Eine Chance für den Frauenfussball – wenn man sie nutzt
Ab heute bis 27. Juli findet die Fussball-Europameisterschaft der Frauen in der Schweiz statt. Die Euphorie ist gross, die Erwartungen sind hoch. Doch wie nachhaltig ist dieses Turnier wirklich für den hiesigen Frauenfussball?
Impressionen vom Länderspiel gegen Österreich in Schaffhausen am 8. November 1970 aus einer Reportage der Fotoagentur Actualités Suisses Lausanne.
Zum ersten Mal richtet die Schweiz einen Grossanlass im Frauenfussball aus – ein Ereignis mit grosser Strahlkraft: Die EM ist der grösste frauensportspezifische Event in Europa. Die 31 Spiele werden in 190 Ländern übertragen, eine halbe Milliarde Menschen werden sie im TV mitverfolgen, und mehrere hunderttausend Fans werden in die Stadien strömen. Bei Redaktionsschluss waren für wenige Spiele noch Tickets erhältlich.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen, dass die intensive Präsenz in der Öffentlichkeit und in den Medien dem Frauenfussball in der Schweiz einen Schub verleiht. Es heisst, dass ein solcher Grossanlass die Entwicklung um bis zu zehn Jahre beschleunigen könne. Das zeigte sich vor drei Jahren bei der Europameisterschaft in England, die auf der ohnehin fussballverrückten Insel einen regelrechten Boom auslöste.
Allerdings wurde der Frauenfussball in anderen Ländern weitaus stärker gefördert als in der Schweiz. Welchen Stellenwert er hierzulande hat, zeigte sich beispielhaft daran, dass der Bundesrat Anfang 2024 wegen der angespannten Finanzlage die Gelder für die EM von 15 Millionen Franken auf vier Millionen kürzte – und diese vier Millionen sollte das Bundesamt für Sport woanders einsparen. Das Parlament machte diese Kürzung Ende 2024 wieder rückgängig. Zum Vergleich: Die Männer EM 2008 in der Schweiz und Österreich liess sich der Bund damals 82 Millionen kosten.
Dass die kurzfristig gesteigerte Aufmerksamkeit allein jedoch nicht reicht, zeigt sich selbst in England. Die dortige Women’s Super League verzeichnete in der Saison 2024/25 einen Zuschauer:innenrückgang von fast zehn Prozent, der auch die Topclubs traf. Das hat verschiedene Gründe. Die BBC führt unter anderem den Wegfall von Grossturnieren (und Erfolgen) im vergangenen Jahr an – nach dem Sieg an der Heim EM 2022 und dem WM-Final 2023 qualifizierten sich die Lionesses nicht für die Olympischen Spiele 2024.
Was braucht es also, damit der Frauenfussball in der Schweiz nachhaltig von dieser EM profitieren kann und das öffentliche Interesse nicht mit dem Schlusspfiff des Finals wieder zusammenbricht?
Der Schweizerische Fussballverband (SFV) hat das sogenannte Legacy-Entwicklungsprogramm «Here to stay» (heretostay.ch) lanciert. Es startete im Frühjahr 2024, läuft bis Ende 2027 und umfasst über 20 Projekte und Massnahmen, die gemeinsam mit den Regionalverbänden und letztlich auch mit den Fussballclubs umgesetzt werden. Auch die Austragungsstädte haben eigene Legacy-Programme. Diese sollen den Mädchen- und Frauenfussball in den Bereichen Breiten und Elitesport sowie «gesellschaftlicher Einfluss» nachhaltig stärken. Die UEFA verpflichtet die jeweiligen Gastgeberländer dazu. Der SFV muss die Wirkung der Massnahmen anschliessend evaluieren sowie die UEFA und den Bund als wichtigsten Geldgeber informieren.
