Wenn in Vorarlberg der Name Riccabona heute in einem Gespräch fällt, denkt man unweigerlich an Max Riccabona (1915–1997), der als selbstinszeniertes Bregenzer Original drei Jahrzehnte lang eine auffällige Erscheinung im regionalen Kulturleben war. Man könnte ihn auch als «Fall» sehen, aber die Ausstellung und das dazu veröffentlichte umfangreiche Begleitbuch haben ein viel weiter gefasstes Thema, nämlich die Geschichte der Familien Riccabona und Perlhefter im 20. Jahrhundert in Feldkirch.
Engagement im Widerstand – ohne Belege
Diese beiden Familien verbanden sich 1906 durch die Heirat von Gottfried Riccabona (1879–1964) mit Anna Perlhefter (1885–1960). Die Riccabonas waren 1894 aus Kaltern in Südtirol nach Feldkirch gekommen, Perlhefters 1884 aus Ostböhmen. Die Eltern von Anna Perlhefter waren kurz vor ihrer Übersiedlung vom jüdischen Glauben zum Katholizismus konvertiert, und sowohl Anna als auch ihr Bruder Max Perlhefter heirateten nach katholischem Ritus.
Anna Riccabona am Fenster, undatiert
Ab dem Anschluss Österreichs 1938 galten ihre Ehen im nationalsozialistischen Jargon als «Mischehen», weil Anna und ihr Bruder vier jüdische Grosseltern hatten und damit ungeachtet ihrer aktuellen Religionszugehörigkeit nach der «Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz» vom 14.November 1935 als «Volljuden» galten (mit drei jüdischen Grosseltern war man «Jude»). Mit dem «Fall Riccabona» sind die Schikanen der Nazis gemeint, unter denen beide Familien zu leiden hatten, von Schul- und Berufsverboten über zeitweilige Inhaftierungen bis zur Arisierung des Perlhefterschen Betriebsvermögens.
Der eingangs erwähnte Max Riccabona, Sohn von Gottfried und Anna, für die Nazis also ein «jüdischer Mischling ersten Grades», verbrachte drei Jahre als Häftling im KZ Dachau, wobei aber die offiziellen Gründe sowohl für die vorangegangene Verhaftung im Mai 1941 und Polizeihaft in Salzburg als auch für die Überstellung 1942 nach Dachau unklar geblieben sind. Riccabona selbst behauptete, seine Verbindungen zu monarchistischen Kreisen hätten zu seiner Verhaftung geführt, aber dann wäre er im KZ wohl als «Politischer» betrachtet worden, was aber nicht der Fall war. Er war ein «Schutzhäftling», später auch Funktionshäftling im Dienste des für seine Menschenversuche berüchtigten KZ-Arztes Dr. Rascher.
Ausstellung: bis 17. April, Vorarlberg Museum Bregenz vorarlbergmuseum.at
Buch: Der Fall Riccabona, hrsg. von Peter Melichar und Nikolaus Hagen, Vorarlberg Museum Schriften, Verlag Böhlau Wien, Fr. 48.90
Damit wären wir beim ungelösten Fall Riccabona, der sich kurz so zusammenfassen lässt: Max Riccabona behauptete nach 1945, im Widerstand tätig gewesen zu sein, sei es nun «nur» politisch in monarchistischen Zirkeln oder – völlig unglaubwürdig, wenn man sich näher mit ihm beschäftigt – bei Geheimdiensten (von denen er mehrere aufzählte, von Gehlens Organisation bis zum britischen Secret Service). Es gibt dafür keinen einzigen noch so kleinen Beleg ausserhalb von Riccabonas eigenen Behauptungen (was sich bei Geheimdiensttätigkeiten natürlich gut begründen lässt), aber es gibt einiges, das dagegen spricht und vermuten lässt, dass er eher ein Opportunist war. Zum Beispiel hat Riccabona als Landesobmann der Demokratischen Widerstandbewegung, Landesleitung Vorarlberg, 1945 einem notorischen Feldkircher Nazi einen Persilschein ausgefertigt, der besagte, dass dieser Mann, der vor dem Anschluss illegaler Nazi gewesen war und 1938 sofort seine Parteimitgliedschaft erneuerte, während der Nazizeit sogar in zwei Widerstandsgruppen aktiv tätig gewesen sei.
Reiches privates Bildarchiv
Aber genug von dem einen dubiosen Riccabona. Das 500 Seiten starke Begleitbuch zur Ausstellung widmet sich hauptsächlich anderen Themen aus der Geschichte der Feldkircher Riccabonas und Perlhefters. Das reich bebilderte Buch ist hochinteressant, denn auch wenn mittlerweile relativ viel Literatur zur NS-Zeit in Vorarlberg vorliegt, ist vieles doch reine Fachliteratur ohne human touch, der sich hier auch durch die reiche Bebilderung mit den privaten Fotos der beiden Familien stark vermittelt, zum Beispiel durch das illustrierte Fotoalbum der damals 21-jährigen Schwester von Max Riccabona, Dora Riccabona (1918–2009).
Die Ausstellung dauert noch bis am 17. April
Viele Fotos aus dem Buch finden sich, zu Übergrösse aufgeblasen, in der Ausstellung im Vorarlberg Museum. Auch diese ist sehr interessant – aber ob sich jemand, der keine Vorkenntnisse hinsichtlich der Familienverhältnisse hat, darin zurechtfindet, darf bezweifelt werden. Dafür gab es zu viele Gottfrieds bei den Riccabonas, und die zwei Mäxe könnte man in Unkenntnis der Lage auch durcheinander bringen oder für einen halten.
Dreidimensionales gibt es nicht allzu viel zu sehen, abgesehen von den im letzten Raum auf dem Boden verteilten Objekten aus dem Nachlass von Dora Riccabona, über denen eine Bildergalerie hängt, die zeigt, wie viele Vorarlberger Künstler Max Riccabona gezeichnet oder gemalt haben.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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