, 11. September 2017
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Een Gesprek 6: Ein Lob auf La Monnaie

Schauspielerin Jeanne Devos studiert mit einem Artist in Residence-Stipendium von Appenzell Ausserrhoden Tanz in Brüssel. Ihr jüngstes Wochen-«Gesprek» dreht sich um die Opernstadt Brüssel. Und ums Essen.

Mit einem Musik- und Theaterkritiker liiert zu sein ist manchmal ein Fluch. Manchmal jedoch auch ein Segen. Vor allem dann, wenn man gerne in die Oper geht, sich jedoch die teuren Karten kaum leisten kann.

Das Brüsseler Opernhaus La Monnaie / De Munt gehört zu den renommiertesten Opernhäusern in Europa. Lange war es wegen Renovationsarbeiten geschlossen. Ging man noch vor ein paar Wochen daran vorbei, glaubte man kaum, dass die Bauarbeiten bis zum Spielzeitbeginn abgeschlossen sein würden. Aber dass die Brüsseler sich den Dingen meist sehr langsam und chaotisch annähern, ist ein anderes Kapitel.

Und so sitzen wir nun also an einem verregneten Sonntagnachmittag in der Brüsseler Oper und schauen uns die Uraufführung von Pinocchio von Philippe Boesmanns an. Nach Aufführung und Apero machen wir uns auf den Weg nach Hause. Dort wartet ein Fisch auf uns, den wir am Vortag auf dem Markt gekauft haben. Beim Zubereiten führen wir ein Gesprek über die kulturellen und kulinarischen Angebote dieser Stadt.

Kannst du die heutige Inszenierung in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Egbert: Wie so oft kann ich nicht sagen, ui, das ist von vorn bis hinten gelungen. Ich glaube, für Kinder sind die Musik und die Aufführung zu sperrig und zu wenig poetisch, für die Erwachsenen zu fad. Aber es gab doch schöne Momente, der singende und sprechende Conferencier war grossartig, in einigen Bildern war das Licht fantastisch, und die Musik wurde immer dann interessant, wenn sie sich auf Abwege begab. Das war leider nicht so oft.

Wann warst du das erste Mal in Brüssel in der Oper?

Egbert: Das muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube es waren Die Hugenotten von Giacomo Meyerbeer. Ich weiss noch, dass ich mich von Anfang an hier wohl fühlte. Im französischsprachigen Raum versteht man Opernaufführungen noch so richtig zu feiern.

Du magst also das Brüsseler Opernhaus?

Egbert: Ja, sehr! In der Umfrage der Zeitschrift Opernwelt habe ich es vor Jahren zweimal erwähnt. Einmal für die beste Gesamtleistung – ich habe hier eine fabelhafte Lulu und eine Uraufführung nach einem Libretto von Nick Cave gesehen. Und einmal als Ärgernis des Jahres wegen den enormen Sparmassnahmen, denen die Oper ausgesetzt war. Man kann im La Monnaie künstlerisch relevante Arbeiten sehen, die nicht elitär sind. Es gefällt mir, dass hier das «normale» Publikum auf Reisen ins Unbekannte mitgenommen wird. Hier hat man weder eine reine Experimentierbude noch fades Stadttheater.

Was sind deine Lieblingsopernhäuser?

Egbert: Im Moment sind das München, Zürich, Basel, Lyon und die Komische Oper in Berlin.

Zurück zu Brüssel. Wie empfindest du die belgische Theaterlandschaft?  

Egbert: Über das Sprechtheater kann ich nicht soviel sagen. Da habe ich zu wenig gesehen. Der Vorteil an der Oper ist ja, dass sie immer in Originalsprache gesungen wird, und es somit zumindest inhaltlich keine Rolle spielt, ob ich sie mir hier oder in Japan anschaue. Aber zurück zu deiner Frage: Ich glaube, in Holland und Belgien ist es zuallererst die Struktur, welche anders ist als bei uns. Es gibt hier weniger Staats- und Stadttheater, dafür aber mehr freie Gruppen. Diese sind natürlich weniger direkt vom Subventionstropf abhängig. Eine solche Freiheit und Selbständigkeit ist einerseits super, bietet aber leider auch eine Steilvorlage für Kürzungen der ohnehin in den letzten Jahren geringer gewordenen Kulturgelder. Aber sag mal, wie hast du jetzt gerade den Kohl gewürzt?

Ich habe einen Teil der Marinade vom Fisch genommen. Du magst Brüssel also nicht nur wegen dem tollen Opernhaus, sondern auch wegen des fantastischen Essens, richtig?

Egbert: Ja, aber dass man hier richtig gut essen kann, habe ich erst durch dich erfahren. Es ist nämlich das harte Los des Opernkritikers, dass man nur in wenigen Städten nach der Aufführung was Gscheites zum Essen kriegt. In Wien bin ich deswegen mal vor der Vorstellung in mein Lieblingslokal gegangen und hab denen gesagt, dass sie doch bitte den Koch dabehalten sollen, bis ich vom Theater wiederkomme.

Was ist dir wichtiger: Ein gutes Essen oder eine gute Theateraufführung?

Egbert: Eine gelungene Theateraufführung ist unschlagbar. Und wie ist das bei dir?

Mir geht es genauso. Nichts inspiriert mich mehr als gutes Theater. Vor ein paar Wochen habe ich hier eine Aufführung gesehen, welche mich noch Tage danach erfüllt hat. Ausserdem ist es zumindest in Brüssel schwierig, an schlechtes Essen heranzukommen. Was hältst du im Übrigen davon, wenn wir morgen nach meinen Tanzworkshop zu «VIVA M’BOMA» gehen?

Egbert: Oh, ja. Das ist doch dieses Restaurant, wo man alle Arten von Innereien kriegt. Wir müssen dann unbedingt den Koch fragen, warum sie dort Sachen kochen, die an anderen Orten weggeschmissen werden.

Nächste Woche folgt een Gesprek mit der EU-Mitarbeiterin Hana Kolic.

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Jetzt berichtet sie in wöchentlichen Gesprächen von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt.

 

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