, 10. Juli 2012
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Ein Ehrenplatz für Bonnie Prince Billy

Diesen Freitag spielt der US-Songwriter Bonnie Prince Billy im Palace in St.Gallen. Kein anderer Künstler wurde von Pop-Aficionado René Sieber so häufig im Presswerk von Saiten besprochen. Hier sind, als einmaliger Rückblick und zur Einstimmung auf das Konzert, seine Plattenbesprechungen der letzten mehr als zehn Jahre versammelt. Was heisst da Besprechungen – Bekenntnisse eines Fans: […]

Diesen Freitag spielt der US-Songwriter Bonnie Prince Billy im Palace in St.Gallen. Kein anderer Künstler wurde von Pop-Aficionado René Sieber so häufig im Presswerk von Saiten besprochen. Hier sind, als einmaliger Rückblick und zur Einstimmung auf das Konzert, seine Plattenbesprechungen der letzten mehr als zehn Jahre versammelt. Was heisst da Besprechungen – Bekenntnisse eines Fans:

Frühling 2001: Ease Down The Road

Genuin ist er, verschroben, kauzig. Der grosse Einzelgänger der amerikanischen Liedermacher. Im vergangenen Jahr setzte ihm der gute, alte Johnny Cash mit der gemeinsam gesungenen Coverversion von «I See A Darkness» die Krone auf: Will Oldham ist plötzlich in aller Munde. Will Oldham? Bonnie Prince Billy ist Oldhams neuster Künstlername. Vorher firmierte er unter Palace, Palace Songs, Palace Brothers oder gar unter seinem eigenen Namen. Allein diese Kuriosität der wechselnden Pseudonyme scheint nicht wirklich verkaufsfördernd. Noch weniger seine Musik. In der Tradition des kratzigen, alten Folk(noir)songs – den Dylan ungerecht als ausgestorben wähnte – leidet und windet sich Will Oldham mit einer Unstimme durch seine spröden, spärlich begleiteten Lieder. Lege ich frühere Platten von ihm auf, habe ich das Gefühl, Will sitze in meiner Küche und spiele mir seine Songs höchstpersönlich vor. Eine Intimität, die auch auf seinem neusten Streich «Ease Down The Road» (RecRec) nicht abhanden gekommen ist. Immerhin teilt er sich darauf mit der wunderbaren Freakwater-Sängerin Catherine Irwin schon mal für ein paar Lieder das Mikrophon. Auch von der Instrumentierung her facettenreicher, kommt seine neue Platte viel behaglicher und positiver daher als seine letzte dunkle Liedersammlung. Doch die drei grossen (Tabu-) Themen Liebe, Sexualität und Tod schweben weiterhin mystisch dräuend über seinen Kompositionen. «Ease Down The Road»: eine stille, grosse Platte!

Frühling 2003: Master & Everyone

Er schreibe Lieder, «um nicht allein zu sein», gab der beste und eigenwilligste amerikanische Liedermacher schon zu Beginn seiner Karriere zu Protokoll. Mit dem wild wuchernden Bart, hinter dem er sein hageres Gesicht versteckt, sieht Will Oldham eher wie ein leicht durchgeknallter Einsiedler aus. Und nicht wie ein Dichter, der seine Songs für ein kleines, aber treues Publikum schreibt. Am liebsten zieht er sich eh in sein Refugium zurück, liest Peter Handke und schaut sich die Filme von Wim Wenders an. Im Presswerk soll ihm ein fester Ehrenplatz vergönnt sein, denn es ist nie verkehrt, immer wieder auf diesen Ausnahmekünstler aufmerksam zu machen. Bonnie Prince Billy legt gut zwei Jahre nach seinem letzten Meisterstreich «Ease Down The Road» wieder zehn neue entschlackte Song-Juwelen vor. Diese Tatsache allein ist für seine Fans schon ein Fest. Und diese werden auch auf «Master & Everyone» (Rec-Rec) nicht enttäuscht. Im Gegensatz zum abwechslungsreicheren Vorgänger setzt Will Oldham diesmal wieder ganz auf Reduktion und Schlichtheit. Eine äusserst sparsam eingesetzte Akustikgitarre begleitet seine brüchige, gereifte Stimme, die in einigen wenigen Momenten musikalische Unterstützung der beiden Lambchop-Mitglieder William Tyler und Tony Crow erhält. Produziert hat ebenfalls ein Lambchop-Musiker, nämlich Mark Nevers, und wie gewohnt sein Bruder Paul Oldham. Ach, fast hätt ich’s vergessen: Es gibt auf dem neuen Werk eine kongeniale Mitstreiterin zu erwähnen, die den schlanken Liedern noch etwas mehr Fett und Sprutz verleiht. Marty Slayton heisst sie, in den USA als Gastsängerin von Country-Grössen keine Unbekannte. Hört euch «Ain’t You Wealthy, Ain’t You Wise» an, um dieses Gesangsduett vollends geniessen zu können. Weitere Höhepunkte auf «Master & Everyone» sind neben dem Opener «The Way» und dem Titelstück das schier hingeflüsterte «Even If Love» und «Hard Life», in dem Slaytons Stimme nochmals exzellent zur Geltung kommt. Das schönste Stück der neuen CD heisst aber «Wolf Among Wolves». Solche umwerfenden Songs schreibt auf der Welt momentan nur einer: Will Oldham.

