, 17. März 2021
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Ein Piks, der wehtut

Ein Jahr Corona. Und weiterhin kein Plan, wie das Virus gestoppt werden könnte. Für eine Gesellschaft, die an die Wissenschaft und an die Allmacht des Individuums glaubt, ist das eine bisher nie dagewesene Kränkung. Sie könnte heilsam sein.

Paradox: Die Impfungen scheinen erfolgreich, wenn auch mit unterschiedlichem Tempo. Die Teststrategien werden verschärft. Und trotzdem passiert in der Schweiz wie in den umliegenden Ländern überall dasselbe: Die Ansteckungszahlen steigen wieder. Die hoch ansteckende britische Mutation hat das Regime übernommen. In der Bretagne ist gerade eine neue Mutation entdeckt worden, die PCR-Test-resistent zu sein scheint.

Das Virus, macht es den Anschein, spielt Katz und Maus mit uns.

Öffnen, trotzdem? Lockern, so weit wie möglich? Oder die Schraube wieder anziehen?

Die Regierungen probieren es mal so, mal so. In Deutschland dominiert die restriktive Linie – das wortführende Robert-Koch-Institut hat die dritte Welle bereits ausgerufen. In Frankreich droht ein neuerlicher Lockdown, den Präsident Macron unbedingt verhindern wollte. Österreich macht Lockerungsübungen in Vorarlberg. Italien verdunkelt erneut seine Städte. Skandinavien zieht die Schraube an, Portugal und Spanien laden ausländische Touristen an ihre Strände. Die Schweiz geht einen Mittelweg.

Ein verwirrendes Bild. Trotz aller Kenntnisse, die in dem Jahr angesammelt wurden, zur Ansteckungsraffinesse des Virus, zu den Behandlungsmöglichkeiten, Aerosolen, Lüftungstechniken, Impfstoffen, trotz einer nicht mehr überschaubaren Zahl von Studien und Statements von Expertinnen und Experten fehlt weiterhin international ein verlässliches Szenario, wie die Pandemie bewältigt werden kann.

Die Stunde der Rechthaber

Die Wissenschaften kommen dem Virus nicht bei, das ist eines der – bitteren – Fazits nach einem Jahr Corona. Woran das liegt: Corona ist nicht bloss ein Krankheitserreger, sondern mit ihm, hinter ihm, durch ihn türmen sich Berge von sozialen, psychologischen, ökonomischen, globalen und lokalen Folgen und Reaktionen auf. Wir alle sind betroffen, und wir sind in allem, was wir tun und lassen, betroffen. Das gab es so bisher nicht – entsprechend komplex und unerprobt ist es, Lösungen zu finden.

Umso absurder, wenn Hinz und Kunz mit jedem Tag lauter behaupten, genau zu wissen, was richtig ist. Hinz will unbedingt lockern, Kunz will unbedingt die Schraube anziehen. Mit Corona blühen sie auf, die Besserwisserinnen und Rechthaber aller Couleur. Das ist ein zweites Fazit dieses Coronajahrs: Je weniger gesichertes Wissen, desto unverfrorener und lautstarker ertönen die Meinungen.

Und ein drittes: Noch vor einem Jahr, beim ersten Lockdown, schlug die Stunde der Exekutive. Rundherum nahmen die Regierungen das Ruder in die Hand, die Zustimmung in der Bevölkerung war gross, die Solidarität untereinander ebenfalls. Heute, ein Jahr später, stehen die Regierungen unter Generalverdacht, in der Krise versagt oder die falschen Mittel angewendet zu haben.

In Wien demonstrieren Tausende gegen die Coronamassnahmen der Regierung, in Deutschland wird die Merkelpartei in den Wahlen abgestraft, in der Schweiz mucken die Kantone und die Branchen auf. Es schlägt die Stunde des Volkszorns.

Solidarität ist zwar politisch aus der Not praktiziert worden: mit Unterstützungsmassnahmen, mit Härtefallregelungen, Überbrückungskrediten oder grosszügigeren Kurzarbeitsmodellen, alles löblich und nötig. Aber gleichzeitig tut sich der Graben zwischen den Berufen «an der Front», vor allem in der Pflege, und den Corona-Privilegierten im Backoffice immer weiter auf. Und das Gerangel um Impfdosen und -termine zeigt: Da ist plötzlich wieder jeder und jede sich selbst am nächsten.

Solidarität macht krisenresistent

Dabei sollte es, aus der Erfahrung dieses Pandemiejahrs, genau darum gehen: das eigene Ego für einmal aus der vordersten Reihe zurückzubeordern. Das heisst zum Beispiel, für Massnahmen einzustehen, die nicht zuerst einmal mir zugute kommen, sondern denen, die am stärksten gefährdet sind, die am wenigsten Ausweichmöglichkeiten haben, die materiell oder psychisch am meisten unter der Krise leiden.

Oder es könnte heissen: sich auf lange Sicht einzusetzen für kooperative, solidarische, gerechtere, ökologische und damit krisenresistentere gesellschaftliche Verhältnisse.

Trivial, aber wahr: Die Krise kann nur bewältigt werden, wenn wir zusammenhalten und uns gegenseitig zugestehen, nicht genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Das ist ein Piks in den Arm der machbarkeitsgläubigen Individualistinnen und Alleswisser, die wir alle über die Jahre des krisenfreien Wohlstandsglücks geworden sind. Ein Piks, der mehr weh tut als eine Covid-Impfung – aber der die Resistenz gegen künftige Pandemien erhöhen könnte.

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