Ein Leuchtturmprojekt für die Schweiz wünschen sich die Visionär:innen vom Thinkpact mit dem «Zukunftsdorf Egnach». Inwieweit dieses Realität werden könnte, liegt an der Nachfrage nach alternativen Lebensmodellen.
Egnach liegt zwischen Romanshorn und Arbon am Bodenseeufer. Im Wappen, einem grünem Baum mit vier roten Birnen, der auf einer tiefblauen Bodenseewoge steht, zeichnet sich die Bedeutung des Obstes für die knapp 5000 Einwohner Gemeinde ab. Schon im 18. Jahrhundert begann der Anbau von Obst. Der Name «Mostindien» für diese Region im Oberthurgau prägte sich heraus. 1900 wurde die Obstverwertungsgesellschaft Thurella AG in Egnach begründet. Heute ist sie die Muttergesellschaft der Tägerwiler Biotta AG, die bekannt ist für ihre hochwertigen Obst- und Gemüsesäfte, sowie der deutschen GESA Gemüsesaft GmbH.
Das traditionelle Mostereigeschäft lohnte sich für die Thurella AG wirtschaftlich irgendwann nicht mehr. Dieses Geschäft verkaufte der Betrieb 2014 an die Arboner Mosterei Möhl. Die Immobilie auf dem sogenannten Thurella Areal soll nun überbaut werden. Zum Areal gehört ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude, in dem der Verein «Kerngehäuse» im kommenden Frühjahr Kulturprogramm anbietet. Dafür existieren grosse Pläne und Visionen – Egnach, das bisher gar keinen richtige Ortskern hat, soll hier ein neues Dorfzentrum erhalten.
Pläne für ein Dorfzentrum gibt’s schon länger
Bereits vor sieben Jahren liess die Thurella AG die Zürcher Firma Intosens AG für Raumentwicklung prüfen, was am Standort möglich sein könnte. Auch die Gemeinde hegt ein Interesse, das Dorf fit für die Zukunft zu machen. Dazu lancierte der Gemeinderat 2019 den Ideen-Workshop Egnach 2030 unter dem Motto «freiwillig, engagiert, enkeltauglich» für die Bewohner:innen, dessen Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden.
Manuel Lehman vor der ehemaligen Mosterei der Thurella. (Bild: Judith Schuck)
Manuel Lehmann vom Thincpakt Zukunft erfuhr vom Vorhaben Egnach zukunftsfähig zu machen, von Stefan Tittmann, Dozent an der FH St.Gallen für Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung. Die Organisation Thinkpact leistet Vernetzungsarbeit im Bereich Nachhaltigkeit. Lehmann selbst studierte Soziale Arbeit mit der Fachrichtung soziokulturelle Animation und steckt in zahlreichen Projekten, die unser Leben im Rahmen der Agenda 2030 nachhaltiger gestalten sollen. Darunter das selbstverwaltete Wohnprojekt Giesserei in Winterthur.
Er selbst wohnte bereits in der Giesserei, im Karthago in Zürich und aktuell im Eco-Village-Projekt Terra Nova in Degersheim im Kanton St.Gallen. Der Thinkpact hat nicht nur Wohnprojekte angestossen, sondern auch den erleichterten Zugang zu Infos rund um das Thema nachhaltig leben, darunter Transition Zürich, Ernährungsforum Zürich oder der Lagerplatz in Winterthur. Zudem ist Manuel Lehmann Autor des Buches Kollaborativ Wirtschaften.
Miteinander leben und von der Nähe profitieren
Da die Gemeinde bereits ein Interesse für neue Lebens- und Wohnformen mitbringt, scheint die Voraussetzung für ein Zukunftsdorf Egnach ideal: Dem Verein schwebt Wohnraum für 2000 Menschen an bester Bodenseelage vor, Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen – die landwirtschaftliche Umgebung scheint prädestiniert für kurze Produktionswege und Direktverkauf beim Bauern.
Die Lebensqualität soll erhöht werden, indem lange Arbeitswege wegfallen und vermehrt vom Wohnort aus gearbeitet wird. Dank Corona konnten viele Menschen die Erfahrung machen, was im Homeoffice alles möglich ist. Bessere Strukturen für zeitgemässe Familienmodelle wie Patchwork-Familien oder Alleinerziehende sollen geschaffen – generell das soziale Miteinander und ein respektvoller Umgang mit der Natur gefördert werden.
«Die Ausgangslage hier ist einmalig», sagt Manuel Lehmann. Das Thurella Areal rund um den Bahnhof, aber auch das Luxburgerfeld um das Schlösschen Luxburg. Für das lange vernachlässigte Anwesen stehen seit einiger Zeit Pläne für die Umnutzung als Bead & Breakfast, auch dies im Zeichen der Nachhaltigkeit.
«In Egnach kann das neue Zentrum eines Dorfes gestaltet werden. Es gibt ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und uns interessiert es, Perspektiven für den ländlichen Raum aufzuzeigen», sagt Lehmann. In den Städten passiere bereits viel. «Es braucht jetzt einen Fokus auf das Land. Egnach bietet beste Voraussetzungen für ein Projekt mit Ausstrahlung.» Der Netzwerker sieht hier die steigende Nachfrage nach neuen Lebensformen.
Im kommenden Jahr soll gebaut werden
Allerdings steht die Thurella AG bereits mit potenziellen Investoren im Gespräch. Die Immobilienfirma Mettler2Invest möchte kaufen, wenn der Gestaltungsplan für eine Überbauung vom Kanton genehmigt wird. Nach diesem Plan, der sich vor allem an den Analysen der Intosens-Studie orientiert, sollen dort in zwei Etappen 160 Wohnungen entstehen. Für die Mosterei sind Lofts, Gewerberäume und ein Café vorgesehen, das Restaurant Sternen vis à vis vom Bahnhof soll modernisiert werden. Die Mettler2Invest steht mit dem Thinkpact im Austausch und ist grundsätzlich offen für Ideen. Aber «unser Projekt ist geplant», sagt Roland Ebneter, Immobilienentwickler bei der Firma. Gebe es jetzt eine Riesennachfrage für die Vision des Zukunftsdorfs Egnach, «müssten wir nachhaken, wie wir dieser Nachfrage gerecht werden.»
In monatlichen Treffen mit Fachpersonen, Führungen und Informationsveranstaltungen bringt der Verein Zukunftsdorf Egnach Interessierten seine Ideen näher.
Die Arbeit der Meinungsforschung übernimmt das Denklabor, das Interessierten Führungen durchs Areal anbietet und ab September regelmässig Informationsveranstaltungen zum Projekt anbietet. Davon profitiert die Immobilienfirma, die andererseits sagt: «Der Thinkpact hat nur eine Vision, aber kein Grundstück. Dafür bräuchten sie Partner.» Wird der Gestaltungsplan genehmigt, soll im kommenden Jahr mit der ersten Bauetappe auf dem 20 000 Quadratmeter grossen Gelände gestartet werden.
Manuel Lehmann ist sich dessen bewusst, hat aber gleichzeitig das Gefühl, dass ihre Ideen und Netzwerkarbeit willkommen sind, um Leute anzuziehen. In Sachen nachhaltigen Wohnformen bringt der Thinkpact zahlreiche Erfahrungen mit. «Wir vom Zukunftsdorf haben Visionen, keinen fertigen Plan. Aber in dem Moment, in dem es konkret wird, schauen wir die Pläne mit Fachleuten an und was davon umgesetzt werden kann.»
zukunftsdorfegnach.ch
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.