, 23. September 2019
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Ein Garten rettet die Welt

Der St.Galler Schriftsteller Christoph Keller entwirft in seinem neuen Roman die Utopie einer mit der Natur versöhnten Menschheit. Heute ist Buchpremiere von «Der Boden unter den Füssen» in der St.Galler Kellerbühne.

«Ich fordere ein sofortiges, unbegrenztes Zivilisationsmoratorium. Eine Dekade Stillstand, zehn Jahre nichts Neues, ein Jahrzehnt Nullwachstum. Realist mag ich in meinem neuen Leben nicht mehr sein.» So heisst es einmal im neuen Roman des St.Galler Schriftstellers Christoph Keller – einen ausführlichen Auszug daraus hat Saiten im Juli-August-Heft publiziert.

Der Boden unter den Füssen nennt sich im Untertitel «Eine Fantasie». Ausgangs- und Angelpunkt dieser Fantasie ist der Garten. Hier bewegt sich Lion, der Ich-Erzähler, und im Erzählen bewegt sich der Garten, neue Winkel tauchen auf, der Garten wird zugleich unwirklicher und umfassender im Verlauf der Erzählung.

Das merkt man allerdings erst nach und nach. Vordergründig ist Kellers Buch realitätsnah, beinah dokumentarisch. Der Garten, erstmal, ähnelt dem wirklichen Garten in St.Gallen, wo Keller wohnt. Die Hauptfigur, Lion, ist ein renommierter Brückenbauer, Schüler des legendären, 2018 gestorbenen Brückenbauers Christian Menn, mit dem er unter anderem das nie realisierte Projekt einer Grimselbrücke geplant haben soll. Lions Partnerin Cora ist eine nicht minder erfolgreiche Bestsellerautorin. Die weiteren Hausbewohner, die neugierige Nachbarin oder Sarhat, der kurdische Gärtner mit seinem originellen Verständnis von Mein und Dein und seiner politisch verfolgten Familie in der Türkei: soweit alles scheinbar realistisch.

Eine Brücke stürzt ein, ein Bub taucht auf

Und jetzt ist die Ada Valsömmi, Lions jüngstes Brückenbauwerk, eingestürzt. Die Bilanz: zwölf Tote. Lions Reaktion: Er verlangt ein Brückenbau-Moratorium und zieht sich in seinen Garten zurück. Dort taucht Andri auf, der Nachbarjunge, der behauptet, seine Mutter verloren zu haben, vielleicht hier im Garten. Die Andri-Figur (heisst er überhaupt Andri?) folgt einer Traumlogik, die sich Schritt für Schritt des Gartens und der übrigen Figuren bemächtigt. Lions Wege im Garten werden länger, das Gelände erweitert sich, und das hat auch für die Zeit Folgen: Sie gerät immer mehr aus den Fugen. Mehr und mehr übernimmt die Natur das Regime.

«… vor uns breitet sich die Welt aus, einst unberührt, jetzt ausgefranst wie ein überstrapazierter Teppich. Das Gelände wird steiler, bevor es sich verflacht. Stolpernd und ohne uns die Knöchel brechend, gelangen wir in die Talebene. Schritt für Schritt verändert sich unter uns die Landschaft. Nichts Dramatisches, nur sind da eben nicht mehr all die Häuser und Strassen und Zäune, die man vielleicht erwartet hätte. Stattdessen gehen wir auf weichem Gras, das höher wird, uns schon an die Knie gelangt, als wir schliesslich in einen Wald gelangen, der uns gleich dicht einfängt …».

Christoph Keller: Der Boden unter den Füssen. Eine Fantasie. Limmatverlag Zürich 2019, Fr. 31.90

In der sur-realen Welt dieses Buchs dehnen sich Zeit und Raum, kann unversehens ein wortkarger Bär auftauchen, der sich in einer humoristischen Verdrehung des Gallus-Mythos um Lions verletzte Finger Sorgen macht und dann wieder abzottelt. Oder da steht schwuppdiwupp (oder von Sarhat bereitgestellt?) ein Stiefelpaar im Garten, aus dem es gluckst und sprudelt wie bei Roman Signer. Später sausen auch Signers Mini-Helikopter herum, «zerbrechlich klein wie Kolibris»,  und richten ein «Schlachtfeld» an. Ein andermal ist der Erzähler mit dem roten Kayak unterwegs.

