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Eine Portion Kunst

Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.

Am Fine Dinner im Kunstkontor essen die Gäst:innen aus Tellern, die der St.Galler Künstler Felix Stöckle kreiert hat. Das Essen bereitet Maurus Huber zu. (Bilder: pd) 

Am Fine Dinner im Kunstkontor essen die Gäst:innen aus Tellern, die der St.Galler Künstler Felix Stöckle kreiert hat. Das Essen bereitet Maurus Huber zu. (Bilder: pd) 

Ein Tel­ler ist auf den ers­ten Blick we­nig spek­ta­ku­lär. Es­sen, spü­len, Schrank – re­peat. Viel­leicht liegt ge­ra­de dar­in der Reiz für Fe­lix Stöck­le: Der Künst­ler macht aus ei­nem Ge­gen­stand des täg­li­chen Ge­brauchs ein Bild, ein Kunst­werk und ein Sam­mel­stück. Beim Din­ner im pri­va­ten Art Space Kunst­kon­tor tra­fen am Wo­chen­en­de un­ter der Lei­tung von Gast­ge­be­rin Glo­ria Weiss und auf Vor­schlag der Ku­ra­to­rin Na­dia Ve­ro­ne­se vom Kunst­mu­se­um St.Gal­len Kunst, Ke­ra­mik und Ku­li­na­rik auf­ein­an­der. 

In ei­ner his­to­ri­schen Ror­scha­cher Händ­ler­vil­la aus dem Jahr 1798 fin­den in re­gel­mäs­si­gen Ab­stän­den Aus­stel­lun­gen und Kunst­e­vents statt. Zu die­sem An­lass ge­stal­te­te der ge­bür­ti­ge St.Gal­ler und der­zeit in Ba­sel le­ben­de Künst­ler Fe­lix Stöck­le ei­ne Ta­fel mit sei­nen ei­gens für den Abend an­ge­fer­tig­ten Tel­lern und Ta­fel­wa­ren. Koch war Mau­rus Hu­ber, Koch und Mit­be­grün­der des Pop-up-Re­stau­rants Ma­jo in Lich­ten­steig. Auf den Tisch kam ei­ne drei­gän­gi­ge Ta­vo­la­ta mit re­gio­na­len und bio­lo­gi­schen Zu­ta­ten – zum ge­mein­sa­men Tei­len. Der Abend war mit 24 Gäs­ten aus­ge­bucht. 

Es­sen und Kunst: zwei For­men des Ge­nus­ses

Die Kom­bi­na­ti­on aus ge­mein­sa­mem Abend­essen und ei­ner Aus­stel­lung war für Stöck­le na­he­lie­gend: «Wenn ich mich mit Freund:in­nen oder Kol­leg:in­nen tref­fe, um ein Pro­jekt zu be­spre­chen oder zu pla­nen, ver­bin­den wir das ei­gent­lich im­mer mit ei­nem ge­mein­sa­men Es­sen und ei­ner gu­ten Fla­sche Wein.» Kon­zep­tu­ell al­so to­tal lo­gisch, denn Fi­ne Di­ning und Kunst ha­ben ei­ni­ge Ge­mein­sam­kei­ten. Bei­de ar­bei­ten mit Kom­po­si­ti­on, Rhyth­mus, Far­be, Ma­te­ri­al und Kon­trast. Ein gu­tes Ge­richt ist wie ein Kunst­werk: ei­ne Cho­reo­gra­fie von Zu­ta­ten, Tem­pe­ra­tur, Tex­tur und Ge­schick. Und letzt­end­lich ist bei­des auch im­mer Ge­schmacks­sa­che. Man­che Men­schen sind mit ei­nem Fast-Food-Me­nü hap­py, an­de­re zah­len viel Geld für kunst­voll an­ge­rich­te­te Cou­verts. Für man­che ist es erst ein rich­ti­ges Es­sen, wenn ge­grill­tes Fleisch auf dem Tel­ler liegt, wie­der an­de­re set­zen auf ve­ga­ne, sai­so­na­le und re­gio­na­le Kü­che. Es­sen ist ei­ne Phi­lo­so­phie – man sagt nicht um­sonst: Du bist, was du isst!

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Ei­ne wei­te­re Par­al­le­le von Kunst und Ku­li­na­rik liegt dar­in be­grün­det, dass bei­des Zeit und Vor­be­rei­tung er­for­dert. Ein Ge­richt, das man in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten auf­isst, kann Stun­den oder Ta­ge der Vor­be­rei­tung er­for­dern. Auch ein Kunst­werk – in die­sem Fall ei­ne Ke­ra­mik­ar­beit – ent­steht in ei­nem lan­gen Pro­zess und wird dann für ei­nen kur­zen Mo­ment auf den Tisch ge­stellt. Das Ver­gäng­li­che und das Dau­er­haf­te be­geg­nen sich. Und last but not least: Um die Kunst oder ein Es­sen voll­stän­dig zu er­fas­sen, muss man sich dar­auf ein­las­sen.

