Hannelore Fuchs sei das Herz, die Seele und der Motor der Beobachtungsstelle gewesen. So beschrieb sie Vorstandskollegin Silvia Maag an der Trauerfeier im März vor einem Jahr.
Lange war unklar, ob und wie es mit der Stelle weitergeht. Ersatz für die enormen Freiwilligendienste und das juristische Knowhow zu finden, das mit Hannelore Fuchs verloren ging, erwies sich als Ding der Unmöglichkeit. Vor allem darum wurde die Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Ostschweiz an der Hauptversammlung vom 17. Juni im Solidaritätshaus St.Gallen aufgelöst.
Ana Paredes hatte sich im Vorfeld bereit erklärt, die Geschäftsführung des Vereins auch ohne Lohn noch weiterzuführen und die wichtigsten administrativen Arbeiten bis zur Vereinsauflösung zu erledigen. Dazu gehörte unter anderem die Publikation des Buchs Mutter, mach dir keine Sorgen, das ist eine ganz andere Welt, das noch von Hannelore Fuchs projektiert und auch den Herausgeberinnen Ana Paredes und Barbara Weibel zur Herzensangelegenheit wurde. Im Sammelband erzählen elf unbegleitete minderjährige Asylsuchende in Textportraits von ihrer Flucht und vom Leben in der Schweiz (mehr dazu im Aprilheft und im letzten Jahresbericht der Beobachtungsstelle). Das äusserst gelungene Projekt markiert nun traurigerweise auch den Schlusspunkt der Beobachtungsstelle.
Fundraising wurde immer schwieriger
«Niemand wollte den Verein auflösen», sagt Ana Paredes, die die Geschäftsführung 2017 übernommen hat und seit 2020 auch das Solihaus leitet. Man habe intensiv nach Nachfolgelösungen gesucht, aber eine juristische Fachperson zu finden, die gratis so viele asylrechtliche Einzelfälle betreut und dokumentiert und parallel dazu noch politische Arbeit leistet, sei nicht geglückt.
Zudem hatte sich die finanzielle Situation des Vereins aufgrund zurückgehender Spenden verschlechtert. Einen ersten herben Verlust musste die Beobachtungsstelle bereits 2018 mit dem Tod des St.Galler Pfarrers Josef Wirth hinnehmen. Wirth war dank seines humanitären Engagements und seinem breiten Netzwerk der perfekte Fundraiser für die Beobachtungsstelle. Jetzt schliesst die letzte Rechnung in der Vereinsgeschichte mit einer schwarzen Null.
Die Beobachtungsstelle ist 2004 aus einem Runden Tisch der CaBi-Anlaufstelle gegen Rassismus hervorgegangen und hat 2008 den Betrieb aufgenommen. Ziel war, auch unter dem Eindruck einer verschärften schweizerischen Asyl- und Ausländergesetzgebung ab 2006, die Einzelfall-Dokumentation der zunehmend harten Asylpraxis und -politik im Kanton St.Gallen. Die Landeskirchen sowie die Schweizerische Beobachtungsstelle in Bern hatten das Büro in St.Gallen finanziell unterstützt.
Die Schweiz mauert weiter
«Wenn Menschenrechte und Menschenwürde in einer Gesellschaft antastbar geworden sind, sind dem Einfallsreichtum der Parteien für Verschärfungen keine Grenzen mehr gesetzt», schrieb Hannelore Fuchs 2009 im Jahresbericht. Zwölf Jahre später muss man sagen, sie hatte recht: Ausschaffungsinitiative, Minarettinitiative, Ecopopinitiative, Masseneinwanderungsinitiative, Durchsetzungsinitiative, Burkainitiative. Was kommt als Nächstes?
Die Schweiz mauert fleissig weiter. Umso wichtiger wäre, dass nicht nur aus Genf und Bern, sondern auch aus St.Gallen heraus genau hingeschaut wird. Und umso bedauerlicher natürlich, dass die Ostschweizer Beobachtungsstelle diese wichtige Arbeit nicht mehr verrichten kann. Offenbar gab es Gespräche und deutet einiges darauf hin, dass zumindest die politische Arbeit zum Teil vom Solidaritätsnetzwerk übernommen werden könnte.
Wer sich aber der in den hiesigen Asylzentren Gestrandeten in jener verdienstvollen Weise direkt annimmt, wie es Hannelore Fuchs getan hat, bleibt vorerst eine offene Frage.
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung