, 11. November 2020
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Ein sicherer Turm in den Wirren der Flucht

Wenn Appenzell Ausserrhoden vom Bund unbegleitete minderjährige Asylsuchende zugewiesen werden, richten diese sich erst einmal bei Annette Wirth und Silvio Staub häuslich ein. Im Türmlihaus in Trogen bereiten sie den Jugendlichen ein Stück des Wegs in eine friedlichere Normalität. Von Emil Keller

Annette Wirth und Silvio Staub in ihrer Stube im Türmlihaus. (Bilder: Ueli Steingruber)

Wie im Bilderbuch ziehen sich sanfte Hügelketten immer weiter in die Höhe, gesäumt von bunten Kreuzgiebelhäusern. Der Ausblick aus den Zimmern im obersten Stock vom «Türmlihus» in Trogen ist atemberaubend und macht jedem Kurhotel Konkurrenz. «Ich weiss nicht, was die Jugendlichen sehen, wenn sie zum ersten Mal aus ihrem Fenster schauen. Wahrscheinlich sind sie nur froh, dass kein Krieg herrscht», mutmasst Silvio Staub.

Die jungen Erwachsenen, die er zusammen mit seiner Frau Annette Wirth und ihrem 21-jährigen Sohn Gwendolin beherbergt, kommen direkt aus den Bundesasylzentren wie Altstätten, Zürich oder Chiasso. Nach Jahren der Flucht über die Balkanroute mit Zwischen- halten in Camps in Griechenland oder Italien werden sie von der Trogenerbahn in Ausserhoden ausgespuckt. Ihr ganzes Hab und Gut in einem Koffer oder einem Plastiksack verstaut, stehen sie plötzlich wie bestellt auf dem pittoresken Dorfplatz von Trogen. Abgeholt werden sie von der Ankunftsfamilie Wirth-Staub.

«Drei Tage im Voraus erhalten wir einen Anruf, dass ein neuer Minderjähriger zu uns geschickt wird», erklärt Annette Wirth. Die Familie bewohnt im «Türmlihaus» eine Siebenzimmerwohnung. Das denkmalgeschützte Haus gehört dem Verein tipiti, der in den unteren Stockwerken seine Tagessonderschule betreibt. tipiti hat bei ihnen zwei Zimmer gemietet, die für zwei bis drei Jugendliche zur Verfügung stehen. Manchmal kommt ein Vierter, dann gilt es Platz zu schaffen und zusammenzurücken.

Wie im Kurhotel: Ausblick aus eine Türmlihaus-Zimmer.

Der Verein tipiti hat eine Leistungsvereinbarung mit Appenzell Ausserrhoden für alle unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, die dem Kanton zugewiesen werden. Er organisiert die Unterkunft, regelt die Betreuung, ordnet den Schulalltag und zahlt den Jugendlichen auch ein Taschengeld. Früher mietete tipiti dafür zwei grosse Häuser im Kinderdorf Pestalozzi, um die UMAs, wie unbegleitete minderjährige Asylsuchende im Beamtendeutsch abgekürzt werden, unterzubringen. Bis zu 30 Jugendliche wohnten 2015 bis 2018 dort ohne Eltern und Familie und versuchten, in der Schweiz Fuss zu fassen. Nachdem die Zahlen in den vergangenen Jahren sukzessive zurückgingen, fand tipiti mit der Ankunftsfamilie Wirth-Staub eine Lösung, die den Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht wird und eine engere Betreuung ermöglicht.

Alltägliches wird zu Herausforderung

Seit eineinhalb Jahren hat die Familie nun jeweils zwei bis vier Minderjährige bei sich zu Gast. Bereits davor boten sie einen Wohnplatz für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen an. Doch der Übergang von Schweizer Jugendlichen, die eine Auszeit von Institutionen oder der eigenen Familie brauchten, zu Jugendlichen mit Fluchthintergrund war dennoch einschneidend. «Zu uns kommen mehrheitlich traumatisierte Menschen, die weder die gleiche Sprache noch die gleiche Kultur wie wir haben», sagt Silvio Staub.

Erfahrung mit geflüchteten Menschen brachten beide schon mit. Annette Wirth arbeitet als Basisstufen-Lehrperson an der tipiti-Schule in Altstätten, die Kinder und Jugendliche aus dem Bundesasylzentrum unterrichtet. Silvio arbeitete lange Zeit als Deutschlehrer für junge Menschen mit Fluchthintergrund. Doch in den eigenen vier Wänden stehen andere Herausforderungen an, als Hausaufgaben zu lösen. «Viele für uns alltägliche Handlungen werden zu einer sozio-kulturellen Herausforderung», sagt Annette. Von der Mülltrennung über eine angemessene Menge an Bratöl beim Kochen bis hin zu einer gemeinschaftsverträglichen Benutzung der Toilette muss überall ein Konsens gefunden werden. Englisch können die wenigsten, ein paar Fetzen Italienisch haben manche auf ihrer Reise aufgeschnappt. Ansonsten gilt es, sich anfangs mit Händen und Füssen zu verständigen.

«In erster Linie geht es bei uns darum, wie wir die gemeinsame Zeit miteinander gestalten möchten», erklärt Annette. Dass dies im Umfeld einer Familie passiert, empfindet sie als hilfreich. Durch diesen gemeinschaftlichen Vorgang wird allen klar, dass es nur miteinander funktioniert. Von der anfänglichen Zeichensprache über das erste «guten Morgen» entsteht so ein Vertrauen, das sich nach einigen Monaten zu alltäglichen Gesprächen am Abendtisch entwickelt. «Wie eine Pflanze, die gehegt und gepflegt wird», freut sich der 64-jährige Silvio.

