, 26. Juni 2015
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Ein letzter Rest Festival-Romantik

Am Openair kann es eng werden, auch in der ersten Nacht. In dieser gab’s aber mit der «Startrampe» ein entspanntes Mini-Festival zu entdecken – mit frischen Bands von hier.

Am Openair St.Gallen gilt ja: Donnerstag ist der neue Freitag – und für über 1000 Freaks startete das Festival 2015 schon am Mittwoch beim Anstehen vor dem Sittertobel. Das Warten auf den Einlass ist längst zum Ritual geworden, eine harte Aufwärmrunde vor der eigentlichen Sause. Und wer nicht anstehen will, driftet am Feierabend ins Tobel runter.

So bebt die Sternenbühne also schon in der ersten Nacht vor einem bis weit hinten vollen Zelt. Die Stimmung ist noch extrem frisch: Endlich sind wir drin! Endlich geht es los!

Das Openair-Team weiss das natürlich und hat die erste Reihe Bands klug auf Euphorie programmiert: Zuerst spassiger Rüpelrap zum Mitnicken von der Antilopen Gang, danach die Pop-Punkrocker Frank Turner & The Sleeping Souls. Die kippen mit ihren tanzbaren Songs eindeutig mehr Richtung Pop als Punk. Klingt ein wenig nach Mumford & Sons, nur viel geschmeidiger dank Frank Turners eingängiger Stimme. Und als dieser noch sein passables Bühnendeutsch auspackt («Wie geht es Ihnen?») liebt ihn das Publikum so oder so.

Als Frank Turner ganz allein und akustisch Somebody to love von den grossartigen Queen covert, singen im Publikum trotz Aufforderung nur wenige mit: Der Song von 1976 ist zwar ein Welthit, aber einer aus einer ganz anderen Generation.

Abgelöschte Stimme, kühle Beats

Was die ganz junge Musikgeneration (um-)treibt war ein paar Meter nebenan, auf der neuen «Startrampe» zu hören: Eine kleine, temporäre Bühne mit Newcomer-Bands aus der Ostschweiz. Ein Mini-Festival im grossen Getümmel quasi. Ein Ort, wo man den Bands nahe kommt und einen letzten Rest Festival-Romantik im Sittertobel spürt.

Euphorie und Spielfreude beflügeln die jungen Acts bei ihren Heimspielen auf der Startrampe: Den Anfang, es  ist noch hell, macht die Truppe mit dem seltsamen Namen Dachs. Die machen beatlastigen Electropop mit Drumcomputer, ordentlich Synthies und Effekten und singen als einzige Band an diesem Abend St.Gallerdeutsch. Mutig, funktioniert aber durchaus.

«Leider simmer nöd so cool wie all die St.Galler Bands wo do amel uftrete, sich nackt uszüched und so», sagt der Sänger, der damit an den legendären Tobel-Auftritt von Thomaten und Beeren erinnert. Mit der obligaten Schüga-Dose in der Hand und seiner tiefen und abgelöschten Stimme gibt er sich aber irgendwie doch verdammt cool.

Die Musik ist es sowieso, es werden zu kühlen Beats und reduzierten Gitarren «heissi Mamis» oder Penner besungen, die einem am Bahnhof um einen Stutz anschnorren. Geschichten aus dem (St.Güllener) Alltag quasi, die vielleicht gerade deshalb gut ankommen.

Riesige, einfache Themen

Mit tierischen Bandnamen geht es weiter. Bei Panda Lux erwartet man instinktiv ein unterkühltes House-Duo, aber nein: Auch hier eine euphorische Jungs-Truppe, diesmal aus Rorschach (sprich: Rårschach), die sich dem eigens erfundenen Genre «Bambus Rock» verschrieben hat. Übersetzen wir das live Gehörte mal mit sehr experimentierfreudigem Indie-Pop, viel Funky Shit ist dabei, zwischendurch sogar Rap. Gesungen wird hier auf Hochdeutsch, ich denke instinktiv an Kettcar.

Textlich geht es um riesige, aber doch einfache Themen: Wir fliegen alle durch die Luft. Wir arbeiten so hart, aber wo sind unsere Träume hin? Auch Panda Lux sprüht vor Spielfreude und bringen das – es ist längst Nacht – stattlich angewachsene Publikum erstmals kollektiv zum gumpen.

Nahtlos setzen an diesem Punkt dann Missue an. Das Electro-Duo aus Rheineck nennt Genre-Grössen wie Burial oder Pantha du Prince als Einflüsse – und muss sich hinter diesen Namen nicht verstecken. Das Duo driftet zwischen Minimal Techno, Ambient und Glitch (ja, das ist ein Genre).

Diese ziemlich sphärische Reise wird unterlegt mit ausufernden Visuals im Hintergrund: Explodierende Bergwelten, wabernde Lawinen, Unterwasserbilder. Wunderschön und driftig. Diese Bilder hätten vielleicht eine etwas grössere Leinwand vertragen, aber eben: Die Startrampe punktet mit Festival-Romantik und nicht Festival-Hightech. Wobei: Abgemischt war der Sound auch auf der Mini-Bühne top.

Zum Abschluss dann zur Sternenbühne umschwenken und noch ein wenig prolliges, böses Gerave von The Glitch Mob mitnehmen. Ab ins Zelt oder zurück in die Stadt.

(Titelbild: upz)

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