Das St.Galler Kinok ehrt Fredi Murer, der am 1. Oktober seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, mit einer Retrospektive. Am Dienstag ist er dort zu Gast.
Ein halbes Jahrzehnt ist vergangen, seit Fredi Murer sich von der Filmszene zurückgezogen hat. Sein letzter Film, die vertrackte Alterstragikomödie Liebe und Zufall, lief 2014 in den Kinos. Doch verschwunden ist der unglaublich vitale Jubilar seither nicht. So ehrte ihn etwa das Filmfestival Locarno 2019 mit einem «Pardo alla carriera» – und wer damals diesen begnadeten Geschichtenerzähler und Zauberer auf der Piazza Grande und im überfüllten Spazio Cinema erlebte, wird diesen Auftritt nicht vergessen.
Das wird auch am 6. Oktober so sein, wenn Murer im Kinok aus seinem Leben und seinen Filmen erzählt und vielleicht auch einen seiner Magiertricks vorführen wird. Der Begriff «Bilderzauberer» ist ein eher abgegriffener. Dabei gibt es wohl keinen anderen Schweizer Filmemacher – Murer nennt sich selber so auf seiner Visitenkarte –, auf den nicht nur der Begriff zutrifft, sondern der auch einer ist, der seine Enkel mit realen Zauberkunststücken zu erfreuen vermag.
Daheim im Experimentalfilm
Was den Bilderzauberer Murer betrifft, so sehe man sich nur wieder einmal Höhenfeuer an, sein Opus Magnum von 1985. In dem Inzestdrama aus den Urner Bergen mit dem taubstummen «Bueb» als Protagonisten fällt bis zu zehn Minuten lang kein einziges Wort. Umso mehr ziehen einen dafür die Kamerafahrten des 2019 verstorbenen Kameramanns Pio Corradi mit ihren in jeder einzelnen Einstellung millimetergenau cadrierten Bildern unweigerlich in ihren Bann. Nicht umsonst schwingt der Film in Ratings immer wieder obenauf, wurde schon mehrfach zum «besten Schweizer Film aller Zeiten» gekürt.
Dabei ist Murer, 1940 in Beckenried NW geboren, einen sehr weiten Weg gegangen. «Meine geistige Heimat ist der Experimentalfilm», erklärte er letztes Jahr im Gespräch und erzählte dann, wie er mit 17 aus Altdorf UR, wohin seine Eltern 1946 gezogen waren, ins grosse und fremde Zürich gekommen war. Hier machte er, der zuvor in der Schule wegen seiner Legasthenie in den sprachlichen Fächern immer furchtbar Mühe hatte, an der damaligen Kunstgewerbeschule eine Ausbildung als wissenschaftlicher Zeichner.
Später wechselte er in die Fotoklasse, weil er an der legendären Ausstellung «Der Film» 1960 im Kunstgewerbemuseum in den Filmen Nanook of the North und Man of Aran des Pioniers Robert J. Flaherty den Beschluss fasste, Filmemacher zu werden. Und andererseits war es sein dortiger Lehrer, Serge Stauffer, der den angehenden Filmer motivierte, ein Filmfestival in der belgischen Stadt Knokk le Zoutte zu besuchen, dem damaligen Mekka der Experimentalfilmer.
Murer startete dann bald selber erste filmische Versuche mit surrealistischen Kurzfilmen und war dabei, als 1966 die Solothurner Filmtage gegründet wurden – mit einem vier Stunden dauernden Experimentalfilm, Pazifik oder die Zufriedenen, gedreht in jener ersten Zürcher WG, wo er damals lebte. «Ein abendfüllender und kinoleerender Film», schrieb die NZZ.
In den folgenden Jahren eckte Murer in Solothurn noch öfter an mit verspielt-anarchistischen Filmen, die er teilweise mit später so bekannten Künstlern wie Urban Gwerder, Alex Sadkowski oder H.R. Giger realisierte. In jenen Nach-68er-Jahren habe ein ernstzunehmender Film mit einem Zitat von Marx anfangen und mit einem von Lenin enden müssen, spottet Murer. «Doch Ideologie hat mich nie interessiert, ich wollte immer eigenständige, persönliche Filme machen», betont er.
«Hau ab nach Moskau!»
Eindrücklich bewies er das 1974 mit seinem ersten Kinodokumentarfilm Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind. Ganz im Sinne seines Idols Flaherty näherte Murer sich hier mit ethnografischem Blick seinen Protagonisten – Urner Bergbauern – und liess sie für sich selbst sprechen.
Retrospektive Fredi Murer: 4. bis 30. Oktober, Kinok St.Gallen
Gespräch mit Fredi Murer: 6. Oktober, 19 Uhr, Kinok St.Gallen
kinok.ch
Und als er fünf Jahre später mit seinem ersten Kinospielfilm Grauzone ein atmosphärisch dichtes Bild einer von Orientierungslosigkeit und Anpasserei geprägten Schweiz zeichnete, das vieles vorwegnahm, was kurz darauf zum Ausbruch der damaligen 1980er Jugendbewegung führte, musste er drastisch erfahren, wie ernst man ihn nahm: «Wenn Sie solche Filme machen, müssen Sie sich ja nicht wundern», beschieden ihm Polizisten auf einem Zürcher Posten, als er Anzeige gegen Unbekannt erstattet hatte, weil bei ihm ein Pflasterstein mit einem Zettel und der Aufforderung «Hau ab nach Moskau!» in sein Schlafzimmerfenster geflogen und tags darauf an seinem parkierten Auto die Radmuttern entfernt worden waren.
In seinen letzten Jahren als Filmemacher musste sich Murer dann mehr mit jungen Mitgliedern von Fördergremien herumschlagen, die ihm erklären wollten, wie man einen Film macht, als mit wild gewordenen Bürgern oder Polizisten. Doch Murer ist einer, der sich heute dank seines mit Abstand kommerziell erfolgreichsten Films Vitus (2006) zurücklehnen und sagen kann: «Ich bin froh, dass ich nicht aus ökonomischen Gründen darauf angewiesen bin, weiterhin Filme zu drehen.»
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz
In diesem Jahr feiert St.Gallen den 1100. Todestag Wiboradas. Obwohl die Inklusin einen grossen Einfluss auf die Stadt hatte, ist sie den wenigsten ein Begriff. Das soll sich ändern. Wie dies gelingen soll und welche Bedeutung Wiborada heute noch hat, erzählen Jolanda Schärli und Hildegard Aepli vom Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sowie Karin K. Bühler von der feministischen Bibliothek Wyborada im Gespräch mit Saiten.
Doppeltes Jubiläum: Im Mai jährt sich das Martyrium der St.Galler Stadtheiligen Wiborada zum 1100. Mal. Und der Verein Wyborada, der 1987 die gleichnamige feministische Bibliothek eröffnete, feiert sein 40-Jahr-Jubiläum. Ausserdem im Mai-Heft: Das Gespräch zwischen Florian Vetsch und dem St.Galler Autor Christoph Keller über dessen neuen Roman.
Abbau von über 46 Vollzeitstellen in der Verwaltung, Schliessung des Volksbades, zusätzliche Blitzer für die Stadtpolizei: Mit solchen Massnahmen will die St.Galler Stadtregierung bis 2029 das jährliche Loch in der Stadtkasse um 17,1 Millionen Franken reduzieren.