Dass die Schweiz betreffend die politischen Rechte der Frauen nicht gerade das fortschrittlichste Land war und auch heute in Gleichstellungsfragen hinterherhinkt, ist hinlänglich bekannt. Es ist aber noch nicht allzu lange her, dass für Frauen auch ein faktisches Fussballverbot herrschte: Madeleine Boll erhielt 1965 im Alter von zwölf Jahren nur deshalb eine Lizenz, weil man sie für einen Buben hielt – und kaum hatte der Verband den Fehler bemerkt, entzog er ihr diese wieder.
Das ist nur eine der Geschichten, die Sporthistorikerin Marianne Meier und Geschlechterforscherin Monika Hofmann in ihrem Buch Das Recht zu kicken – Die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs erzählen. In diesem interessanten und flüssig geschriebenen Werk zeichnen sie auf über 300 Seiten die Entwicklung des Frauenfussballs von den 1920er-Jahren bis heute nach – ein umfassender Zeitraum, der bislang kaum zusammenhängend dokumentiert wurde. Porträts von und Interviews mit Pionierinnen wie Cathy Moser oder der Toggenburgerin Margrit Näf, die dem Sport trotz gesellschaftlicher Widerstände ihren Stempel aufgedrückt haben, sowie aktuellen Spielerinnen und Funktionärinnen sind eine Bereicherung. Eine schöne Ergänzung zum Buch ist der Podcast «Fussballpionierinnen», in dem einige der Befragten zu Wort kommen.
Meier und Hofmann geben mit Das Recht zu kicken einen umfassenden Überblick, der von rechtlichen Aspekten über den internationalen Kontext bis zu Marketing und Medien reicht. Zudem schafft das Buch Bewusstsein für die systemischen Herausforderungen, mit denen der Frauenfussball trotz steigender Medialisierung noch immer kämpft. (dag)
Marianne Meier und Monika Hofmann: Das Recht zu kicken – Die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs. Hier und Jetzt, Zürich 2025.
Podiumsdiskussion mit den Autorinnen sowie mit Margrit Näf und Beatrice Suter: 9. Juli, 12 Uhr, Fanzone Marktgasse, St.Gallen.
Im Breitensport sei das wichtigste Ziel, die Zahl der lizenzierten Spielerinnen (heute rund 40’000; Spieler: 300’000) sowie der Trainerinnen, Schiedsrichterinnen und Funktionärinnen bis Ende 2027 zu verdoppeln, sagt Dominik Erb, Medienverantwortlicher Frauenfussball beim SFV. Es ist ein ambitioniertes Vorhaben. Denn viele Mädchen und Frauen haben einen erschwerten Zugang zum Fussball, nur schon, weil entsprechende Teams in vielen Vereinen fehlen. Deshalb hat der SFV verschiedene Projekte lanciert: bei «Playmakers» kommen 5- bis 8-Jährige anhand von Disney-Geschichten mit Fussball in Berührung, «Doppelpass» soll Mädchen im Schulsport an den Fussball heranführen und basiert auf einer Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen, und ab dem nächsten Schuljahr bzw. der neuen Saison gibt es eine Kickstart-Toolbox für Lehrpersonen und Trainer:innen mit Spielformen, Praxistipps oder Trainingsplänen.
Beim «gesellschaftlichen Einfluss» will der SFV Frauen im Fussball sicht- beziehungsweise hörbarer machen. Er hat in den vergangenen Wochen 15 Stadionsprecherinnen ausgebildet, die künftig in der Meisterschaft zu hören sein werden. Acht von ihnen werden bereits an der EM im Einsatz sein.
«Blick»-Bildreportage zu einem Hallentraining des DFC Zürich, 8. Dezember 1976.
Auch die Trainerinnenausbildung wurde bereits verstärkt: Seit 2024 bietet der SFV zusammen mit den Regionalverbänden Kurse auf Niveau C-Basic nur für Frauen an. «Das ist ein Bedürfnis – und eine Erfolgsgeschichte», sagt Erb. In den vergangenen zwei Jahren seien gleich viele Trainerinnen ausgebildet worden wie in den sieben Jahren davor. Für Schiedsrichterinnen gibt es ebenfalls spezielle Kurse.