Frühling 2004: Bonnie Prince Billy Sings Greatest Palace Music

Ehrlich: Dieses Mal hätte der skurrile Existentialist aus Louisville, Kentucky, seinen Stammplatz im Presswerk fast verloren. Wenn nicht die Schweizer Post wie immer vor den Feiertagen versagte. Doch es hat auch sein Gutes, den Fokus auf Bonnie Prince Billy brennen zu lassen. Fast schon beängstigend wärs gewesen, wenn es sich bei seinem neuen Album um ein reguläres handeln würde, 14 Monate nach «Master & Everyone». Nein, der Bartli hat sein Frühwerk in der Frühlingsluft abgestaubt, Juwelen aus einer Zeit geputzt, als er sich noch nicht Bonnie Prince Billy, sondern Palace Brothers, Palace Songs und Palace Music nannte. Nur dass er bei diesem Kunstgriff ein ordentliches Instrumentarium auffahren lässt: Streicher, Steel-Guitars, Saxophon, Fiddle, Piano. Ordentliche Musiker gehörten ebenfalls auf die Liste, und seinem Gesang liess er diesmal ohne mutwilliges Zerstören freien Lauf. Nashville-Versionen seiner frühen Song-Meisterwerke sind dabei quasi erstanden, die vor ein paar Jahren noch niemand diesem Schrat zugetraut hätte. Das Ganze nennt der Prophet des Neo-Folks schelmisch schmunzelnd «Bonnie Prince Billy Sings Greatest Palace Music» (RecRec). Und so sieht er denn auch aus, auf der Coverrückseite, barbäuchig und mit gefalteten Händen auf seiner Veranda hockend. Ein Künstler, der sich selbst nicht immer bierernst nimmt, dessen Kunst wir aber mit Achtung begegnen sollten. Für meinen Geschmack stört allzu viel Countryeskes den frühen Charme der Palace-Kompositionen. Aber dies ist auch der einzige Wermutstropfen auf einem Album, das ein paar der schönsten Songs aus Billy’s elfjähriger Karriere vereint: «You Will Miss Me When I Burn», «I Send My Love To You», «Pushkin» und «I Am A Cinematographer».

Herbst 2006: The Letting Go

Wie unsereiner in den Ferien eine Luftveränderung sucht, hat sich der kauzigste Liedermacher Amerikas für sein neues Opus in Islands Hauptstadt Reykjavik eingeschifft. Will Oldham hat – unter diversen Pseudonymen und in etlichen Kollaborationen – in den 13 Jahren, die seine musikalische Karriere bereits dauert, zwar schon unzählige Alben veröffentlicht. Eine grössere Bekanntheit hat er aber erst unter dem Namen Bonnie Prince Billy erlangt, was möglicherweise eine Anspielung auf den schottischen Adeligen Charles Edward Stuart alias Bonnie Prince Charlie sein könnte. Genaueres weiss man nicht. Die Welt des Sängers, Songschreibers und Schauspielers Oldham bleibt geheimnisvoll, ein weisses Blatt für all jene, die sein Leben zu ergründen versuchen. So etwas wie einen festen Wohnsitz scheint er inzwischen in Louisville zu haben, wo seine Sachen – zu denen vor allem Bücher gehören – lagern. Ansonsten reist Oldham ständig umher. Dieses Nomadentum durchdringt sein Werk. Auch seine neuste Platte «The Letting Go» (Musikvertrieb) sucht on the road nach Gott und Liebe. Er singt Lieder zwischen Glaube und Schicksal, Angst und Hoffnung, Ebbe und Flut, zwischen Meer und Kontinent, Eis und Schnee. Dazu hat der Waldschrat seine neue Muse und Folksängerin Dawn McCarthy ins Studio geladen, die ihn zart, fast zaghaft, aber in manchen Songs leider zu schmusig begleitet. Herausragend ist hingegen die schlichte und effiziente Schlagzeugartistik von Jim White. Und perfekte Arbeit hat auch Björk-Produzent Valgeir Sigurdsson geleistet. Ganz im Gegensatz zu Will’s Freak-Habitus ist er in Wahrheit ein penibler Songwriter, der mit grösster Anstrengung an Stil, Form und Inhalt werkelt. Naturgemäss bleibt seine Lyrik auch in den schlichtesten Zeilen hermetisch. Vielleicht werden in Zukunft nicht nur Dylanologen, sondern auch Oldhamologen Seminarien abhalten. Spannend wär’s ja.

