Kategorie
Autor:innen
Jahr

Ein St.Galler Revolutionär im Gulag

Vor mehr als 130 Jahren kam Fritz Platten in St.Gallen zur Welt, er wurde Kommunist und predigte die Weltrevolution. 1942 fiel er ihr selbst zum Opfer. Eine neue SRF-Dokumentation blickt nun auf sein Schicksal zurück.
Von  Ralph Hug

Wer kennt noch Fritz Platten? Und wer weiss, dass er 1883 in St.Fiden geboren wurde? St.Gallen hat seinen berühmtesten Revolutionär längst vergessen. Keine Tafel, kein Strassenname erinnert mehr an ihn.

Dabei machte Platten Weltgeschichte. 1918 ermöglichte er seinem Freund Lenin die Rückkehr in die Heimat – von Zürich ins Russische St.Petersburg, in einem plombierten Waggon. Wenig später führte Lenin in seiner Heimat die Oktoberrevolution zum Erfolg. Ein Ereignis, das die Welt erschütterte.

Mitorganisator des Generalstreiks

Fritz Platten gaubte an die Befreiung der Proletarier durch den Umsturz. Er wurde 1883 selbst in der Welt der Arbeiter geboren. Sein Vater Peter war ein aus Westfalen eingewanderter Schreiner, seine Mutter die St.Gallerin Maria Strässle. In Zürich fand Platten Anschluss an die damals noch revolutionäre Sozialdemokratie.

Fritz

Platten bei einer Rede, um 1930 (Bild: Wikipedia)

Als linker Volkstribun war Platten eine lebende Legende. Davon wollten 1921 auch die St.Galler Kommunisten bei den Grossratswahlen profitieren. Sie luden ihn in den «Schützengarten» ein. 1’000 Leute kamen, darunter waren auch neugierige Bürgerliche. Platten rief in den Saal: «Die Weltrevolution kann nicht mehr aufgehalten werden!»

Auf Stalins schwarzer Liste

Zwanzig Jahre später war er tot. Erschossen im sibirischen Gulag. Ein Opfer von Stalins Grossem Terror, der Hunderttausende das Leben kostete. Warum? Platten hatte sich 1927 in Moskau mit der Opposition gegen Stalin solidarisiert. Seither figurierte er auf der schwarzen Liste des Diktators.

Doch Platten stand als enger Freund Lenins unter politischem Denkmalschutz. Er war ein Unantastbarer, vorläufig noch. Man schob ihn daher als Dozent in ein unbedeutendes Agrarinstitut ab. Dort war er kaltgestellt.

Einer der letzten Schweizer, die Platten noch lebend sahen, war der St.Galler Spanienkämpfer Walter Wagner. 1934 weilte der junge Kommunist zur Ausbildung als Revolutionär an der Moskauer Lenin-Schule. Er besuchte Platten im berühmten Hotel Lux – und brachte ihm zwei Packungen Bohnenkaffee aus der Schweiz mit.

Doch seltsam: Wagner traf einen völlig verschüchterten Menschen an. Er solle leise sprechen, damit es die Nachbarn nicht störe, wies Platten seinen jungen Gast an. Der einstige Volkstribun war bereits ein Gefangener des paranoiden Wahnsystems, das Stalin errichtet hatte.)

Grausame Ironie

1937 wurde Plattens dritte Frau Berta Zimmermann, eine Komintern-Agentin, vom Geheimdienst NKWD abgeführt und umgebracht. Auch Plattens Leben hing am seidenen Faden. Zunächst wurde er 1938 «nur» zu vier Jahren Haft verurteilt und ins Lager Lipowo ins unwirtliche Archangelsk am Polarkreis deportiert. Doch nach Ablauf der Haft wurde er 1942 kaltblütig erschossen – just an Lenins Geburtstag, grausame Ironie der Geschichte.

platten_gulag_arbeitslager_letzte_station_von_fritz_platten_s8

Plattens letzte Lebensstation im Gulag (Bild: SRF

Plattens Schicksal im Gulag blieb während Jahrzehnten ungewiss, bis er in der Ära der Entstalinisierung 1956 von Chrustschow rehabilitiert wurde. Seitdem erinnert eine Strasse in der Ortschaft Njandoma an ihn. In St.Gallen erinnert nichts an ihn.

Das Schweizer Fernsehen zeigt am Donnerstag, 1. Mai um 20.05 Uhr «Der rote Fritz – Auf Spurensuche in revolutionärer Zeit», den neuen Dokumentar-Film über Fritz Platten. Realisiert wurde die SRF-Produktion von Helen Stehli Pfister und Kathrin Winzenried. Hier der Link zur Sendung. 

Das Foto ganz oben zeigt Fritz Platten mit seinen Studentinnen des Moskauer Fremdspracheninstituts, wo er ab Ende der 1920er Jahre unterrichtete. (Bild: SRF)

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene