Das Palace feiert sich selbst und ist mit zehn Jahren gross genug für ein Motto: das Gastrecht.
Die Gastrechthaberei
Das Bier ist zu warm, es verstopft den Darm; die Musik ist zu leise, zu hoch sind die Preise; der Nachbar ist zu laut, weil er Kaugummi kaut; der Saal ist zu voll, und das Programm nicht toll; das Glas ist leer, die Sorgen schwer; der Stuhl viel zu tief, im Klo ist ein Mief – wenn der Gast reklamiert, dann hat er mindestens einen Grund dafür, und ausserdem ist er betrunken, schlecht gelaunt oder er wurde versetzt, beschimpft, gestossen und hat sich währenddessen an etwas gestört und das gesagt, nicht vertagt, genau: Diese Sau hat mir die Sicht versperrt, die Gitarre ist zu verzerrt, mir ist schlecht – wie auch immer: Ich habe Recht.
Der Gastrechtsrutsch
Dabei kann es geschehen, dass der Gast beim Reklamieren seine Mitte verliert, denn in der Mitte ist es gemütlich, was ihn zusätzlich frustriert; er verlässt seine Komfortzone, um seinem Unmut Platz zu machen und schon kommt er ins Wanken, weil er betrunken ist und sich nicht mehr spürt, so dass er sich wie der letzte Trottel aufführt; er wankt von Seite zu Seite, stösst die Nachbarn links und rechts, rechts und links und vorne und hinten, immer stärker, bis auch sie ins Wanken kommen, und so geht das durch die ganze Reihe und keiner reagiert – bis der ganz rechts aussen den Halt verliert, und schon ist der Gastrechtsrutsch vollzogen, und alles nur, weil einer den Drang verspürte, seinem Ärger auf unflätige Weise Luft zu machen.
Der Gastrechtsanwalt
Ist der Gastrechtsrutsch erst vollzogen, beginnt die Kacke so richtig zu dampfen, denn nun muss der Platz neu besetzt werden, nur mit wem?, das ist die grosse Frage und schon beginnt die allgemeine Klage, denn standfester als sein Vorgänger muss er sein, wir wollen breite Schultern und stramme Schenkel, aber nicht Ferdinand, der geht mir auf den Senkel, wen willst du denn?, schreit einer von oben, etwa die Petra? und schon beginnt die Menge zu toben – eben noch gings nur ums Wanken und schon ist der ganze Saal am Zanken, da hilft nur noch eins, denn einer muss es richten und den vollen Saal schlichten, denn das Recht des Gastes ist bedroht, zum Glück erkennt das einer und ruft Halt! und wird allsobald zum Gastrechtsanwalt.
Gastrecht 3: Fuckintosh Experience proudly presents Trudi Gersta Suppa: 26. und 27. Dezember, Palace St.Gallen palace.sg
Der Gastrechtsstaat
Bald ist wieder Ruhe eingekehrt, denn der Gast hat an diesem Abend so einiges gelehrt bekommen und er akzeptiert unvoreingenommen: Das Gastrecht schränkt das individuelle Handeln ein, um die Freiheit des Einzelnen zu sichern, das hat er jetzt begriffen – und noch was, das vergisst er nie: Es dient der Kultivierung der Demokratie! Der Gast ist froh und trinkt noch ein Bier, denn plötzlich wird aus dem «ich» ein «wir» und bald schon frohlockt der ganze Saal, es erscheint allen komplett trivial, dass das Miteinander viel besser funktioniert, wenn man sich nicht nur auf sein Recht konzentriert, sondern sich verbrüdert und verschwestert und der guten Musik zuhört, die plötzlich keinen mehr stört – im Gegenteil, das Publikum findet die Band plötzlich «sowas von geil» und feiert fiebernd einen Abend, ein Wochenende, ein Jahr, eine Dekade eines Clubs, der das Gastrecht tatsächlich versteht und nicht seinen Sinn verdreht; es feiert einen Club, der den Gast stets willkommen heisst und Woche für Woche beweist, dass es noch so etwas wie Solidarität gibt auf dieser Welt, wo ein spannendes Programm den Schweizer Kulturhorizont aufhellt, eine sichere Adresse für guten Geschmack und Futter für Herz und Hirn, ein Ort, der sich reibt statt zu gefallen: Happy Birthday, liebes Palace in St.Gallen!
Fabienne Schmuki, 1983, ist Geschäftsführerin der unabhängigen Musikagentur Irascible, Vorstandsmitglied bei IndieSuisse und dem RFV Basel. Sie lebt und arbeitet in Zürich.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung