Schnell ist ein Tag gefunden. Auch Uhrzeit und Treffpunkt. Ich solle um elf Uhr zur Ecke Gartenstrasse/Oberer Graben kommen. Sie, Brigitte Kemmann, würde dort auf mich warten. Das tut sie dann auch, lächelt freundlich, wir steigen ein und fahren los.
In Gossau, unserer ersten Station, parkt Kemmann den Wagen auf einem kleinen Platz. Die Sonne steht hoch, es ist unglaublich heiss. Warum das Projekt denn «5ünfstern» heisse. «Fünf Sterne», erklärt sie, «bedeutet, ähnlich wie bei Hotelbewertungen, die höchste Qualitätsstufe. Alle teilnehmenden Ostschweizer Künstlerinnen und Künstler werden von Grund auf so positiv eingeschätzt. Es gibt ja auch keine Jury, die wertet und bestimmt, was Kunst ist, oder nicht ist. Im Zweifel sind alle, die Kunst schaffen, Künstler oder Künstlerin.»
Finde ich einen schönen Gedanken, so urdemokratisch, und spaziere, den weissen Jutebeutel mit Stift und Block darin locker um die Schulter gehängt, über Kopfsteinpflaster und heissen Asphalt. Wir befinden uns in der Nähe des Bahnhofs und wollen zu Mariel Stadler-Seitz.
«Ich bin ein bildlicher Mensch»
Kemmann sucht Hinweisschilder, rote Pfeile auf weissem Grund, meint, dass die Künstlerinnen und Künstler angewiesen seien, ihre offenen Ateliers auffindbar zu machen. Erst, als wir direkt vor dem Gebäude stehen, lese ich «Praxis für Psychotherapie» und darüber den Namen der Künstlerin.
Wir gehen durch den Hausflur und werden sogleich freundlich begrüsst. Getränke stehen bereit, auch Prosecco. Kemmann stellt mir die Künstlerin vor. Erster Eindruck: offenes Wesen, lächelt viel, wirkt in sich ruhend, dennoch lebhaft. Zwei Tage in der Woche arbeite sie hier als Therapeutin, den Rest der Zeit male sie, erklärt Mariel Stadler-Seitz. «Künstlerisch tätig bin ich, seit ich denken kann. Ich bin ein bildlicher Mensch.» Wir nicken.
Farbige Bilder hängen an weissen Wänden, tanzende Frauen, sitzende Frauen. Es herrscht eine Art Spannungsverhältnis zwischen den Ebenen, den Dargestellten. «Dieses Stück hier», sie zeigt auf ein Kunstwerk, das auf den ersten Blick recht ungeordnet wirkt, «habe ich dreimal übermalt. Bewegung und Farbe haben mich hier interessiert. Jetzt gefällt es mir, so wie es ist.»
Mariel Stadler-Seitz: Tanzende
Sie sei beim Malen innerlich gesteuert, sagt sie. Das Unbewusste führe den Pinsel. Das sei natürlich ein anderes Arbeiten als mit Patientinnen und Patienten. In der Therapie müsse sie immer alles übersetzen. Das sei ein anstrengender, sehr bewusster Vorgang.
In einem zweiten Raum, dem ehemaligen Kinderspiel- und Therapiezimmer, dort, wo sie früher ausschliesslich mit Kindern gearbeitet hat, steht mittlerweile ein grosser Tisch in der Mitte, darauf Zeichnungen. «Hier ist mein Zeichenraum und Depot. Früher haben hier Kinder auf dem Boden gespielt und ich bin mit ihnen herumgekrochen und habe versucht herauszufinden, in welchen Rollen sie sich gerade befinden. Früher waren die Wände mit Kinderzeichnungen tapeziert, jetzt hängen hier meine Bilder.»