Vereine können sich ausserdem für die Legacy-Challenge anmelden, aus vorgegebenen Fördermassnahmen für Mädchen und Frauen auswählen, Punkte sammeln und Prämien gewinnen, von Waschmitteln über Trainingssets bis zu Trainingslagern oder sogar einem Team Bus für ein Jahr. Gemäss Erb haben bisher rund 200 Vereine teilgenommen und über 1000 Massnahmen eingereicht.
Mehr Spielerinnen bringen aber auch neue Herausforderungen mit sich. Viele Vereine haben mit einem Mangel an Trainingsplätzen und Trainer:innen (und zu vielen Anmeldungen) zu kämpfen. Für neue Sportanlagen fehlt in vielen Gemeinden der Platz oder das Geld – oder beides. Ausserdem ist der Bau eines neuen Trainingsplatzes oft ein langer Prozess. Der SFV will gemäss Erb mit einem bald erscheinenden Handbuch die Vereine dabei unterstützen, ihre Infrastruktur – vor allem Plätze, aber auch Garderoben – besser zu nutzen, etwa durch kürzere Trainings oder kleinere Trainingsfelder. Solche Massnahmen hätten sich in anderen Ländern bewährt.
JENNIFER WYSS ist seit Mai 2024 verantwortlich für den Frauenfussball beim Ostschweizer Fussballverband (OFV), der die Kantone St.Gallen, Thurgau, beide Appenzell, Graubünden und Glarus sowie das Fürstentum Liechtenstein umfasst. Die Stelle wurde damals neu geschaffen. Die 21-Jährige weiss aus eigener Erfahrung, wo der Kickschuh im Mädchen und Frauenfussball drückt: Sie spielte für den FC St.Gallen (2019–2023) und den FC Luzern (2023) fast 100 Partien in der höchsten Spielklasse, seit Anfang 2024 ist sie für den FC Wil in der Nationalliga B aktiv. Daneben trainiert sie die U14 Mädchen des FC Wil.
Zu Wyss’ Aufgaben gehört es unter anderem, die Vereine für die Anliegen des Mädchen- und Frauenfussballs zu sensibilisieren, zu beraten und Überzeugungsarbeit zu leisten – etwa betreffend die vom SFV initiierten Optimierungen der Infrastruktur. «Als Verband können wir einiges anbieten, aber am Schluss müssen die Vereine mitmachen.»
Im OFV-Gebiet zeigt die Legacy bereits Wirkung, die Zahlen sind gestiegen: bei den Spielerinnen um rund 15 Prozent (auf über 5000), bei den Funktionärinnen um 18 Prozent (auf knapp 300) und bei den Schiedsrichterinnen um 5 Prozent (auf rund 60). Am stärksten war die Zunahme bei den Trainerinnen – um über 30 Prozent auf mehr als 400. Allein im letzten Jahr wurden so viele ausgebildet wie in den drei Jahren zuvor zusammen.
Der Grund für diesen starken Anstieg sei der 2024 erstmals durchgeführte Kurs nur für Frauen, sagt Wyss. Dieses Jahr finden zwei weitere Kurse statt. «Wir stellen fest, dass sich viele Frauen in einer reinen Frauengruppe wohler fühlen.» Hilfreich sei ausserdem, dass diese die ehemalige FCSG-Trainerin Marisa Wunderlin leitet – nicht nur wegen ihres riesigen Knowhows, sondern auch hinsichtlich der Vorbildfunktion.
