, 13. August 2018
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Ein Mahnmal für Raiffeisen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste…: So stand es am Montag vormittag auf einem Schild auf dem St.Galler Raiffeisenplatz. Hans Fässler hat den Platz «umgewidmet».

Hans Fässler vor der Montage der neuen Platzbeschriftung. (Bilder: Hannah Traber)

Eine Leiter, ein millimetergenau präpariertes Schild und ein paar Klebstreifen: Mehr braucht es nicht, um aus einer Platzbeschriftung ein Protestschild zu machen. Hans Fässler nutzt für seine Aktion den ersten Tag nach Ferienschluss – es ist nebenbei auch sein erster schulfreier Montag, nach seiner Pensionierung als Englischlehrer an der Kanti Trogen.

Den Anstoss gaben für den Sklavereiforscher, Politiker und Kabarettisten Fässler die sich jagenden Skandalmeldungen um die mutmasslichen Betrügereien und Selbstbereicherungen der Führungsriege der Raiffeisenbank, allen voran Ex-Direktor Pierin Vincenz. Seine Aktion sei der «Ausdruck von Enttäuschung und Wut» eines einfachen Raiffeisenkunden, sagt Fässler.

Dabei habe er früher grosse Stücke auf die Bank gehalten. Fässlers Bankkunden-Karriere im Zeitraffer: «Von meinen Eltern her bei der damaligen Bankgesellschaft (heute UBS), wechselte  ich Mitte der Achtzigerjahre im Rahmen der Kampagne der Anti-Apartheid-Bewegung gegen die Politik der Schweizer Grossbanken zur St.Gallischen Kantonalbank. Als auch diese nicht auf den Verkauf von Krügerrandmünzen verzichten wollte, ging ich weiter zur Raiffeisenbank.»

«Im Finanzcasino angekommen»

Für Raiffeisen habe ihn zum einen die genossenschaftliche Struktur und die Herkunft nicht aus dem Finanzkapital, sondern aus der Armutsbekämpfung in der Landwirtschaft eingenommen, ausserdem das fehlende Auslandsengagement. Zum andern schien ihm Pierin Vincenz mit seinen «mutigen» Äusserungen zum Bankgeheimnis und seiner Unterstützung des Informationsaustausches als sympathischer «Anti-Banker». Dann kamen die Enthüllungen, Vincenz’ Verhaftung, die Strafverfahren, die Irritation über den «feudalen Lebensstil» des Chefs und jüngst die Informationen über seine offenbar schamlosen Spesenbezüge.

Auch wenn weiterhin die Unschuldsvermutung gelte: Mit der Illusion, Raiffeisen funktioniere anders als die «bösen Grossbanken», sei es vorbei. «Raiffeisen war im kapitalistischen (und globalen) Finanzcasino angekommen.» Zurück blieben bei Fässler Wut und Enttäuschung – und die Lust, zur Aktion zu schreiten. Und so steht jetzt, weiss auf blau, auf dem St.Galler Raiffeisenplatz: «Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was man aus seiner Bank gemacht hat.»

Trotz der Machenschaften der Bosse sei die Genossenschaftsidee grundsätzlich aber nicht passé, ist Fässler «als Linker und Sozialist» überzeugt und hofft weiterhin auf die Überwindung des Kapitalismus.

«Kein Selbstzweck»

Mit Namens-Politik hat Fässler Erfahrung. Am bekanntesten geworden ist sein Kampf um eine Umbenennung des Agassizhorns im Berner Oberland in Renty-Horn – aus Protest gegen die rassistischen Ansichten des Gletscherforschers Agassiz. Erfolgreicher war der Protest gegen die Krügerstrasse im St.Galler Vonwilquartier, dessen treibende Kraft Fässler war. Statt den südafrikanischen Apartheid-Politiker Krüger ehrt die Strasse seit 2009 den Dichter Friedrich Dürrenmatt. Als Gründungsmitglied des Vereins «Gerechtigkeit für Paul Grüninger» half er in den 1990er-Jahren zudem bei der Rehabilitierung des St. Galler Flüchtlingsretters mit, die in der Namensgebung für das Paul-Grüninger-Stadion des SC Brühl gipfelte.

«Ein Fussballstadion zu benennen (Grüningerstadion), eine Schule zu benennen (Ecole Primaire Dulcie September), eine Stadt (Stalingrad, Pretoria) oder eine Strasse (Krügerstrasse) umzubenennen oder einen Berg (Agassizhorn), das alles kann und darf nie Selbstzweck sein. Es muss und wird vielmehr immer Teil der Erinnerungspolitik sein, d.h. der Auseinandersetzung um die Interpretationen der Geschichte und Teil des heute weitergehenden Kampfes für Gerechtigkeit, Gleichheit und für ein Leben in Würde für alle», sagte Fässler in seiner Rede zur Einweihung der Dürrenmattstrasse 2009.

Im Fall der «Umwidmung» des Raiffeisenplatzes hofft Fässler auf ein genügendes Mass an «Selbstkritik und Ironie» von Seiten der Bank, dass sie das Schild stehen lässt oder zumindest als «Kunst am Bau» im eigenen Gebäude plaziert. Bis Montagmittag stand es noch – um 13 Uhr dann war es weg.

 

 

 

 

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