Die Kunst des Tei­lens

Dass Hu­ber kei­ne Ab­fol­ge streng por­tio­nier­ter Tel­ler ser­vier­te, son­dern ei­ne Ta­vo­la­ta zum Tei­len, war mehr als ei­ne ku­li­na­ri­sche Ent­schei­dung. Ge­mein­sa­mes Es­sen ist seit je­her ei­ne so­zia­le Kom­po­nen­te: Man setzt sich zu­sam­men an ei­nen Tisch, teilt Nah­rung und Ge­sprä­che, und für ei­nen Mo­ment ent­steht ein Mit­ein­an­der. Fi­ne Di­ning wird häu­fig mit Ex­klu­si­vi­tät ver­bun­den – mit klei­nen Por­tio­nen, gro­ßer Prä­zi­si­on und ei­ner ge­wis­sen Di­stanz zwi­schen Kunst­werk und Be­trach­ter:in. Die­se Er­war­tung wird durch die Ta­vo­la­ta ge­bro­chen. Man reicht Schüs­seln wei­ter, fragt nach, pro­biert vom ne­ben­ste­hen­den Tel­ler und tauscht sich aus. Da­durch wird der Abend zu ei­nem le­ben­di­gen und lo­cke­ren Er­eig­nis.

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Die­se Läs­sig­keit setzt Hu­ber ganz be­wusst mit sei­nem Star­ter ein: ei­nem Apé­ro aus ei­nem ve­ge­ta­ri­schen Lah­ma­cun mit Wild­kräu­ter­sa­lat, da­zu ei­ne kla­re To­ma­ten­kalt­scha­le. An­schlies­send geht es an die Ti­sche. Hier steht haus­ge­mach­tes Sau­er­teig­brot mit auf­ge­schla­ge­ner, ge­sal­ze­ner But­ter be­reit. Stöck­le sagt da­zu: «Ein But­ter­brot geht ein­fach im­mer. Das bringt die Leu­te zu­sam­men!» Im An­schluss geht es rich­tig los mit der Vor­spei­se: Bo­den­see­hecht­knus­per­li mit Re­mou­la­de und Ko­ri­an­der­blü­ten, da­zu grü­ner Sa­lat oder als ve­ga­ne Va­ri­an­te: Fake Tu­na Car­pac­cio aus de­hy­drier­ter Was­ser­me­lo­ne mit Ko­ri­an­der­blü­ten, Pick­les und min­zi­gen Kräu­tern. Als Haupt­gang wer­den kon­fier­ter Igel­sta­chel­bart mit Ser­vi­et­ten­knö­del, Quel­ler, Sau­er­kirsch­sauce und Jus ser­viert. Und als krö­nen­den Ab­schluss gibt es zum Des­sert ei­ne Tar­te Ta­tin mit Zwetsch­gen und Milchg­la­cé mit Fei­gen­blatt in­fu­sed, on top ei­ne ein­ge­leg­te Weiss­dorn­knos­pe.

Ein Tel­ler, der bleibt

Zu Be­ginn des Abends sind die Ti­sche be­reits fer­tig ein­ge­deckt mit der Ke­ra­mik von Stöck­le. Man wählt sei­nen Platz nach Tel­ler aus, und das ganz be­wusst, denn die­ser ist im Preis für das Din­ner ent­hal­ten und darf mit nach Hau­se ge­nom­men wer­den. Über den Abend ent­wi­ckelt das Kunst­werk ein ge­wis­ses Ei­gen­le­ben: Die Tex­tur der Sau­cen ver­än­dert die Mo­ti­ve, im­mer wie­der er­hält das ei­gent­li­che Kunst­werk neue Fa­cet­ten und man möch­te den Tel­ler am En­de des Abends fast gar nicht ab­spü­len, da er so schö­ne Spu­ren auf sich trägt.

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Durch das De­kla­rie­ren des Tel­lers zum Samm­ler­stück nä­hert sich Stöck­le ei­ner lan­gen Ge­schich­te der eu­ro­päi­schen Por­zel­lan­kunst an. Gros­se Ma­nu­fak­tu­ren wie Meis­sen oder Ro­sen­thal ha­ben seit Jahr­hun­der­ten Bil­der­tel­ler zu be­gehr­ten Kunst- und Sam­mel­ob­jek­ten und da­mit zu Ge­gen­stän­den ge­macht, die gleich­zei­tig Ge­brauchs­ob­jekt, De­ko­ra­ti­on und Teil ei­ner Kol­lek­ti­on sind.