Frühling 2009: Beware

Jetzt darf das «Presswerk» mal wieder: Über den bärtigen Prinzen schreiben. Die letzten Werke von Bonny Prince Billy seit «The Letting Go» von 2006 blieben hier unerwähnt. Na ja, es waren auch zwei Live-Alben darunter. Letzthin meinte ein sonst lieber Kollege beim Mittagessen, dass der gute Billy seinen künstlerischen Zenit überschritten habe. Ich war ziemlich zerknirscht. Will Oldham wird nächstes Jahr vierzig. Er scheint von Kreativität nur so zu sprudeln. Er gibt fast Jahr für Jahr neue Platten heraus, arbeitet und singt mit anderen Musikern und Musikerinnen, produziert, tritt in Filmen auf. Und so einer soll ausgeschrieben sein?! Jetzt also ein richtiges Country-Album. Nun, das ist im Moment nichts Spektakuläres. Alle machen im Moment Indie-Musik, Folk-Musik, Anti-Folk-Musik oder eben Country-Musik. Und hat nicht kürzlich Ben Kweller ein Country-Album aufgenommen? Will Oldham betritt mit «Beware» (Musikvertrieb) aber nicht zum ersten Mal diesen Boden. Mit «Greatest Palace Music» hatte er vor fünf Jahren ältere Songs aus der eigenen Feder mit seufzender Steel-Gitarre, jammernden Geigen, Fiddle, Piano und dezentem Frauengesang auf meisterliche Art neu aufgemischt. Auch das war Country. In seiner edelsten Spielweise. Hier setzt «Beware» diesen einmal eingeschlagenen Weg fort. Und wie Oldham das wieder hinkriegt, indem er seine scheinbar schlichten Sehnsuchtslieder über die Zerbrechlichkeit unserer Seelen bedrängend und berückend arrangiert, hier eine Frauenstimme einsetzt und dort einen Grundrhythmus verschiebt, ergänzt und erweitert. Innerhalb eines Songs bricht er plötzlich ab, verlangsamt das Tempo – und wir halten den Atem an. Seine LoFi-Philosophie wird Billy zum Glück niemals aufgeben, aber mit diesem neuen Opus unternimmt er nichts Geringeres als die Eroberung Nashvilles und die Entdeckung des Wohlklangs eines grossen, ergreifenden Country-Liedes. Meinetwegen kein Zenit, aber eine wundervolle Platte, die mit jedem Hören wächst und noch besser und reifer klingt.

Frühling 2010: The Wonder Show Of The World

Wie fast jedes Jahr zur schönen Jahreszeit klopft der bärtige Prinz an unsere Türen und begehrt Einlass. Mit einem scheuen Lächeln zeigt er auf seine Wundertüte unter dem Arm. Hand aufs Herz: Wer würde ihm darauf das Eintreten in die gute Stube verwehren? Dem Tausendsassa, der keine Ruhe gibt? Kurz vor Weihnachten 2009 legte Will Oldham unter dem fast schon freundnachbarlichen Pseudonym Bonny Billy & The Picket Line mit «Funtown Comedown» wieder einmal ein währschaftes Live-Album in die Läden. Only Vinyl, wie es sich für einen Freak wie ihn gehört. Trotzdem ist es schön und wichtig, dass sein neues Opus «The Wonder Show Of The World» (Musikvertrieb) auch massenkompatibel als CD erhältlich ist. War es auf dem letztjährigen «Beware» noch die Countrymusik, die ihn zu reichhaltig instrumentierten Höhenflügen anregte, ist es nun wieder die reine Folkmusik und der gewohnt karge und auf die Essenz verknappte Vortrag der Lieder. Hinter der Cairo Gang verbirgt sich niemand anderes als der kalifornische Gitarrist und Songwriter Emmett Kelly, der Bonnie Prince Billy bereits bei den Alben «The Letting Go» und «Lie Down In The Light» (2008) zur Seite stand. Diese Zusammenarbeit trägt weitere seltsame Blüten, dessen Farben man erst nach mehrmaligem Eintauchen wahrnimmt. Die Fundamente der zehn neuen Songs sind meist aus unverzerrt gespielten Gitarren gebaut. Gelegentlich kommen sanfte Percussion-Beats hinzu; Studioeffekte beschränken sich auf etwas Hall hier und da. Sparsamkeit im Ausdruck und eine meditative Grundstimmung dominieren so ein Album, das mit der Zeit zu einem Schwanengesang über den Einklang der Dinge, das Glück des Fatalisten und die sakrale Kraft der Musik wird. «I taught the children to play piano, singing with sweet voice», barmt Oldham in «The Sounds Are Always Begging», meinem Lieblingssong. Zum Weinen schön.

 

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