sie Teil der Needcompany, deren Inszenierungen sich irgendwo zwischen Tanz, Theater und Bildender Kunst bewegen.

Vergangene Woche habe ich einen Intensiv-Workshop bei ihr besucht. Fünf Tage lang von morgens bis abends zu tanzen, das brachte mich sowohl körperlich als auch mental an meine Grenzen. Aber darüber möchte ich hier nicht berichten. Wie bei allen Intensiv-Workshops gab es auch von Tijen einen Vortrag, bei welchem sie über ihre Arbeit sprach und unsere Fragen beantwortete.

Tijen, kannst du uns etwas zu deinem künstlerischen Werdegang sagen?

Tijen: Als ich angefangen habe zu tanzen, war ich noch sehr jung. Zuerst habe ich Ballett gemacht, dann in London und New York zeitgenössischen Tanz studiert. Mit 19 Jahren war ich fertig mit dem Studium. Seitdem versuche ich zu vergessen was ich gelernt habe.

Und wie kamst du nach Brüssel?

Tijen: Einfach nur tanzen hat mir nicht gereicht. Ich wollte mehr. Irgendwann habe ich mir von der Tanzcompany Rosas eine Arbeit angeschaut. Es ist schwer zu beschreiben, aber so etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Also habe ich meinen Rucksack gepackt und bin nach Brüssel gereist. Denn hier haben Leute wie Pina Bausch, William Forsythe oder Jan Lauwers das erschaffen, was uns heute in Belgien künstlerisch auszeichnet.

Wie kamst du zur Needcompany? Und kannst du deren Arbeitsweise beschreiben?

Tijen: Die Arbeiten der Needcompany sind eine Kombination aus Schauspiel, Tanz, Musik und Bildender Kunst. Die Leute, welche zusammen auf der Bühne stehen, haben alle einen sehr unterschiedlichen künstlerischen Hintergrund. Denn Jan Lauwers interessiert sich vor allem dafür, was jeder einzelne als Mensch mitbringt. Ich kam 1998 dazu. Jan hatte mich auf der Bühne gesehen und mochte meine Energie. Bei ihm habe ich das erste Mal auch mit Texten gearbeitet. Ich war also nicht nur Tänzerin, sondern Performerin. Insgesamt habe ich in 27 verschiedenen Inszenierungen mitgewirkt, von denen viele jahrelang getourt sind. Da die Arbeiten meist sehr porös sind und vielleicht eher als Live-Performances beschrieben werden können, hatte ich die Möglichkeit, mein Material bei den Vorstellungen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das ist eine grosse Freiheit, erfordert aber auch sehr viel Vertrauen und ein grosses Bewusstsein für die gesamte Gruppe. Bei so einer Arbeitsweise musst du eigentlich in jedem Moment total transparent sein.

Warum hast du dich vor ein paar Jahren entschieden, die Needcompany zu verlassen?

Tijen: Es war schwierig zu gehen. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, meine eigene Identität zu verlieren. Die Needcompany hatte 15 Jahre lang Priorität. Ich musste mich endlich wieder mit der Frage beschäftigen, was ich eigentlich will. Ausserdem war ich hungrig danach, auch mit anderen Leuten zu arbeiten.

Und wie kamst du zum Unterrichten?

Tijen: Ich dachte eigentlich nie, dass es mich glücklich machen könnte, zu unterrichten. Aber es fasziniert mich, Dinge zu analysieren. Denn um fähig zu sein, etwas zu wiederholen – und damit meine ich nicht die simple Wiederholung einer Bewegung – musst du wirklich verstanden haben, was du eben getan hast. Ich versuche bei meinen Workshops zu erklären, dass das Verständnis für den eigenen Körper das Wichtigste ist. Erst dann fängst du an instinktiv zu arbeiten. Kein Training und keine Technik kann diese Erfahrung ersetzen.

Nächste Woche folgt Een Gesprek mit dem Chocolatier Laurent Gerbaud.

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Jetzt berichtet sie von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt.

 

 

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