Ich mag den Menschenschlag. Es sind blitzgescheite Menschen, sie verfügen über die Fähigkeit, an ungewöhnlichen Ideen festzuhalten, sie weiter zu denken und umzusetzen. Und diese Idee vielleicht auch wieder fallen zu lassen. Menschen, die als Eigenbrötler bezeichnet werden, haben die Kraft, etwas zu tun, obwohl ihr Umfeld irritiert reagiert. Und sie haben, nach meiner Erfahrung, ein Talent dafür, ihre eigenen Talente bis zur (Fast-)Perfektion selber zu fördern. Dazu brauchen sie niemanden. Und das ist wohl ihre stärkste Kraft: Sie schöpfen den Grossteil aus sich selbst. Selbstmotivation par excellence.
Der Umgang mit diesen charakterstarken Menschen ist manchmal schwierig. Die sogenannt «normalen» sozialen Konventionen gelten im Universum eines Eigenbrötlers nur bedingt. Denn der Eigenbrötler bekam seinen Namen tatsächlich vom eigenen Brot, das er nur für sich buk. Während sich die Dorfgemeinschaft um den gemeinsamen Ofen scharte, probierte der Eigenbrötler an einem anderen Tag sein eigenes Quinoa-Dinkel-Rezept und beteiligte sich nicht am Happening «Gemeinsames Brotbacken». Aber statt nach dem Rezept zu fragen, wurde diese Eigenständigkeit kritisch beäugt.
Hilfe, mein Kind ist ein Eigenbrötler…
Und genau dort liegt der Kauz begraben. Denn heute scheint eine Angst zu existieren, ein Eigenbrötler zu werden beziehungsweise als solcher angesehen zu werden. In Foren suchen Menschen Hilfe aus der Sorge, sie selber oder das eigene Kind könnten zum Eigenbrötler werden. Es werden Fragen gestellt wie: «Nur allein oder schon einsam?», «Sind Eigenbrötler unglücklich?» bis hin zu «Wann brauchen sie Hilfe?».
Vor allem Naturwissenschaftler bemühen sich, den Ruf des kauzigen Eigenbrötlers, der kauzigen Eigenbrötlerin loszuwerden. Nachdem eine Umfrage den Mathematikern ein uncooles eigenbrötlerisches Image bescheinigt hatte, verordnete sich die Deutsche Mathematiker-Vereinigung eine Frischzellenkur. Auch Ingenieure und Ingenieurinnen scheinen mit diesem Image zu hadern. Ein Artikel zum Berufsfeld des Konstrukteurs wurde betitelt mit «Der Konstrukteur: Mehr als ein Eigenbrötler im Karohemd».
Dahinter steht ein Denkfehler: die Ansicht, die Gemeinschaft habe recht. Was, wenn die Gemeinschaft sich einfach nicht genug Zeit genommen hat? Denn für einen Menschen mit Aszendent Eigenbrötler braucht man Zeit. Oft sieht man erst Jahre später, dass die Arbeit des vermeintlichen Sonderlings der Gemeinschaft hilft. So gelingt es Eigenbrötlern, entgegen der landläufigen Meinung, Menschen miteinander zu verbinden – unwissentlich und ungeplant, nicht durch soziale Events, sondern durch Ideen und Wissen, die schöne oder brauchbare Dinge entstehen lassen.
Es braucht die Eigenbrötler. Der Wiener Zoologe, Evolutionsbiologe und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits betonte in einem Interview: «Es kommt auf den Einzelnen in der Wissenschaft an. Denn zündende Ideen werden immer in EINEM Hirn geboren.» Diese Aussage lässt sich auch auf andere Gebiete als die Wissenschaft übertragen, auf Kunst, Kultur, auf das Leben im Allgemeinen.
Einzelgängerinnen, perfekt getarnt
Zu Unrecht also schwingt, wenn vom kauzigen Eigenbrötler oder von der kauzigen Eigenbrötlerin die Rede ist, etwas Negatives, vielleicht auch Gruseliges mit. Damit tut man auch dem Kauz unrecht. Erstens ist dieses Tier perfekt an seine Umwelt angepasst, und zweitens lebt es Zeit seines Lebens in einer monogamen Beziehung.
Daher plädiere ich für ein neues Krafttier, das den Typus besser beschreibt: das Eichhörnchen. Es ist ein hundertprozentiger Einzelgänger. Es ist sehr scheu, agiert aber immer vorausschauend, es bewegt sich zu 90 Prozent in den Baumwipfeln, perfekt getarnt und vor neugierigen Augen geschützt. Und es schläft auch im Winter nicht. Daher sieht man es zu dieser Zeit wegen der Nahrungssuche häfiger am Boden vorbeihuschen. Es eignet sich neue Verhaltensweisen an, um an Nahrung zu kommen. Und wenn es seine Nahrungsverstecke vergisst, entsteht dadurch neues Leben.
Nach altem Aberglauben ist der Teufel ein Eichhörnchen. Aber in einer aufgeklärten Welt sollte es heissen: Der Eigenbrötler ist ein Eichhörnchen. Scheu, aber nützlich.
Judith Altenau, 1978, ist freie Redaktorin und lebt in Hamburg. Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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