Weitaus schwieriger sei es, neue Schiedsrichterinnen zu gewinnen, sagt Wyss. Gerade für junge Schiedsrichterinnen sei es schwierig, Männerspiele zu pfeifen und sich gegenüber den Spielern behaupten zu müssen. Der OFV hat deshalb einen «Frauenweg» eingeführt: Angehende Schiedsrichterinnen müssen neuerdings nicht mehr Männerspiele in unteren Ligen pfeifen, sondern können bis zu einer gewissen Stufe nur Frauen oder Mädchenspiele leiten. «So holen wir jene ab, die sich den Job bisher nicht zugetraut haben.»
Mit den EM-Spielen erreiche man viele Leute, die sonst nicht oder wenig Fussball schauen, sagt CÉLINE BRADKE. Die 25-Jährige ist Projektleiterin der «Host City St.Gallen», wo drei Vorrundenspiele stattfinden, und somit zuständig für die Organisation und das Rahmenprogramm. Auch besuchten viele Familien mit Kindern die Partien. Das sei eine grosse Chance, sie für den Frauenfussball zu gewinnen, etwa als Besucher:innen von Spielen der Schweizer Meisterschaft.
Sie sei überzeugt davon, dass die EM dem Mädchen- und Frauenfussball in der Region einen Schub geben werde, sagt Bradke. Denn auch die «Host City St.Gallen» hat ein Legacy-Programm, das von Stadt und Kanton mitfinanziert wird. Dieses enthält diverse Angebote. Unter anderem gibt es für Primarschülerinnen Schnuppertrainings an Schulen, zudem wird im Schulhaus Buchwald während der Mittagszeit Fussball angeboten. Im Frühling gab es Goalietrainings in St.Gallen, Henau und Chur sowie Schnupperkurse für Trainerinnen und Schiedsrichterinnen. Im Heimat-Schulhaus entsteht die «Soccerbox», ein kleines Kunstrasenspielfeld. Zudem baut die Stadt den Hauptplatz im Stadion Espenmoos, wo der Rasen während der Wintermonate jeweils wochenlang nicht bespielbar war, sowie einen Trainingsplatz im Gründenmoos zu Kunstrasenplätzen um, wodurch eine intensivere und ganzjährige Nutzung möglich sein wird. Ausserdem arbeitet sie zusammen mit acht Stadtvereinen an einer effizienteren Belegung von Plätzen und Garderoben sowie an einem nationalen Handlungsleitfaden mit.
Auch im Elitefussball soll die EM Wirkung zeigen. Das wichtigste Ziel ist die Stärkung der Axa Women’s Super League (AWSL). Zum einen geht es um deren Sichtbarkeit: «HighlightSpiele» würden künftig mit zusätzlichen Marketingmassnahmen gepusht, sagt DOMINIK ERB vom SFV. Ganz allgemein wolle man noch mehr «Konsument:innen» gewinnen – also nicht nur in den Stadien, sondern auch bei Liveübertragungen im TV oder auf den digitalen Kanälen bzw. in den sozialen Medien. Zum anderen hat der SFV beschlossen, eine Lizenzierung für die AWSL einzuführen, die von den Clubs höhere Standards im Bereich Infrastruktur und Spielbetrieb verlangt. Ausserdem gibt es für die AWSL und die Nationalliga B ab der Saison 2026/27 ein neues Nachwuchslabel, um mit gezielten Vorgaben die Talente besser zu fördern.
Ab der nächsten Saison müssen ausserdem alle AWSL-Clubs, die auch ein Männerteam in den obersten beiden Ligen stellen – derzeit alle zehn –, mindestens zwei Spiele pro Saison im Heimstadion der Männer austragen. Die Statistiken zeigten, dass mehr Zuschauer:innen in die grösseren Stadien kommen, sagt Erb.
