Eisig klare Nacht auf einem zugeschneiten Alpenpass: Beinahe kommt so etwas wie ein Fargo-Feeling auf. Ein Typ im Rentierkostüm steigt aus seinem Opel Manta. Was macht er da? Im Halfter eine grosse Knarre, in der Rechten einen langen Schal, mit der Linken bricht er einen Ast von einer verkrüppelten Bergföhre am Strassenrand und stopft damit den Schal in den geöffneten Tank. Neben dem Auto türmt er ein paar Kartonschachteln voller Weihnachtsplunder auf. Schnitt.
Schon auf den ersten Seiten der Graphic Novel wird klar: Da liegt Action in der Luft. Und es wird nicht die einzige Szene bleiben, in der es brenzlig wird. Stefan Tobler hat in seinen Zeichnungen mit viel Liebe fürs Detail viel wert auf die düstere Atmosphäre gelegt. Der Band ist komplett in Schwarzweiss gehalten.
Der Comic kommt von Anfang an cool daher, rasant erzählt gehts voran im Plot, da ist kaum Platz für Nebensächlichkeiten. Rückblenden erhalten den Spannungsbogen aufrecht und bringen einem die Charaktere und vor allem den Protagonisten näher.
Stefan Tobler: Heartbreak Opel, Solarplexus/Verlagsgenossenschaft St.Gallen 2021, Fr. 28.-
Johnny hat sich immer um seinen kleinen Bruder gekümmert, auch als sie durch einen Unfall zu Waisen werden. Familiäre Obhut gibts ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Der Onkel ist gewalttätig, die tiefgläubige Tante rechtfertigt dessen Wutausbrüche. Bis es Johnny am Weihachtsabend aushenkt. In der «Militärkantine» – einem zentralen Schauplatz des Comics und ausserdem regelmässiger Treffpunkt der St.Galler Comic-Szene, wo auch Zeichner und Autor Stefan Tobler, Jahrgang 1967, selber oft anzutreffen ist – sucht er den Onkel auf und prügelt ihn halbtot.
Zu Beginn der Haupthandlung wird Johnny in der Militärkantine arbeiten, als «konfrontationstherapeutische Massnahme». Johnny wird wieder vom Jähzorn gepackt, prügelt wieder eine Person spitalreif und entschliesst sich, sein Schicksal nun in die eigenen Hände zunehmen, bevor ihm die Behörden zuvorkommen. Seine neue Freundin, eine gepiercte Sprayerin, die ihren wollenen Beanie selten vom Kopf zieht, ausser in den körperlichen Szenen, ist trotz Schwangerschaft im neunten Monat sofort dabei, sich mit Johnny ins Bonny-and-Clyde-Abenteuer zu stürzen.
Der Luzerner-Tatort-Effekt
Lokalkrimis gibts ja schon eine ganze Reihe. Mit Heartbreak Opel hat St.Gallen jetzt also auch einen Lokal-Thriller. Zum Tragen kommt das in erster Linie durch die Gebäude im Hintergrund: die nächtlich-verlassene Neugasse, das barocke Klosterquartier, Calatrava-Notrufzentrale und Calatrava-Wartehalle am Bohl, das Kantonsspital und – of course – die Militärkantine. Alles wie aus dem Touristenprospekt, über den ein Nachtfilter gelegt wurde.
Hier gerät die Graphic Novel leicht ins Hinken. Man nimmt dieser Umgebung, dieser schön gepützelten, braven Stadt die düstere Geschichte nicht ganz ab. Dass der Comic – herausgegeben vom Kulturverein Solarplexus, vertrieben von der Verlagsgenossenschaft St.Gallen und schön gestaltet von der Agentur Schwarzmatt (Clarissa Schwarz) – offiziell als «100%-ige St.Galler Produktion» beworben wird, ändert daran wenig.
In einer nächtlichen Fluchtszene, die mit Sex im Gebüsch auf Dreilinden endet, meint man kurz das Linsenbühl aufblitzen zu sehen. Ein bisschen mehr Linsenbühl und «Spitalkeller» und Kantipark, ein bisschen mehr Personal von den gesellschaftlichen Rändern hätten der Story wohl nicht geschadet. Der Luzerner «Tatort» hatte seinerzeit ein ähnliches aber gravierenderes Problem: Die Fernsehkrimis in touristisch-kitschiger Voralpen-Kulisse wollten nie so richtig zünden.
Dabei hat Tobler mit Heartbreak Opel als Zeichner und Autor insgesamt eine astreine Arbeit abgeliefert. Man könnte dem Comic darum auch zugute halten, dass die Figuren – vielleicht in st.gallischer Bescheidenheit – nicht überzeichnet dargestellt sind. Stellenweise wirds zwar blutig, aber nie splatterig. Und es müssen ja nicht immer die abgehalftertsten Hafenarbeiter (woher nehmen in St.Gallen?) oder die abgebrühtesten Puffmütter sein, die dem Plot die gewünschte Zusatzportion Dreck verleihen. Ein sympathischer Tätowierer und Requisiteur im Pensionsalter und sein Gehilfe reichen da völlig aus.