Drei Frauengesichter blicken von der Wand herab. Drei Porträts. «Aus dem Kopf gemalt», sagt sie. Und ergänzt: «So ein Bild ist auch ein Spiegel.» Ich betrachte die Gesichter, vor allem die Augen, sehe Zurückhaltung, Ernsthaftigkeit, auch etwas wie Trauer. Nach einer halben Stunde verabschieden wir uns und geben Stadler-Seitz die Möglichkeit, mit den eben eingetroffenen Gästen ins Gespräch zu kommen. Die ersten prosten sich schon zu. Wir gehen.
Eine Riesenkiste – und Kemmans letzte
Zurück im Auto erzählt Kemmann, dass «5ünfstern» in der Schweiz die grösste Plattform dieser Art sei. Dieses Jahr beteiligen sich rund 240 Kunstschaffende aus vier Ostschweizer Kantonen. Im Schnitt investiert Kemmann zwischen 800 bis 1000 Stunden in die Realisierung des Kulturprojekts. «Das ist eine Riesenkiste», sagt sie. «Und warum nur alle drei Jahre?», frage ich. «Künstlerinnen und Künstler brauchen Zeit. Da vergehen oftmals drei Jahre bis sie was Neues haben.»
Fünfzehn Jahre war Kemmann die Organisatorin; hat Gelder akquiriert, Strippen gezogen, Leute motiviert und Kunstschaffende eingeladen. 2020 ist für sie das letzte Mal. «Da sollen jetzt mal andere ran», findet sie. «Ich habe das lange genug gemacht.»
5ünfstern – 240 Kunstschaffende aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell öffnen ihre Ateliers: bis 1. November
Alle Infos: fuenfstern.com
Vom beschaulichen Gossau führt uns der Weg nach Herisau. Dort wollen wir Eveline Göldi einen Besuch abstatten. Wir fahren durch ein gut situiertes Wohnquartier, parken den Wagen vor einem schmucken Haus. Der Ehemann der Künstlerin begrüsst uns, weist uns ein. Wir sollen unsere Namen in die Liste eintragen. Machen wir.
Das Atelier, in dem Göldi arbeitet, ist klein, wirkt wie ein Nebenraum. «Aber», sagt sie, «meine Bilder hängen überall im Haus. Sehen Sie, überall gibt es Bilderschienen. So kann man schnell und einfach wechseln.» Die Holz-Staffeleien habe ihr Mann gefertigt. Er unterstütze sie, wo er nur kann. In Badelatschen und weissem Hemd steht er im Arbeitszimmer und beäugt uns.
Oft malt sie ihre Bilder nach Vorlagen. In ihrem Fall nach Fotomotiven. Dafür kauft sie die Fotolizenzen. Auf einem Bild erkennt man Stan und Ollie, auf einem weiteren Frida Kahlo. Ein Drittes zeigt Michael Jackson in einer Tanzpose.
Im Hauptberuf ist Göldi Finanzplanerin mit einer 60-Stunden-Woche. Vor 25 Jahren hat sie angefangen zu malen, und das nur, weil sie ein schönes Bild für ihr Wohnzimmer haben wollte. Seit mittlerweile sechs Jahren ist das kleine Zimmer mit Tür zum Garten ihr Atelier. Hier kommt sie auf Ideen, lässt sich inspirieren.
Ein Werk scheint ihr besonders wichtig. Es ist nicht auf Leinwand gemalt, sondern auf edle Weinkisten. Es trägt den Titel Die neue Evolution. «Ich liebe das, was die Natur hergibt», sagt Göldi. «Deswegen auch die Holzkisten als Malfläche. Ich habe das Bild so genannt, weil ich der Meinung bin, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Wir verlieren die Kontrolle. Nicht zuletzt beim Klima. Da muss doch was getan werden.»
15 bis 20 Farbschichten habe sie für Die neue Evolution aufgetragen, erklärt Göldi.
Beim Gang durch ihre kleine Ausstellung zeigt sie auf ein Kunstwerk mit dem Konterfei Albert Einsteins. Durch und durch schrille Farben. Bei einem Wettbewerb gewann sie damit einen Preis.