Silvio Staub: «Zu uns kommen mehrheitlich traumatisierte Menschen, die weder die gleiche Sprache noch die gleiche Kultur wie wir haben.»

Geburtsdatum unbekannt

Dass das Ehepaar nur von männlichen Gästen spricht, hat seinen Grund. Von den neun geflüchteten Jugendlichen war bisher nur ein Mädchen bei ihnen. Bei der ersten Gruppe waren es Jugendliche aus Somalia, Eritrea und Afghanistan. Mittlerweile sind es ausschliesslich afghanische Jugendliche, die ihnen zugewiesen werden. Da in Afghanistan kein Geburtstag gefeiert wird, bleibt das genaue Alter ihrer Mitbewohner oft ein Rätsel. Über die Schicksale der jungen Geflüchteten erfährt das Ehepaar, wenn überhaupt, erst nach einiger Zeit.

«Wir wollen uns nicht aufdrängen», erklärt Annette. Meist wird von den Erinnerungen eher beiläufig erzählt, wenn Freunde zu Gast sind, die das Gleiche durchgemacht haben. Fluchtrouten oder Kontakte werden dann ausgetauscht. Manchmal kommen aber auch die Tragödien zutage, die dazu geführt haben, dass zum Beispiel ein 16-Jähriger mutterseelenallein eine Reise ins Ungewisse auf sich nimmt. «Seine ganze Familie wurde bei einem Anschlag der Taliban getötet. Er überlebte nur, weil er gerade nicht daheim war», erzählt Silvio eines der bedrückenden Schicksale seiner Familienmitglieder auf Zeit. Angesprochen auf die hiesige Flüchtlingspolitik zeigen die beiden deshalb wenig Verständnis: «Es ist beschämend, wie hierzulande über die Aufnahme von einer Handvoll Geflüchteter nach dem Brand in Moria diskutiert wird», sagt die sonst so gefasste 57-Jährige aufgebracht. Sie sind überzeugt, dass Flüchtlingswellen in Zukunft zunehmen werden. «Die Gründe dafür sind selbst verschuldet, indem wir Industrienationen nichts gegen den Klimawandel unternehmen oder Bürgerkriege mit Waffenexporten noch anheizen.»

Wie ein friedliches Zusammenleben über Nationengrenzen hinweg entstehen kann, beschäftigt die beiden deshalb schon seit ihrer Jugend. Zehn Jahre lebten sie mit ihren beiden Söhnen im Friedensforschungsprojekt «Tamera» in Portugal. «Tamera» versteht sich als eine Forschungsgemeinschaft, die modellhaft versucht, Antworten auf die Fragen der heutigen Zeit zu entwickeln. Dazu gehören Themen wie Ökologie, Ökonomie, Technologie, freies Kinderaufwachsen, Liebe, Partnerschaft und Gemeinschaftsaufbau. Wieder zurück in der Schweiz war für die beiden klar, dass sie auch hier nicht in einer strikt abgegrenzten Kleinfamilie leben wollten und begannen damit, Jugendliche bei sich aufzunehmen. «Dies ist für uns eine Lebensform, die den Gemeinschaftsgedanken weiterträgt und einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung darstellt», erklärt Annette einen ihrer Beweggründe.

Annette Wirth: «Es ist beschämend, wie hierzulande über die Aufnahme von einer Handvoll Geflüchteter nach dem Brand in Moria diskutiert wird.»

Druck von innen und von aussen

Doch bloss, weil die geflüchteten Jugendlichen nun im heilen Appenzellerland angekommen sind, sind ihre Sorgen längst nicht Geschichte. Eine Entscheidung über ihren Bleibestatus steht von den Schweizer Behörden meist noch aus. Für sie fremde Regeln müssen eingehalten, die Sprache schnell verinnerlicht und eine Lehrstelle gefunden werden. «Auf ihnen lastet ein ungeheurer Druck», sagt Silvio, der die Jugendlichen auch von seinen Deutschklassen kennt. «Oft hat die ganze Familie Geld für Schlepper zusammengelegt und wartet nun darauf, dass ihr Sohn etwas zurück ins Heimatland schickt.»

Die Dachwohnung im «Türmlihus» ist daher eher eine Art Verschnaufpause. Von Anfang an ist für die Gäste klar, dass sie nach rund sechs Monaten wieder weiterziehen – entweder in eine andere Gastfamilie oder eine Wohngemeinschaft – um ihren Platz für die nächsten Neuankömmlinge frei zu geben. Doch für viele ist es das erste Mal seit Jahren, dass sie einen eigenen Raum mit einer Tür zum Abschliessen für sich selbst haben. Davor waren die Jugendlichen in Massenschlägen untergebracht oder übernachteten in Zelten. Die Wirth-Staubs stellen Bett, Tisch und Schrank zur Verfügung. Den Rest des Zimmers dürfen sich die Jugendlichen nach eigenem Geschmack einrichten.

Ihr Fenster zur Welt bleibt dabei ihr Smartphone. Damit halten sie Kontakt mit zurückgelassenen Familienmitgliedern, finden Ablenkung in Handygames oder chatten mit ihren in Europa versprengten Freunden. «Manchmal sind sie stundenlang im Zimmer und telefonieren», sagt Annette. Was jedoch alle Geflüchteten nach draussen lockt, ist der Fussballplatz. «Sobald sie im Fussballverein angefangen haben, geht es schnell mit der Integration», weiss Silvio. «Denn auf dem Platz sind alle Jugendlichen gleich und sprechen die gemeinsame Sprache des Sports.»

Türmlihaus in Trogen.

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