, 24. Januar 2020
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Ein Auslaufmodell namens WEF

Heute endet das 50. Annual Meeting in Davos. Que Sera, Sera – Whatever Will Be, Will Be? Mit Doris Day gefragt: Was wird sein, wenn der rührige Illusionist des Stakeholdertums, Klaus Schwab, einmal nicht mehr sein wird? Andere Orte hätten das WEF gern. Aber es hat seinen Sinn verloren.

Viele prominente Destinationen auf dieser Welt rissen sich schon um den sprichwörtlichen «Geist von Davos», obwohl sich dieser immer mehr als eine Schimäre entpuppte. Jetzt giert Singapur nach der Ausrichtung des neoliberalen Wirtschafts-Events. Der tropische Stadtstaat, das globale Finanzzentrum mit Pressezensur und Überwachung bis in den hintersten Winkel, wo sich nicht einmal mehr die Kakerlaken hintrauen, macht dem WEF Avancen für einen Domizilwechsel. Schon ab 2021. Es lockt mit der umfassenden Kostenübernahme des Anlasses, Auslagen für Sicherheit und Kongressräumlichkeiten inklusive. Ein Überlebensangebot?

Jahre zuvor hat der damalige Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, heute Anwalt von Donald Trump, schon das WEF auf ewig ins Waldorf Astoria holen wollen. 2002 fand dann das Annual Meeting, aus Solidarität nach den Terroranschlägen vom September 2001, ein einziges Mal in der Megacity am Hudson River statt. Glücklich wurde man damit aber nicht, kehrte wieder ins Prättigau zurück, und New York bekam kalte Füsse.

Die Identitätskrise einer geschlossenen Gesellschaft

Von der Örtlichkeit hängt das Überleben des WEF wohl nicht ab, schon eher vom Konzept der Veranstaltung. Der «Economist» schreibt von einer Identitätskrise wegen des zunehmenden Wettbewerbs und der unklaren Nachfolge.

Zitiert wird Sir Martin Sorrell, Leiter des Medienunternehmens S4 Capital und Ex-Chef des Werbegiganten WPP. Er sagt, keiner der Nachahmer des WEF, von Aspen bis Boao, habe es wie das WEF geschafft, Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft zusammenzubringen. Schwab verweise deshalb auch gerne darauf, dass sich das WEF für die Verbesserung der Welt einsetze, fährt der «Economist» fort. Nicht alle sähen das aber so. Für viele Nichtregierungsorganisationen (NGO) diene sein Engagement nur den globalen Eliten, um für ihre Agenda zu werben, die die Ungleichheit weiter verschärfe.

Laut dem Presseportal, einer Schweizer Tochter der deutschen dpa-Mediengruppe, macht der Liechtensteiner Think- und Action-Tank Thehus.institute dem WEF ernsthaft Konkurrenz mit seiner Konferenzserie «Davuz». Die diesjährige Versammlung mit dem Namen World Systemic Forum setzte ein Zeichen des genuinen Neu- und Umdenkens, im Gegensatz zum Davoser Grossformat, heisst es beim Presseportal.

Die Vision des World Systemic Forums sei eine Wertegemeinschaft als globaler Ort für tatsächlichen Systemwechsel. Das Format «Davuz» sei gemeinsam mit Stiftungen, Privatpersonen und Umdenkern entwickelt worden. Es funktioniere als Schutzraum zugunsten des Vertrauens für mutige Schritte heraus aus der Filterblase überkommener Vorstellungen, Strukturen und Mechanismen.

Der deutsche Journalist Gabor Steingart kritisiert das WEF in der Schweizer «Handelszeitung» als Anachronismus. Was einst als Marktplatz der Welt gedacht gewesen sei, erweise sich heute, im 50. Jahr nach der Gründung, als geschlossene Anstalt, in der die Teilnehmer das Selbstgespräch pflegten. Jeder habe gesendet und niemand habe empfangen. Drei Münder, kein Ohr. Nirgendwo sei die Deformation der Gegenwart so klar zu erkennen.

Trump als Wahlredner im Prättigau

Just am Tag, als gegen US-Präsident Donald Trump das Amtsenthebungsverfahren formell angelaufen war, sagte sich dieser, ich verzieh mich dann mal ins Prättigau und halte aus den Schweizer Bergen eine Wahlrede. Hat noch keiner getan von den US-Präsidenten, ich bin der erste.

Er flog mit grossem Brimborium nach Davos, wo er kein Wort darüber verlor, was gerade in der Heimat mit seiner Person abging. Dafür laberte er das vollbesetzte Kongresszentrum mit Eigenlob voll, nach dem Motto: Was habe ich nicht alles getan, für die Rückkehr des amerikanischen Traums. In meiner zweiten Amtszeit mache ich Amerika noch traumhafter. Als Plattform für reine Wahlveranstaltungen wird das WEF aber wohl kaum eine Zukunft haben.

Panoptikum der Möchtegerne

Das WEF hat in den 50 Jahren seiner Existenz als Biotop für Plutokraten, Globalplayer, Mafiosi, politische Lobbyistinnen und pflegeleichte Non-Profit-Organisationen 310 Millionen Dollar erwirtschaftet und viele bunte Seifenblasen in die Welt gesetzt, die aber alle geplatzt sind. Von Jahr zu Jahr mehr Referate, Podien, Workshops, VIP-Meetings und Stehparties. Kaum jemand hat noch die Übersicht in diesem Zirkus. Eine Weile lang ging das gut mit dem Panoptikum der Möchtegerne. Aber jetzt ist alles nur noch ein Déjà-vu.

Sogar Greta Thunberg blieb artig und pfiff nicht durch die Finger, als Trump die Klimaschützer als «ewige Propheten des Untergangs» diffamierte. Sie schaute nur einen Moment lang drein wie der Böse Clown im gleichnamigen Roman von Stefan Brouxein.

Das WEF ist in einer Sinnkrise – nicht unbedingt ein Grund, Mitleid mit ihm zu haben.

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