Sie wirkt stolz über diese Anerkennung. Dankbar nehmen wir später ihr Angebot an, etwas Zitronenkuchen mitzunehmen. Die Zeit vergeht schnell.
Eveline Göldis Albert Einstein
Bei offenen Autofenstern und laufendem Motor füttert Kemmann ihr Mobiltelefon mit einer neuen Adresse. Die Navi-App bringt uns wenige Minuten später zur Objekt- und Installationskünstlerin Barbara Nimke, die drei Jahre lang im St.Galler Kulturkonsulat ein kleines Atelier nutzen konnte. «Das war ein toller Austausch», sagt sie. «Andere Künstler und Künstlerinnen waren vor Ort, der Saiten-Verlag. Diese Möglichkeit des Austauschs fehlt mir hier.»
In Spanien hat Nimke das zeitgenössische Goldschmiedehandwerk erlernt, 2007 erhielt sie den Förderpreis des Sarganserland. Ihr Atelier befindet sich in einem Wohnhaus. Es ist eine kleine, separate Wohnung, die sie komplett für sich nutzen kann. Viel Licht dringt durch die Fenster. Überall steht und hängt ihre Kunst. Sie arbeitet vor allem mit Metallen und Textilien, mit Langlebigem und eher Kurzlebigem.
«Meine Arbeit war lange Zeit sehr persönlich», erklärt sie. «Unter anderem ging es mir um Erinnerungen, um Glücksmomente, das Einfangen von Momenten. Verletzlichkeit war da auch ein Thema.»
Sie zeigt auf unterschiedlich gearbeitete Metallplatten an Lederschnüren, die in der Mitte perforiert sind. Sie hängen in Reihe. Ich habe das Bedürfnis, eine der Platten in der Mitte entzwei zu brechen und einen Teil zu behalten, als Erinnerung.
Über ihr Vorgehen sagt sie: «Ich weiss nicht was ich mache, wenn ich etwas mache. Es gibt so Unfälle, die gefallen mir.» Auf einem Bord stehen unbehandelte Porzellantassen mit abgebrochenen Henkeln. Sie sehen unfertig aus. Aber es ist wohl genau dieser Zwischenzustand, dieses Nicht-Perfekte, das Nimke interessiert.
Sie erzählt von einem persönlichen Brief, der ihr einmal zugestellt wurde, kein schöner Inhalt, betont sie, mit böser Absicht geschrieben. Den hat sie sich genommen, zerknüllt und mit einer dünnen Porzellanschicht versehen. Salzkristalle bilden die raue Oberfläche. «Manches muss man loslassen», sagt sie in ruhigem Ton. Die Art wie sie redet, lässt mich ebenfalls ruhig werden.
Das Betrachten ihrer Kunst hat etwas mit Kontemplation zu tun. Das spüre ich. Eine seltsame Stille breitet sich aus. Auch in mir. Fast greifbar. Bin sehr im Moment. Alles wird irgendwie weicher, flüssiger, durchlässiger. Und weil plötzlich alles so anders ist und sich gut anfühlt, verlasse ich nur ungern Nimkes Atelier. Die nächsten Minuten reden Kemmann und ich nur wenig. Das Gehörte und Gesehene wirkt nach.
«Manches muss man loslassen», sagt Barbara Nimke.
Wie unterschiedlich Zugänge sein können, denke ich – und erinnere mich an die Worte der Künstlerin und Therapeutin Mariel Stadler-Seitz. Am Morgen noch, ein Lächeln auf den Lippen, hatte sie gesagt, dass Kunst ein Ausdruck von Eindruck sei. Klingt einfach, bringt aber das Wesentliche auf den Punkt.
Und ich sehe sie jetzt wieder vor mir, diese der Welt zugewandte Person und wie sie mit den Kindern auf dem Boden ihrer Praxis spielt, auf allen Vieren herumkriecht, wie sie selbst die unterschiedlichsten Rollen annimmt, einen Ausdruck findet. Wie recht sie hat – und wie bereichernd es ist, Kunst zu erleben, so unterschiedlich diese auch sein mag.
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