Ein bewegtes Leben
Pankraz Vorster war der letzte Fürstabt von St.Gallen. Sein Tagebuch liefert wertvolle Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das Stiftsarchiv St.Gallen hat die Handschrift als Edition veröffentlicht und vergangenen Mittwoch einen Einblick gegeben.
Der Fürstabt Pankraz Vorster hat Tagebuch geführt (Bild: pd/Stiftsarchiv St.Gallen )
Das Publikumsinteresse am Mittwochabend war gross. Spontan mussten im Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen zusätzliche Stühle aufgestellt werden. Im Rahmen der Vortragsreihe des Historischen Vereins St.Gallen stellten die Historikerin Anina Steinmann, die Grafikerin und Historikerin Sandra Ernst und Stiftsarchivar Dr. Peter Erhart ihre dreiteilige Publikation Das Tagebuch des St. Galler Fürstabts Pankraz Vorster vor.
Das Werk gehört zur Reihe der Itinera Monastica, die vom st.gallischen Stiftsarchiv herausgegeben wird und kritische Editionen von klösterlichen Reiseberichten von der Spätantike bis in die Neuzeit präsentiert. Drei Bände sind dem letzten Fürstabt von St.Gallen gewidmet: Pankraz Vorster. Sie basieren auf seinem schriftlichen Nachlass, der über Umwege 1981 ins Stiftsarchiv gelangte.
Den ersten Impuls zu den drei Bänden gab laut Dr. Peter Erhart die Ausstellung von 2005 im Kulturmuseum St.Gallen. Dort wurde der Grossratsbeschluss über die Auflösung des Besitzes der Fürstabtei St.Gallen vom 8. Mai 1805 präsentiert. Zudem zeigte man ein wichtiges Zeitzeugnis: das Tagebuch des letzten Fürstabts von St.Gallen.
Pankraz Vorster führte in jeglicher Hinsicht ein bewegtes Leben. Ganze 20'000 Kilometer hat er zurückgelegt und an über 300 Orten übernachtet, als er versuchte, seine Fürstabtei zu retten. Nur vier Prozent seiner Zeit als Fürstabt verbrachte er in St.Gallen, erklärt Sandra Ernst. Die restlichen Jahre war er in der Mission, den Untergang der Fürstabtei St.Gallen zu verhindern, unterwegs.
Geboren war der mit bürgerlichem Namen Francesco Antonio Ignazio Eduardo Luigi Vorster Genannte am 31. Juli 1753 in Neapel. Als drittgeborener Sohn war für Francesco eine geistliche Laufbahn vorgesehen. Zunächst wurde er im Alter von 14 Jahren zu seinem Onkel, einem Pfarrer in Grub SG, geschickt.
Mit 18 Jahren legte Francesco sein Gelübde ab und wählte den aussergewöhnlichen Klosternamen Pankraz – nach dem (Eis)heiligen Pancratius. Schnell stieg Pankraz auf und stand ab 1796 an der Spitze des Klosters St.Gallen. Doch die Zeiten in Europa waren unruhig. In Frankreich bahnte sich die Französische Revolution an, auch in der Schweiz forderten die Menschen mehr Mitspracherecht – wogegen Pankraz sich wehrte.
Im Jahr 1797 sah er sich erstmals gezwungen, das Kloster zu verlassen, weil er nicht auf die Forderungen der revolutionären Bewegung eingehen wollte und sich bedroht fühlte, erklärt Ernst. Diese erste Flucht bildete den Startpunkt für eine sehr unstete Zeit in seinem Leben. Als Vertreter der alten Ordnung war er nicht allerorts gern gesehen und in St.Gallen konnte er sich fast gar nicht mehr aufhalten. Die französischen Truppenbewegungen zwangen ihn, ständig umherzureisen.
Als sich 1803 mit der Mediationsakte in Paris die Helvetische Republik auflöste, startete Pankraz einen regen Briefwechsel mit Paris und versuchte verzweifelt, den Untergang der Fürstabtei zu verhindern. Das lässt sich laut Ernst an den heute noch vorhandenen Briefen ablesen.
Auf seiner Reise kam er nach Wien, wo er von der Abdankung von Kaiser Franz Josef dem Zweiten und dem damit einhergehenden Untergang des Heiligen Römischen Reiches erfuhr. Nach diesem Ereignis «geschah nichts», so schreibt Pankraz mehrfach in seinem Tagebuch, und auch er blieb tatenlos. Erst später, zur Zeit des Wiener Kongresses, trat Pankraz wieder vermehrt in Aktion. Er reiste nach Rom und bat Papst Pius VII um Unterstützung bei der Rettung der Abtei, allerdings konnten auch die päpstlichen Schreiben an verschiedene Minister nichts ausrichten, und so verliess Pankraz Rom 1816 unverrichteter Dinge.
Porträt des Fürstabts (Bild: pd/Stiftsarchiv St.Gallen )
«Kurz und knackig» berichtete Anina Steinmann, dass Pankraz 1816/17 zurück in die Schweiz kam, als die Tagsatzungen in Zürich und Bern gegen die Wiederauferstehung der Abtei stimmten. Wo also sollte Pankraz seine Pension verbringen? Das Kloster Muri hatte er bei früheren Besuchen kennen und schätzen gelernt. Er versuchte, dort einen Platz zu bekommen. Die Regierung Aargaus lehnte sein Gesuch allerdings ab – war er doch als Unruhestifter verschrien. Pfarrer Sebastian Enzler aus Arth jedoch verhalf ihm zu einer Aufenthaltsbewilligung in Arth im Kanton Schwyz, wo Pankraz eine «unbequeme und einsame Wohnung» beziehen musste.
Bisher unterstellte die Forschung Pankraz, er habe die weltliche Macht um keinen Preis abgeben wollen. Das sei nach neuesten Erkenntnissen ein Fehlschluss, so Steinmann. Pankraz habe eigenhändig notiert, dass er die weltliche Macht abgeben und lediglich die geistige Oberhoheit behalten wollte – freilich nützte das auch nichts mehr.
Seine schlechte Gesundheit bewegte Pankraz noch ein weiteres Mal, sich um einen Platz im Kloster Muri zu bemühen. Erneut lehnte die Aargauer Regierung ab. Aber der Abt von Muri gestattete ihm den Aufenthalt in Muri, wo er bis zu seinem Lebensende 1829 verweilte und wo seine Gebeine noch fast 100 Jahre darüber hinaus blieben. Seine sterblichen Überreste wurden 1923 ins Kloster St.Gallen überführt. Damit war seine endgültig letzte Reise getan.
Erhart Peter (Hg.): Das Tagebuch des St. Galler Fürstabts Pankraz Vorster 1796–1829, Band 1 bis 3. Böhlau Verlag, Wien 2024 bis 2026.
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