, 9. Juli 2020
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Ein Herz für die Kunst – aber nicht jetzt

Die Stadt St.Gallen spart und will darum die dringend nötige Sanierung des Kunstmuseums um fünf Jahre verschieben. Das wollen viele nicht hinnehmen. Am Mittwoch lud die «Erfreuliche Uni» darum zur Diskussion im Stadtpark.

Thomas Stüssi, Roman Griesfelder, Peter Surber, Evelyne Angehrn und Thomas Scheitlin (v.l.n.r.)

Das St.Galler Kunstmuseum, der ehrwürdige Bau des hiesigen Architekten Johann Christoph Kunkler ist bereits seit 20 Jahren sanierungsbedürftig. Die dringend nötigen Arbeiten sollen nun noch einmal um fünf Jahre verschoben werden, weil der Stadtrat Mitte Juni aufgrund der Pandemie ein Sparpaket geschnürt hat, dem unter anderem auch schon das Kinderfest zum Opfer gefallen ist. In der Bevölkerung und in der Kunst- und Kulturszene regt sich Widerstand.

Am Mittwochabend lud darum die «Erfreuliche Universität» des Palace zu einem Podiumsgespräch ein. Für einmal im Stadtpark statt im Palazzo am Blumenbergplatz. Auf der Bühne standen neben Stadtpräsident und Finanzdirektor Thomas Scheitlin (FDP) Stadtparlamentarierin Evelyne Angehrn (SP), Roman Griesfelder, Direktor des Kunstmuseums sowie Thomas Stüssi, freischaffender Künstler und Leiter des Lehrgangs HF Bildende Kunst an der GBS St.Gallen.

Selten besuchten so viele Menschen eine Veranstaltung der «Erfreulichen Universität». Zwischen 150 und 200 Personen fanden sich am Mittwochabend auf der Wiese vor dem Kunstmuseum ein und wollten wissen, warum der Stadtrat die geplante Sanierung des Gebäudes schon wieder verschoben hat.

Saitenredaktor Peter Surber, der die Anwesenden durch das Gespräch führt, erinnert zu Beginn an den Kulturappell der IG Kultur. Diese hat innert Wochenfrist 1200 Unterschriften gegen die Verschiebung der Sanierung des Kunstmuseums gesammelt. Das sind fast gleich viele Unterschriften, wie bei der Petition gegen die Absage des Kinderfestes zusammengekommen sind.

«Superfunktional»

Als erstes hat Museumsdirektor Griesfelder das Wort. Auf die Frage, warum das Kunstmuseum überhaupt saniert werden muss und ob kritische Stimmen Recht haben, die behaupten, das Projekt sei noch nicht ausgereift, antwortet er: «Es ist eine ambivalente Situation». Das Projekt sei ausgereift und man habe sich über Jahre mit dem Siegerprojekt aus dem Jahr 2012 beschäftigt.

Er gibt aber auch zu, dass es zu Beginn auch kontroverse Diskussionen über Details gegeben habe. Diese seien nun aber geklärt und man sei seit Februar, als man sich mit Vertretern der Stadt St.Gallen getroffen habe, zuversichtlich.

Enttäuschung schwingt mit, als Griesfelder über den Moment spricht, als der Stadtrat das Projekt vor nicht einmal einem Monat nun doch wieder um fünf Jahre verschoben hat. Er betont, dass es sich bei der Sanierung um eine typisch st.gallische Vorlage handle: nicht um ein Hochglanz- oder ein Statusprojekt, sondern um etwas «Superfunktionales» und Nötiges.

Surber übergibt das Wort an Künstler Thomas Stüssi und fragt, warum denn Kunst so wichtig ist für diese Stadt. «Ich glaube, diese Frage beantwortet sich von selbst», erwidert dieser und verweist auf die Menschenansammlung vor ihm. Für ihn seien die ebenfalls von der Sparübung betroffenen 68’000 Franken für freie Projekte darum auch kein «Brocken», der eingespart würde, sondern eher «Humus-Erde», aus der immer wieder Neues entstehe. «Deshalb passt es auch so gut, dass die meisten Zuschauer hier auf der Wiese sitzen und zuhören.»