Die dreifache Hommage an Signer macht Sinn: So wie der Künstler mit den Natur-Elementen hantiert, sie in Dienst nimmt und sich ihnen zugleich ausliefert, so kümmert Keller, der Signer schätzt und bewundert (mehr dazu in seinem Beitrag Signersignale/Romanromane im Maiheft 2018), der fahrlässige Umgang des Menschen mit der Natur.

«Dass die Menschheit ihre Fähigkeit, sich selbst auszulöschen, Zivilisation nennt, ist das zu lösende Zivilisationsrätsel», sagt Lion. Das Echo kommt vom Bären, lakonisch: «Was nur stellt ihr an», brummt dieser. Und Coras Bestseller mit dem Titel Mit der Natur ist ein Motto des amerikanischen Umweltschützers Paul Shepard vorangestellt: «Meine Frage ist: Weshalb bestehen die Menschen darauf, ihr Habitat zu zerstören?»

Christoph Keller in seinem Garten. (Bild: Tine Edel)

Für seine Zivilisationskritik findet das Buch sprechende Bilder zu Hauf. Zum Beispiel dieses: «Die Landwirtschaftrevolution war ein Irrtum, die zur heutigen, selbstzerstörerischen Zivilisation geführt hat. Aus einer zyklischen Kultur sind wir zu einer blindlings vorwärtspreschenden geworden. Aus dem beschützenden Kreis wurde ein angriffiger Pfeil.» Oder Sarhats allerdings pragmatischere These: «Wir wissen, dass wir alles kaputt machen, machen aber trotzdem weiter alles kaputt. Weil wir uns so langweilen mit uns.»

Buchpremiere: 23. September, 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen (rollstuhlgängig)

Coras provokativer Lösungsvorschlag besteht darin, die moderne menschliche DNA mit Genmaterial des steinzeitlichen Denisova-Menschen «zu veredeln, damit wir wieder auf Kurs kommen». So fantastisch (aber am Ende offenbar erfolgreich) der Plan ist, so rabiat  insgesamt gibt sich der Gegenentwurf zur aus den Fugen geratenen Zivilisation, den dieses Buch in gelassenem Erzählton aufzeigt: Weg mit den Brücken, weg mit der Technik, weg mit all dem zerstörerischen menschlichen Tun, das wir «Fortschritt» nennen.

Geschärfte Sinne

Zurück also in die Höhle, zu Wurfspeer und Lendenschurz? Das ist eine der Szenerien im Buch, allerdings eher der Traumlogik geschuldet beziehungsweise der Textsorte «Fantasie». Diese macht allerhand möglich und lässt Kellers manchmal skurrilem Humor viel Auslauf. Tiere reden, Bäume wachsen und verschwinden, aber auch die Wahrnehmung schärft sich. In einer prächtigen Passage wird das Gehör «wesentlicher», es nimmt die verborgenen Geräusche des Herbsts auf, das «Kratzen, Knistern, Pfeifen und Prasseln», den «Heidenspektakel», den die Blätter beim Aufprall im Gras produzieren.

In dem Mass, wie der Garten wächst, dreht sich die Zeit zurück. Am Ende finden Traum und Realität in der Utopie einer mit der Schöpfung versöhnten Community zusammen, einer «Karawane», die im Kern aus dem ehemaligen Brückenbauer Lion, dem kurdischen Gärtner Sarhat und dem Transmenschen Andri/Andrea besteht und der sich wechselnd andere Leute anschliessen – mal ein paar wenige, mal hunderte. Sie machen sich auf, «in alle Richtungen und immer wieder in den Osten, von dem niemand weiss, wo er endet.» Die Eroberungsrichtung (Go West!) hat gedreht.

«Der Boden unter den Füssen bietet nicht noch eine literarische (oder filmische) Dystopie, sondern richtet den Blick für einmal positiv in die Zukunft», schreibt der Limmatverlag zu Kellers Buch. Lion spitzt dieses Positive etwas härter zu: «Apokalypse, bin ich versucht zu rufen, ist eigentlich etwas Positives, ist es doch wörtlich eine Entschleierung, ein Wegreissen eben des Schleiers von unseren Augen, der uns die Sicht auf das Wirkliche, das Wahre, das eigentlich Schöne versperrt.»

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