Nimmt man die Zuschauer:innenzahlen als Gradmesser, erlebt die AWSL seit der Modusänderung 2021/22 (Aufstockung von acht auf zehn Teams und Einführung der Playoffs) einen Boom. Die Zuschauer:innenzahlen stiegen seither von 22’200 (oder knapp 200 pro Spiel), was trotz Coronamassnahmen bis im Frühling neuer Höchststand war, auf über 84’000 oder rund 700 pro Spiel in der abgelaufenen Saison – fast das Vierfache der Saison 2021/22 und knapp 17 Prozent mehr als in der Saison 2023/24 (72’000). Der letzte Anstieg ist jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Zum einen gab es im Playoff-Final neu ein Spiel mehr (Hin- und Rückspiel). Zum anderen entfiel nahezu ein Viertel des Totals auf zwei Spiele der YB-Frauen mit jeweils über 10’000 Zuschauer:innen, darunter das Final-Rückspiel.
Auch beim Frauenteam des FC St.Gallen zeigt sich diese positive Entwicklung: Kamen 2021/22 noch ins gesamt etwas über 2000 Zuschauer:innen an die Spiele (Durchschnitt: 190), waren es 2024/25 rund 4400 oder durchschnittlich 400, also mehr als doppelt so viele. Im Vergleich zur Vorsaison verzeichnete der FCSG jedoch einen Zuschauer:innenrückgang von fast 15 Prozent, obwohl er beide Male in den Playoff Viertelfinal kam. Allerdings trägt das Frauenteam in den Wintermonaten wegen der Unbespielbarkeit des Platzes im Espenmoos seine «Heimspiele» in Wil aus, was den Publikumsaufmarsch natürlich beeinflusst.
Dominik Erb nennt mehrere Gründe für diesen Sprung bei den Zuschauer:innenzahlen: den Einstieg der Axa 2020 als Ligasponsorin, Doppelspiele (Frauen und Männerteam eines Clubs nacheinander im gleichen Stadion) und Playoffs. Dennoch prüfe der SFV derzeit eine erneute Modusänderung.
So sehr die Verbände die Entwicklung des Frauenfussballs vorantreiben – wenn die Clubs nicht mitziehen, wird es schwierig, entscheidend vorwärtszukommen. Bei den grossen Clubs seien die Bedingungen heute viel besser als noch vor ein paar Jahren, sagt Jennifer Wyss. Auch wenn es nur kleine Dinge seien, die im Männerfussball längst selbstverständlich sind. «Früher mussten wir im Winter um Trainingsplätze kämpfen, wenn Schnee lag, und die Trainingskleidung zu Hause selber waschen.» Auch die Präsenz auf den Clubkanälen sei viel grösser als früher.
Dennoch: In vielen Vereinen gebe es noch Entwicklungspotenzial, sagt Dominik Erb, sei es personeller, struktureller, infrastruktureller oder finanzieller Art. Nur schon professionelle Trainings seien nicht überall uneingeschränkt möglich.
In dieselbe Kerbe schlägt PATRICIA WILLI, Co-Sportchefin des Frauenteams des FC St.Gallen. Sie fordert von den Fussballclubs klare Visionen für ihre Frauenteams. Das gelte auch für den FCSG. Dieser habe in den vergangenen Jahren viel in den Frauenfussball investiert. Doch wenn in einem Jahr der Businessplan für die erste Equipe ausläuft, brauche es eine klare strategische Ausrichtung, auch im Sinne eines Bekenntnisses zum Frauenfussball. «Ich wünsche mir, dass wir allen unseren Spielerinnen Verträge als Nicht-Amateurinnen geben können und sie genügend Lohn bekommen, um nebst ihrem Job oder der Ausbildung den Fokus auf den Fussball legen zu können.»
Ähnlich argumentiert Céline Bradke, die ebenfalls einst für den FC St.Gallen auflief (2018—2021) und seit 2024 beim FC Staad in der 1. Liga (dritthöchste Spielklasse) spielt. Für sie ist es zentral, dass die Clubs ein offenes Ohr für diese Bedürfnisse haben – und entsprechend handeln. «Für Frauenfussball muss man kämpfen», ist sie überzeugt.
