, 19. März 2019
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Ein bisschen Konkurrenzdenken hilft

Gian Lüchinger vom Kollektiv Klimastreik Ostschweiz über das Dasein als Vegetarier und was sein Bruder und Frankreich damit zu tun haben.

Die Fotos vom Rhônegletscher auf dem Cover und im Titelthema des Märzhefts sind von Tobias Siebrecht.

Mir ist unsere Zukunft und die Zukunft der Erde und ihrer Lebewesen sehr wichtig. Den meisten Menschen ist
 das Klima ebenfalls nicht egal und sie sagen «Wooow!» oder «Krass!», wenn sie Bilder der Eismassen vor 50 Jahren im Vergleich zu heute sehen. Zehn Minuten später leben sie jedoch ihr komfortables Leben weiter. Am Abend essen
 sie ein Rindskotelett aus Uruguay, zwei Wochen später gönnen sie sich schöne Ferien in der Karibik und geniessen ihr Leben.

Wenn man sie darauf anspricht, weshalb sie nichts für den Klimaschutz tun, schieben sie die Schuld gerne anderen zu. Zum Beispiel den Nachbarn, deren Auto noch viel mehr Benzin verbraucht und die vier und nicht nur zwei Mal pro Jahr in die Ferien fliegen. Man argumentiert auch gerne damit, dass die Schweiz sowieso nur einen kleinen Teil der weltweiten Emissionen ausstösst und man selbst
 darum nur für einen winzigen Teil der Emissionen verantwortlich ist.

Es schmerzt zu handeln, und ich kann verstehen, dass es einen reizt, zum Beispiel häufig in die Ferien zu fliegen. Aber trotzdem finde ich es egoistisch und unfair, keine Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen. Klar kann keine Person
 null Prozent CO2 ausstossen, denn um das zu erreichen, müsste man nackt herumlaufen und sich selbstversorgerisch ernähren. Aber je weniger desto besser!

Vor einer Weile wurde ich Vegetarier. Es ist nicht
 die Welt, aber es ist ein Anfang, um meinen eigenen CO2-Ausstoss zu senken, und es lässt sich leicht umsetzen. Jeder und jede kann auf Fleisch verzichten. Als ich das meiner Familie erzählte, beschloss mein Bruder, ebenfalls vegetarisch zu werden: Er wollte es schaffen, länger durchzuhalten als ich. Wäre ich nicht Vegetarier geworden, hätte er auch nicht angefangen, sich fleischlos zu ernähren. Das ist cool, denn wenn jemand etwas Gutes tut, ziehen andere mit
 und es gibt einen kleinen «Konkurrenzkampf». Ich glaube, dass uns das anspornen kann.

Das mit der Konkurrenz funktioniert im Kleinen wie
 im Grossen: Eine erwachsene Person erzählt ihren Freunden, dass sie und ihre Familie jetzt klimafreundlicher leben. Das heisst zum Beispiel, dass sie weniger Fleisch essen, nicht mehr fliegen und kein Auto mehr besitzen, doch trotzdem fehlen ihnen keine Nährstoffe, und sie sind immer noch mobil, da sie nun ein GA haben. Wenn die Person nun ihre Freunde fragt, was sie für das Klima tun, und die Freunde nicht gerade viel sagen können, fühlen sie sich möglicherweise schlecht
 und sie beginnen, ebenfalls weniger Fleisch zu essen, und fahren ihre Kinder nicht mehr mit dem Auto ins Training. Das wäre super und dieses Beispiel zeigt, dass es eben auch nützlich sein kann, wenn ein bisschen Konkurrenzdenken herrscht. Denn möglicherweise zieht das Umfeld mit und das würde schlussendlich doch einiges ausmachen.

Wenn die Schweiz es schaffen würde, immer weniger Emissionen auszustossen, würde vielleicht ein noch grösserer Konkurrenzkampf stattfinden. Andere Länder würden dann denken, dass sie das auch schaffen, wenn es die Schweiz schafft. Angespornt von der Schweiz, würde vielleicht auch Österreich versuchen, den Emissionsausstoss
zu senken. Und dann Deutschland und dann Frankreich und so weiter…

Für alle, die Kinder haben, sind die Kinder etwas vom Wichtigsten und sie lieben sie über alles. Auch Ihr wünscht euren Kindern nur das Beste. Ihr wollt, dass sie es gut haben. Aber Ihr hinterlasst uns Kindern eine Welt voller Probleme. Klar, wenn man 50 ist, kann man sich noch eine Klimaanlage ins Haus bauen und wird den Klimawandel nicht spüren, denn die nächsten 50 Jahre wird man voraussichtlich nicht überleben. Doch das ist sehr egoistisch.

Und liebe Firmen, hört auf, nur ans Geld zu denken, sondern denkt an die Umwelt. Denn was nützt es unseren Urenkeln 2100, wenn sie ein Vermögen erben, das wir heute verdienen, und sie in der Schule eine gute Bildung geniessen können, wenn der Meeresspiegel fast zweieinhalb Meter gestiegen sein wird, was 500 Millionen Menschen in die Flucht treiben wird,
 und wenn etwa 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen unfruchtbar sein werden? Nein, das wollen wir nicht.

Wenn wir im Fach Geografie lernen, dass ein Achtel des Nordpols in den letzten 100 Jahren geschmolzen ist, reagiert die Klasse erstaunt darauf. Viele lernen diese Fakten einfach und wissen um die Katastrophe, aber gehen nicht darauf ein. Doch wir, die Klimastreikenden, wollen auch etwas dagegen unternehmen. Wir gehen an die Demos und
 machen auch im Privatleben etwas. Strengen doch auch Sie, liebe Eltern, sich bitte an, uns eine Zukunft mit möglichst wenigen Problemen zu hinterlassen.

Es ist nicht zu spät, wir können die Klimaerwärmung noch stoppen. Je früher wir etwas unternehmen, desto geringer wird das Problem, also fangen wir an. Versuchen wir ökologisch zu leben und weniger Emissionen auszustossen. Es ist klar, dass man nicht von heute auf morgen kein
 CO2 mehr ausstossen kann, aber man kann es in vielen kleinen Schritten verringern. Wir haben die Macht dazu.
 Danke.

Gian Lüchinger, 2003, besucht die zweite Klasse an der Kanti am Burggraben mit dem Schwerpunkt Biologie und Chemie. Er ist Teil des Kollektivs Klimastreik Ostschweiz. Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

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