Gut möglich, dass der Autor vermitteln wollte, dass solch brutale wie herzerwärmende Lebensdramen sich eben auch im beschaulichen St.Gallen, in unser aller Umfeld zutragen könnten. Vor unerwarteten Schicksalsschlägen, die menschliche Abgründe auftun, ist letztlich niemand gänzlich gefeit.
Das Lokalkolorit in Heartbreak Opel zeigt dennoch eine etwas gar glänzige Sternenstadt, die hier zur reinen Kulisse verkommt. Die Weihnachtssterne bleiben hängen, nicht wie damals bei Stahlbergers Herr Mäder, wo die herunterfallende Adventsdekoration für die Passanten zur Todesfalle wird.
St.Gallen – eine etwas gar schöne Sternenstadt.
Aber auf solchen Klamauk, so feinsinnig und präzise er bei Stahlberger daherkommt, lässt sich Tobler gar nicht erst ein. Der Stahlberger-Vergleich ist hier – abgesehen von den Parallelen als «St.Gallen-Comic» – auch gar nicht angezeigt.
Toblers Versuchsanlage war eine andere. Weniger politisch als seine beiden bisherigen Comics (Bomben im Schweinestall, der Krieg ist überall und Rechte Schergen in den Schweizer Bergen) sollte es werden. In Heartbreak Opel werden Lebensfragen verhandelt: Was bedeuten Gerechtigkeit und Rache, was Wahrheit und Lüge? Was ist Glück? Wer hat es verdient? Was ist Schicksal? Und kann man es in die eigene Hand nehmen?
Auch wenn die Story irgendwo auf der Welt verortet sein könnte, funktioniert sie hierbei wieder. Bei aller Brutalität wünscht man dem bedauernswerten Johnny doch, dass er sein Glück findet. Ob es gelingt? Das sei hier nicht verraten.
Und ist das der lang vermisste Bruder, der da plötzlich in der Militärkantine auftaucht, nachdem das Gangsterpärchen längst über alle Berge ist? Auch dies ein Cliffhanger, den Tobler bewusst installiert hat. Er hofft, dass irgendjemand einmal den Faden aufnimmt und Johnnys Geschichte weiterspinnt.
Viel Rock, aber auch leise Töne
Viel Platz hat der Autor seiner Leidenschaft für Gitarrenmusik von Rock n‘ Roll über Post Punk bis Hard Rock und Grunge eingeräumt. Der Titel Heartbreak Opel ist eine Anspielung auf den Elvis-Klassiker Heartbreak Hotel. Im Jugendzimmer der Waisenbrüder hängen Poster von Nirvana, Beatles, Queen, Guns n‘ Roses, ein Filmplakat zu Boys don’t cry und andere ikonische Bilder der Popkultur des vergangenen Jahrhunderts.
Abgesehen davon, dass Johnny mit seinen tätowierten Kumpanen in einer Hardcore-Band Posaune spielt und dabei klingt wie «ein Rudel bumsender Elefanten», gibt es viele – vielleicht ein bisschen gar viele – direkte Referenzen zu Songtexte, die quasi im Hintergrund den Soundtrack für die Schlüsselszenen liefern. Darunter Insider-Tipps wie die Schweizer Rock-Bands Fair Haven (No One’s Home) und Fooltier, deren Gitarrist Tobler persönlich kennt, oder die Roggwiler Experimental-Rockband Coloured Haze, die vor allem in den Nullerjahren aktiv waren – nicht zu verwechseln mit den Münchner Stoner Rockern von Colour Haze.
Eine bekanntere Nummer ist etwa Elizabeth on the Bathroom Floor von Eels. Sänger Mark Everett singt darin über einen von vielen Suizidversuchen seiner Schwester. Die Ballade untermalt eine Szene im Kantonsspital.
Am Schluss wirds dann wirklich beinahe weihnachtlich mit Tom Waits‘ Christmas Card from a Hooker in Minneapolis, das sich aber ebenso als Anti-Weihnachtssong entpuppt, wie Heartbreak Opel letztlich eine Anti-Weihnachtsgeschichte erzählt. Nicht umsonst hat sich Stefan Tobler von Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte des US-Schriftstellers Paul Auster inspirieren lassen.
Tobler kann also – bei aller Action – auch die leisen Töne. Der gebürtige und hier gebliebene St.Galler, Seklehrer von Hauptberuf, hat ein gutes Gespür für Sprache und Tempo. Heartbreak Opel basiert auf einer Kurzgeschichte, die er ursprünglich für den «Dichtungsring», der monatlichen Open-Mic-Veranstaltung in der Grabenhalle, verfasst und für die Graphic Novel wesentlich erweitert hat. Ein hübscher St.Gallen-Comic, der auch unter dem Weihnachtsbaum sicher eine gute Falle macht.
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