Eines der Hauptprobleme bei der Professionalisierung des Elitefussballs ist, dass die Entlöhnung der Spielerinnen immer noch auf einem sehr tiefen Niveau ist. Etwa die Hälfte der Spielerinnen in der AWSL sind gemäss Dominik Erb Nicht-Amateurinnen, verdienen also mehr als 500 Franken pro Monat. Patricia Willi schätzt, dass der Grossteil von ihnen zwischen 500 und 1500 Franken pro Monat bekommt. «Wenn wir von Professionalisierung reden, muss es möglich sein, einer gestandenen Spielerin 2500 bis 3000 Franken zu bezahlen.» Das reiche zwar nicht, um vom Fussball zu leben, würde den Spielerinnen aber immerhin die Möglichkeit geben, im «richtigen» Job das Pensum zu reduzieren. Noch extremer ist es in der Nationalliga B: Für die meisten Spielerinnen gibt es gar keine Entschädigung. Bis zur Integration des Frauenteams in die AG im vergangenen Sommer mussten die Spielerinnen des FC Wil sogar einen Vereinsbeitrag zahlen, um spielen zu dürfen. Damit war der Klub bis heute kein Einzelfall, sondern die Regel.
Das hat zur Folge, dass praktisch alle AWSL-Spielerinnen einer Arbeit nachgehen, oft in einem hohen Teilzeitpensum. Zwischen Job, Trainings, Meisterschaftsspielen und anderen Verpflichtungen bleibt ihnen kaum Zeit für die Regeneration, was ihre Leistungsfähigkeit mindert und das Verletzungsrisiko erhöht. Wenn ein Club Morgen- oder Nachmittagstrainings ansetzt, können viele nicht daran teilnehmen, weil sie arbeiten müssen – und eine Reduktion des Pensums können sie sich nicht leisten. «Wir müssen dahin kommen, ihnen den Job, den sie ab dem Nachmittag auf dem Trainingsplatz verrichten, zu vergüten wie ihren richtigen Job», sagt Willi. Wenn die steigende sportliche Belastung nicht honoriert werde, drohe ein Rückzug vom Fussball.
Auch Jennifer Wyss sagt, sie habe sich bewusst für den Schritt von der AWSL in die Nationalliga B entschieden: «Ich investierte immer sehr viel in den Fussball, aber irgendwann bekam ich nicht mehr gleich viel zurück.» Damit meint sie nicht nur Geld, sondern in erster Linie die Freude am Spiel. Beim FC Wil bekomme sie zwar kein Geld, dafür sei auch der Aufwand geringer. In der AWSL würden die meisten Spielerinnen vieles zurückstellen, um ihren Traum, der letztlich doch nur ein Hobby sei, leben zu können.
Patricia Willi, Jennifer Wyss und Céline Bradke wünschen sich, dass Fussballerinnen endlich mehr Anerkennung bekommen. Sie sind sich aber einig, dass es wohl noch lange dauern wird, bis sie vom Fussballspielen leben können: «Uns muss klar sein: In der Schweiz werden Frauen auch in den nächsten Jahren nicht des Geldes wegen tschutten», sagt Wyss.
Daran wird auch der Schub durch die EM nichts ändern. Aber wenn alle mitziehen, kann diese zum Startschuss für eine neue Ära werden.
Die Illustrationen sind von LEA LE. Die Bilder stammen aus dem Buch Das Recht zu kicken – Die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs.
St.Gallen ist eine von acht Städten, in denen die Fussball-EM der Frauen stattfindet. Vom EM-Start am 2. Juli bis zum 13. Juli entsteht deshalb in der Marktgasse eine Fanzone. Dort gibt es täglich (ausser am 6. Juli) am Mittag Talks zu Frauenfussball oder zu Leistungssport, am Nachmittag ein Spielprogramm und am Abend Livemusik.
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