«Wegen zu teuer»

Nach den ersten beiden Wortmeldungen muss nun auch Stadtpräsident Thomas Scheitlin Red und Antwort stehen. Surber schickt voraus, dass der Stadtpräsident, der sein Amt Ende Jahr abgibt, eigentlich ein Herz für Kultur habe und fragt, wie das nun mit dieser neuen Sparübung zusammenpasse.

«Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil der Stadt St.Gallen», sagt Scheitlin. Doch am Schluss geht es dem Finanzdirektor – natürlich – ums Geld. «Wir sind mit einem 25-Millionen-Projekt gestartet. Mittlerweile sind wir bei über 30 Millionen.» Schaue man sich die Investitionsrechnung der Stadt dann genauer an, müsse man zum Schluss kommen, dass man das nicht mehr bezahlen könne, sagt der Stadtpräsident, der mittlerweile 14 Jahre im Amt ist.

Scheitlin verteidigt den Stadtratsentscheid mit klassischem Whataboutism und verweist auf andere Kunstmuseen, etwa jenes in Chur, dessen Sanierung auch mehrmals verschoben werden musste, «wegen zu teuer». Auch das Kunstmuseum des Kantons Thurgau in Ittingen werde nicht erweitert.

Das St.Galler Projekt müsse eigentlich vors Volk und habe wohl auch im Stadtparlament eine Hürde zu nehmen. Das Risiko sei schlicht zu gross, in einer Zeit, in der man Investitionen für 100 Millionen geplant habe und bereits einige zurückstellen musste, eine 30-Millionen-Investition zu tätigen, sagt er. Investitionen in das Volksbad, wie auch in ein Schulhaus seien bereits gestrichen worden. Scheitlin schliesst mit den Worten: «Das Projekt ist nicht schlecht, aber der Zeitpunkt ist nicht der Richtige.»

Scheitlins politische Gegnerin, Evelyne Angehrn von der SP, ist nun am Zug. Auch sie findet, dass es der falsche Zeitpunkt ist. Allerdings meint sie damit den falschen Zeitpunkt zum Sparen. Sie betont, dass die Stadt St.Gallen die einzige Stadt der Schweiz sei, die aufgrund der Corona-Pandemie Sparmassnahmen ergriffen habe. Weder Bund noch Kantone hätten etwas vergleichbares beschlossen. Im Stile einer «Panikmache» sei St.Gallen nun «vorgeprescht».

Ein bunter Strauss von Sparmassnahmen treffe nun die Menschen, die ohnehin am meisten von der Krise betroffen seien. Nicht nur Kunstschaffenden werde praktisch die Existenzgrundlage genommen, sagt sie, auch Familien litten unter gekürzten Ergänzungsbeiträgen. Aus Sicht Angehrns und der SP sollte man den Budgetprozess im Winter abwarten. Betont diplomatisch räumt sie aber auch ein, dass man nicht grundsätzlich gegen Sparmassnahmen sei – «doch was hier geschieht, ist schlicht und einfach Panikmache».

«Das ist eben Führung!»

«Herr Scheitlin, Sie sind der Panikmacher», fragt Surber auf Angehrns Votum. «Irgend eine Funktion muss man ja haben», antwortet der Stadtpräsident und blickt erwartungsvoll ins Publikum. Doch der (eigentlich gelungene) Witz fällt beim Humus nicht auf fruchtbaren Boden, einige verhaltene Lacher sind trotzdem zu hören.

Schnell wird Scheitlin wieder ernst und beteuert, dass dieser Entscheid des Stadtrats nicht willkürlich getroffen wurde. Aufgrund der Budget-Vorschau im Frühling habe man sich entschieden, diesen Schritt zu ergreifen. «Wenn wir so durchbudgetieren, werden wir ein Defizit von 80 Millionen Franken ausweisen. Das wäre schlichtweg nicht machbar, das Kapital der Stadt St.Gallen wäre aufgebraucht und wir könnten nicht mehr reagieren.»

Auch zum Vorwurf der Panikmache hat Scheitlin eine schmissige Erklärung: «Das ist eben Führung!» Aus dem Publikum hört man vereinzelt «Hey, nei..». Für Scheitlin ist indes klar, dass bei einer derartigen Budgetvorschau niemand sagen kann: «Ah lustig, wir warten mal auf Ende Jahr, vielleicht wirds dann besser.» In einer solchen Situation sei es Aufgabe des Stadtrats, zu klären, was möglich und was eben nicht möglich ist.

Im folgenden geht es um die Finanzdetails. Es steht der Vorwurf im Raum, dass das Projekt Kunstmuseum in kleinen Schritten immer teurer wurde. Museumsdirektor Roman Griesfelder hält dagegen: «Das Siegerprojekt aus dem Jahr 2012 war mit 20 Millionen eine sehr grobe Grobschätzung.» Es sei klar, dass wenn man ein solches Projekt nach Jahren wieder aus der Schublade nimmt, es unweigerlich eine Kostensteigerung gebe.

Aus Gründen, die er selbst nicht nachvollziehen könne, seien im Projekt von 2012 Funktionalitäten nicht enthalten gewesen, die eigentlich essentiell wären. Stichwort Klimatisierung: «Wir haben heute über vier bis fünf Monate im Jahr, eine Durchschnittstemperatur von 25 Grad mit Spitzen bis zu 29 Grad in den Ausstellungsräumen. Das ist untragbar.» Solche Probleme müssen im Projekt mitgedacht sein, sonst würde die Leitung des Museums ihre Verantwortung nicht wahrnehmen.

Mit der Verschiebung der Sanierung auf fünf Jahre entstünden ausserdem wiederum dringende Sanierungsarbeiten in der Zwischenzeit, sagt Griesfelder. Kostenpunkt: fünf Millionen Franken. «Wenn man Projekte verschiebt, spart man nicht.»

Scheitlin wehrt sich: «Man konnte in der Zeitung lesen, dass das Projekt vielleicht sogar 30 Millionen mehr kosten könnte. Diese Zahlen sind absolut aus der Luft gegriffen und schlichtweg nicht wahr.» Die Stadt habe ausserdem in den vergangenen Jahren immer wieder Geld in den Unterhalt des Museums gesteckt. «Es ist nicht nichts gemacht worden. Wenn wir heute Sanierungen machen, machen wir diese im Hinblick auf ein zukünftiges Projekt.»

«Man muss antizyklisch agieren»

Für SP-Frau Angehrn geht es derweil nicht nur ums Geld, als sie wieder zum Mikrofon greift: «Man muss auch die Bedeutung des Kunstmuseums anschauen.» In dieser schwierigen Zeit sei es eben wichtig zu investieren und zu unterstützen. «Man muss antizyklisch agieren», sagt sie und redet sich in Fahrt.

«Das Kunstmuseum ist so wichtig für die Stadt, für die ganze Region.» Es sei doch wohl auch im Sinne des Stadtpräsidenten, die Stadt zu fördern, touristisch attraktiver zu werden, mehr Einwohner zu erhalten. Um diese Ziele zu erreichen, seien Kultur und Kunst sehr wichtig. «Wenn wir hier jetzt einsparen und nicht investieren, ist das eine Chance vertan», schliesst Angehrn und erntet für ihre passionierte Rede Applaus.

Ob das Kunstmuseum wirklich eine solche Ausstrahlung habe, um nun mit Standortfaktoren argumentieren zu können, will daraufhin Surber von Kunstlehrer Thomas Stüssi wissen: Er habe fast 15 Jahre in Berlin gelebt und war da auch in der Kunst tätig, erwidert dieser. «In der Berliner Szene und allgemein in Deutschland kannten viele Menschen das Kunstmuseum St.Gallen, wussten allerdings nicht, wo genau St.Gallen liegt.» Lacher aus dem Publikum. In St.Gallen seien viele bedeutende Künstler ausgestellt worden, daher könne er auch aus der Ferne sagen: «Ja, das ist ein Ort, der eine ziemliche Strahlkraft hat.»

