Mit dem «längsten Alptraum» ist die Parkgarage Schibenertor, genannt Union+, gemeint. Sie ist nach jahrelangem Seilziehen bekanntlich vor den Sommerferien beerdigt worden. Hansueli Stettler und sein Komitee Vernünftiger Marktplatz gehörten zu den heftigsten Kritikern des Projekts. Bereits 2015 hatte Stettler zu einer Kundgebung aufgerufen; auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um den Tiefgaragenplan traf man sich damals unter den Platanen und auf dem Blumenmarkt und brachte den Verkehr, wie das Bild unten dokumentiert, für kurze Zeit zumindest ein bisschen in Unordnung.
Bereits zuvor hatte Stettler eine alternative Nutzung der kleinen Platanenallee ins Spiel gebracht, die heute am Union die Fahrspuren teilt und als Parkplatz genutzt wird. Eine «Rambla» sollte entstehen, mehr dazu hier.
Und jetzt also, am Freitag 15. September, wollte Stettler die Rettung der Bäume feiern – ihr drohender Verlust war eines der ökologischen Argumente gegen die dort geplante Einfahrt der Parkgarage gewesen. Ende August fragte Stettler um eine Bewilligung an, inklusive Sperrung der beiden an die Bäume unmittelbar angrenzenden Fahrspuren, «um den zweifellos zahlreich erscheinenden St.GallerInnen genügend Platz zu geben», Musik zu machen und einen Film zu zeigen. Der Anlass sollte bis 23.30 Uhr dauern.
Querungsgefahren – Terrorgefahr
Die Antwort der Stadtpolizei, Amt für Bewilligungen, kam nach einer Woche und fiel negativ aus, wie Stettler mitteilt. An einem Freitagabend auf einer Hauptverkehrsachse zwei Spuren für eine private Veranstaltung zu sperren, lasse sich nicht rechtfertigen. Zudem gäbe es riskanten Querungsverkehr. Die Insel am Union eigne sich aus Sicherheitsgründen nicht für einen Event – aus alltäglichen ebenso wie aus speziellen: «Aufgrund der in Europa erhöhten Terrorgefahr müssten zusätzliche Anti-Terrormassnahmen zum Schutze der Besucher ergriffen werden, was an dieser Lage unrealistisch ist.»
Stettler und seine «Mitstreiter im öffentlichen Raum» erhoben gegen den ablehnenden Entscheid Rekurs an Stadträtin Maria Pappa. Der Querungsverkehr wäre gefahrlos lösbar, war ein Einwand. Ein anderer: Es sei nicht Sache der Polizei, einen solchen Anlass als «privat» zu qualifizieren. Denn jede Handlung im öffentlichen Raum sei politisch; mit der bevorstehenden Debatte um die sogenannte Mobilitätsinitiative sei die Aktualität des Themas erst recht gegeben.
Und schliesslich die Terrorgefahr: Mit diesem Argument könnte in St. Gallen ab sofort keine angekündigte Veranstaltung ohne Betonblöcke mehr stattfinden. «Wir teilen diesbezüglich Ihre Bedrohungswahrnehmung in keiner Weise, waren doch die in Europa bekannten Terrorziele immer solche mit internationaler Ausstrahlung und hoher Bekanntheit. Dies trifft für St.Gallen definitiv nicht zu», schrieb Stettler leicht ironisch.
Auf seinen Rekurs hin bestanden die Behörden darauf, dass das öffentliche Interesse bezüglich Verkehrssicherheit überwiege gegenüber den Interessen eines Veranstalters; bei der aktuellen Verkehrssituation am Schibenertor ein nachvollziehbarer Entscheid. Darüberhinaus bot die Polizei nach Absprache mit Stadträtin Pappa zwei alternative Veranstaltungsorte an: den Blumenmarkt oder den Gallusplatz. Stettler lehnte ab und begründet dies auf Nachfrage von Saiten damit, dass das Fest ausdrücklich «unter und mit den Bäumen» stattfinden sollte, und nicht sonst irgendwo.
…und bei Nacht.
Ein neuer zentraler städtischer Platz?
Vielleicht gebe es am Freitag trotz Absage individuelle Aktionen, fügt Stettler bei – «wenn das Wetter passt». Das Datum zumindest passt: Am 15. September ist internationaler Parking Day. Er ruft dazu auf, auf kreative Weise Parkplätze temporär in Beschlag zu nehmen.
Verkehrsspezialist und Mediendesigner Markus Tofalo sagt zum abgesagten Platanenfest: «Die Idee, den Parking Day zum Anlass für eine solche Probe-Autobefreiung dieser schönen Mittelinsel zu nehmen, war mir sehr sympathisch. Nach meiner Einschätzung sollten drei Fahrspuren auf der Union-Seite der Bäume Platz finden, so dass die andere Seite verkehrsbefreit sein könnte. Wir hätten so in St.Gallen einen schönen, zentralen, städtischen Platz, der aufgrund seiner rechteckigen Form, seiner Bedeutung und der umliegenden Fassaden auch als Platz wahrgenommen würde. Wie wäre erst seine Bedeutung, wenn hier tatsächlich die Bibliothek untergebracht würde? Oder im Unter- und Erdgeschoss des Unions eine Markthalle? (siehe hier) Dass man auf die Idee der Bibliothek überhaupt gekommen ist, zeigt doch, dass man erkannt hat, dass das Union zusammen mit die Schibenertorplatz ein wichtiges Scharnier zwischen Altstadt und westlichem Zentrum darstellen.»
Mit anderen Worten: Das Nein zur Parkgarage macht den Weg frei für neue Stadt-Platz-Ideen.
Bilder und Visualisierungen: Markus Tofalo
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