So ver­än­dert sich auch die Idee des Kunst­be­sit­zes. Man kauft nicht ein­fach ein Ob­jekt, das in ei­ner Ga­le­rie aus­ge­stellt wird, son­dern er­lebt die Funk­ti­on des Kunst­wer­kes im so­zia­len Zu­sam­men­hang und nimmt ei­nen Teil die­ses Er­leb­nis­ses mit nach Hau­se. Der Tel­ler wird so­mit zum Sou­ve­nir ei­nes er­leb­ten Mo­ments.

Pop­kul­tu­rel­le Re­fe­ren­zen und Me­me­cha­rak­ter

Das passt zu Stöck­les ge­sam­ter künst­le­ri­scher Pra­xis. Sei­ne Ar­bei­ten be­we­gen sich zwi­schen Ke­ra­mik, Zeich­nung, Druck­gra­fik und In­stal­la­ti­on und in­ter­es­sie­ren sich für Ri­tua­le, Tra­di­tio­nen und kul­tu­rel­le Bild­wel­ten. Da­bei tref­fen his­to­ri­sche Sym­bo­le auf Ge­gen­stän­de des All­tags und auf Mo­ti­ve aus Co­mic, di­gi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on und Pop­kul­tur. Auch auf den Tel­lern fin­det sich die­se Span­nung wie­der. Ein Emo­ji, ein Zi­tat, ein mi­li­tä­ri­sches Ge­rät oder ein Hanf­blatt – sei­ne Bild­welt funk­tio­niert wie ein Me­me mit ver­schie­de­nen pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen. 

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Stöck­le er­zählt da­bei nicht un­be­dingt ei­ne ein­deu­ti­ge Ge­schich­te. Ge­ra­de die ana­chro­nis­ti­sche Zu­sam­men­stel­lung sei­ner Mo­ti­ve er­öff­net ver­schie­de­ne mög­li­che Zu­sam­men­hän­ge, statt ei­ne ein­zi­ge In­ter­pre­ta­ti­on vor­zu­schrei­ben. Sei­ne Ar­bei­ten brin­gen Be­deu­tun­gen ins Wan­ken. Die Wir­kung ent­steht aus der Kol­li­si­on von Be­kann­tem und Un­er­war­te­tem.

Ein Kunst­werk mit emo­tio­na­lem Wert

Und so ist auch der Din­ner-Tel­ler mehr als hüb­sche Tisch­de­ko­ra­ti­on. Er sitzt an ei­ner in­ter­es­san­ten Schnitt­stel­le: zwi­schen Kunst und Hand­werk, zwi­schen Bild und Ge­brauchs­ge­gen­stand, zwi­schen Ein­ma­lig­keit und Se­ri­en­ob­jekt und letzt­end­lich auch zwi­schen Kon­sum und Er­in­ne­rung. Das Es­sen ist in­ner­halb we­ni­ger Stun­den ver­schwun­den – der Tel­ler bleibt. Er wird zum Er­in­ne­rungs­stück ei­nes Abends, an dem die Gäst:in­nen in­ter­es­san­te Ge­sprä­che ge­führt, neue Kon­tak­te ge­knüpft, Ge­dan­ken aus­ge­tauscht und viel zu­sam­men ge­lacht ha­ben. Vor al­lem die Tom­bo­la, die sich Stöck­le für all die an­de­ren Tei­le sei­ner Ta­fel­wa­re aus­dach­te, sorg­te für viel Un­ter­hal­tung und Freu­de. Für 20 Fran­ken konn­te man Lo­se kau­fen, je­des da­von war ein Ge­winn. Ein klei­nes But­ter­schäl­chen? Ei­ne der gros­sen Va­sen? Al­les war mög­lich!

Am En­de nimmt al­so je­de und je­der ei­nen Tel­ler und noch ein paar klei­ne oder gros­se Ge­win­ne mit nach Hau­se. Viel­leicht ste­hen sie ab die­sem Abend in ei­ner Vi­tri­ne, viel­leicht wer­den sie wei­ter ge­nützt, als Teil des hei­mi­schen Ge­schirrs. Egal wie, sie kon­ser­vie­ren mehr als nur ei­nen Kunst­kauf, denn sie tra­gen die­sen lau­en Som­mer­abend im Kunst­kon­tor und die Spu­ren der ver­schie­de­nen Sau­cen­spie­gel für im­mer in sich ein­ge­schrie­ben.

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