Lobende Worte findet Stüssi auch über die St.Galler Kulturszene. «Wenn ich hier ins Publikum schaue, sehe ich, da sind verschiedene Generationen vertreten, denen etwas am Kunstmuseum liegt. In Berlin wäre die junge Abteilung nicht da, wenn es um das Kunstmuseum gehen würde.»

Kulturförderung als «Klebstoff»

Auch macht Stüssi noch einmal darauf aufmerksam, dass auch für kleinere Kulturprojekte das Geld gekürzt und das Bildungsangebot «Kunst & Handwerk» ganz gestrichen werden soll. «Das ist eigentlich der Klebstoff zwischendrin.» Dieses Bindemittel sorge oft auch dafür, dass junge Künstler nicht nach der Ausbildung gleich nach Zürich oder Basel oder Berlin abwandern. «Wenn man das nicht fördert, wird das Kunstmuseum leer bleiben, egal ob es für 30 Millionen umgebaut worden ist.»

Und damit ist auch schon die Schlussrunde eingeläutet. Peter Surber stellt die Gretchenfrage an den Stadtpräsidenten: «Haben die 1200 Unterschriften und der Protest Chancen, beim Stadtrat ein offenes Ohr zu finden?» Scheitlin holt aus und sagt, der Stadtrat habe schon immer ein solches gehabt.» Auch sei nie daran gedacht worden, die Subventionen für das Kunstmuseum zu kürzen. «Wir haben keinen Franken da raus genommen.»

Doch aus Scheitlins langer Antwort lässt sich schnell herauslesen, wie die Antwort auf Surbers Frage ausfällt: Nein. «Wenn wir aber einen Donator finden, der uns das bezahlt, dann sagen wir natürlich ok», meint Scheitlin lakonisch.

Evelyne Angehrn sagt in ihrem Schlussvotum der Sparpolitik des Stadtrates den Kampf an. «Wir setzen uns dafür ein, dass die Investitionen ins Kunstmuseum bald durchgeführt werden, nicht erst in fünf Jahren.» Noch einmal äussert sie ihren Missmut über die Sparmassnahmen, die ihres Erachtens die Falschen trifft. Sparen am falschen Ort nennt sie das. «Wenn wir eine lebenswerte Stadt wollen, dann gehören Investitionen dazu, dann gehört Kunst dazu. Dafür werden wir uns einsetzen.» Wieder erhält sie Applaus aus dem Publikum.

«Ich finde es sehr unangenehm, dass wir uns in einem Zwischenzustand befinden», sagt Museumsdirektor Roman Griesfelder. Er findet vieles momentan nicht nachvollziehbar. Etwa, warum nicht woanders gespart wurde, warum es ausgerechnet das Museum treffen muss. «Wir haben das Problem, dass wir jetzt bis im Winter, wenn der Stadtrat über das Budget 2021 befindet, im Ungewissen gehalten werden.»

Er wünscht sich darum viel früher Klarheit über die Zukunft und hofft, dass der Stadtrat über seinen eigenen Schatten springt. «Dass gespart werden muss, ist klar, aber es soll ein intelligentes Sparen sein.» Auch Griesfelder bekommt für sein Schlusswort Applaus.

Zum Schluss gibt es noch einige Zuschauerfragen, hauptsächlich um Details der Sanierung und finanzielle Einzelheiten. Und dann löst sich dieser menschliche «Humus», dieser Mix aus allen Generationen und Hintergründen wieder auf und macht sich in alle Richtungen davon, als vor dem Theater St.Gallen der Cellist die ersten Töne für das Openair-Tanzstück zu spielen beginnt.

Das mit der Strahlkraft stimmt. Und wer sich ein solches Theater in die Mitte der Stadt pflanzen kann, kann auch ein Kunstmuseum in nützlicher Frist sanieren. An diesem Abend gab es gewiss noch einiges zu bereden.

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