«Jodlerschuppen» oder «elitäre Kiste»? Werkstatt oder Konzertsaal? Für alle oder für ein paar Auserwählte? Das Klanghaus im Toggenburg ist auch nach rund 20-jähriger Planungsgeschichte noch immer für viele ein Ufo, das am Schwendisee ob Wildhaus dereinst landen soll. Viele Fragen bleiben offen; das hat sich nicht nur bei der Schlussabstimmung im Parlament gezeigt, bei der das qualifizierte Mehr knapp verpasst wurde, sondern auch an der Klanghaus-Debatte danach, Mitte März im St.Galler Palace.
Peter Roth, der Erfinder der Klanghaus-Idee, kennt die Einwände bestens, die finanziellen wie die inhaltlichen. Zu letzteren gehört die Ansicht, das Klanghaus sei ein rein volksmusikalisches Projekt. Ist es das?
«Einerseits: Ja. Das geplante Klanghaus bildet mit Klangwelt, Schellenschmiede und Naturstimmenfestival eine Einheit, gewachsen aus der naturtönigen musikalischen Tradition der Region rund um den Säntis. Das Klanghaus gehört deshalb hier und nirgendwo sonst hin.» Andrerseits sei Klang aber ein urmenschliches Thema, das alle Musik mit einbezieht, von Jodel bis Jimi Hendrix, vom Toggenburg bis Tibet. Und das auf vielen Ebenen anklingt; es ist Peter Roths Lebensthema, quer durch Musiktheorie und -geschichte, Physik, Kultur, Religion und Philosophie.
Obertöne: Physik mit Hühnerhaut
Klang? Das ist das, was über Melodie, Harmonien und Rhythmus hinaus in jeder Musik steckt – und gemeinhin einem Instrument oder der Stimme als «Klangfarbe» zugeordnet wird. Hinter dieser «Farbe» steckt kein Geheimnis, sondern Physik: die unterschiedliche Zusammensetzung einer Schwingung aus Oberund Untertönen.
Die Obertonreihe ist universell; eine Zäsur mit weitreichenden Folgen zumindest für die europäische Musikgeschichte war allerdings das Jahr 1708, in dem der deutsche Orgelbauer Andreas Werckmeister die temperierte Stimmung für Tasteninstrumente erfand. Seither existieren gleichsam zwei Musikwelten, die naturtönige und die temperierte. Mit Werckmeister wurden Kompositionen quer durch alle Harmonien möglich. Eine grandiose Entwicklung, sagt Peter Roth – wenn auch um den Preis der reinen Akkorde.
Das Klanghaus in einer Visualisierung (Bild: klangwelt.ch)
Naturtöne «hört» man, auch wenn man nichts davon weiss: Beim Singen klingen sie mit, bei obertonreichen Instrumenten wie Schellen, Gongs, Didgeridoo, Naturhorn, Hackbrett und anderen Saiteninstrumenten, sie werden aber auch elektronisch produziert. Das «falsche» Alphorn-Fa, das «Zigeuner-Moll» oder die Blue Note des Jazz entstammen der Obertonreihe.
Kein Zufall also, dass es eine weltumspannende Klangsprache mit verwandten Eigenschaften gibt, sagt Peter Roth – kein Zufall daher, dass ein Zäuerli aus dem Alpstein oder ein Jodel aus dem Muotathal dem Gesang der Pygmäen aus Zentralafrika oder dem «Joik» aus Lappland näher sind als einem Kunst-Jodellied. Das Naturstimmen-Festival macht solche Bezüge Jahr für Jahr hörbar, dieses Jahr mit Stimmen aus Finnland, Ukraine, Mongolei, Kongo, Zimbabwe, Italien, Spanien, Rumänien, Guinea, Taiwan, Türkei, Tibet, Serbien, Schweden, Deutschland, der Schweiz – und dem Toggenburg und dem Appenzellerland.
Vielen Kulturen gemeinsam ist, dass solche Klänge in rituellen Zusammenhängen verwendet werden. Peter Roth spricht von den «rites de passage», den Feiern des Übergangs, von der Alpauffahrt bis zur «Wandlung» in der Messe oder anderen Initiationen, bei denen das Geschehen mit Naturton-Klang, mit Schellen, Gongs oder Trommeln begleitet und befördert wird. Von solchen spirituellen Trans-Porten ist es nicht mehr weit bis zur Trance und zur Transzendenz. Oder bescheidener gesagt: bis zu Hühnerhaut-Momenten.
Zusammenbringen statt trennen
Im grossen Thema des Klangs kommen für Peter Roth musikalische, völkerverbindend kulturelle, spirituelle, naturwissenschaftliche Erfahrungen zusammen. Darin stecke Zündstoff «in einer Zeit, die die Tendenz hat, die Dinge zu trennen». Und darin stecke die Hoffnung auf ein künftiges «Integralbewusstsein», wie er es mit einem Begriff des Philosophen Jean Gebser nennt. Kein Wunder, hat Gebser das Ohr als Organ hervorgehoben, das integrierend statt, wie das Auge, objektivierend funktioniere.
Also: Ohren auf! Das erhoffte Klanghaus am Schwendisee, gebaut als «begehbares Instrument», ist für Peter Roth ein Ort der offenen Ohren, aber auch der Stille – und der offenen Grenzen, zwischen Disziplinen und Kulturen.
Naturstimmen 2016: 3. bis 16. Mai, Alt St.Johann Infos: klangwelt.ch
Das im Mai stattfindende Naturstimmen-Festival ist gelebte Interkultur, nicht zufällig heisst sein Motto «Klang und Toleranz». Und dies im Toggenburg, das sonst gern SVP wählt; für Peter Roth ist das ein starkes Zeichen. «Wenn Davos sein WEF für die Wirtschaft hat, warum das Obertoggenburg nicht ein WEF für den Klang?» Es wäre ganzjährig, solidarisch, harmonisch – und bräuchte mit Sicherheit keinen Polizeischutz.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
Das Klanghaus Toggenburg ist auf dem Weg. Bisher wurde im Hintergrund gearbeitet, jetzt gehen die Promotoren an die Öffentlichkeit und werben für das 28-Millionen-Projekt. Informationen von Michael Hug.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.