, 24. November 2015
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Eine schwarze Familien-Saga

In ihrem neuen Buch Sticken und Beten beleuchtet Jolanda Spirig den katholischen Rohner-Clan. Im Rheintal hatte er ein mächtiges Stickerei-Imperium aufgebaut, das fast anderthalb Jahrhunderte überdauerte. Bis es die reformierte Konkurrenz übernahm.

Ausflug mit dem Firmenauto: Jacob Rohner und Albert Geser-Rohner mit Vikar Kuster und weiteren Gästen, um 1908. (Alle Bilder stammen vom beschriebenen Buch)

Das Rheintal ist heute eine der am höchsten industrialisierten Gegenden Europas. Die Region war einst im Besitz von zwei Industrie-Oligarchen. Der eine war Max Schmidheiny, der andere Jacob Rohner. Der eine freisinnig, der andere konservativ. Während die Schmidheinys durch Zement und Asbest noch immer in den Schlagzeilen sind, redet von den Rohners niemand mehr. Ihr Ende kam 1988. In diesem Jahr wurde die Jacob Rohner AG vom St.Galler Textilindustriellen Ueli Forster übernommen, dessen Grossvater einst selbst bei Rohner gearbeitet hatte. Es sei eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Freisinniger den Schlusspunkt in der Rohner-Geschichte gesetzt habe, bemerkt Autorin Spirig treffend.

6,8 Millionen bis zum Tod

Die Rohner-Saga beginnt 1873, als Jacob Rohner rechtzeitig vor dem Beginn des grossen Booms ins Stickereigeschäft einstieg. Zusammen mit seinem Bruder und einem väterlichen Darlehen stellte er in Rebstein eine Handstickmaschine auf und begann mit der Produktion. Er belieferte die St.Galler Handelshäuser Iklé, Union und Reichenbach mit Auftragsware und liess billige Vorarlberger Heimsticker für sich arbeiten. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte er in Rebstein einen weitverzweigten Textilkonzern mit 3’000 Beschäftigten aufgebaut. Nach der Feldmühle in Rorschach und Arnold B. Heine in Arbon war er der drittgrösste Schweizer Stickereiexporteur. Und ein reicher Mann. Als er 1926 starb, versteuerte er ein Vermögen von 6,8 Millionen Franken, damals eine sehr grosse Summe.

Rohner als Palaestinenser

Jacob Rohner und seine Tochter Josy Geser-Rohner sind in den päpstlichen Orden der Grabesritter aufgenommen worden und lassen sich in Jerusalem in Palästinensertracht fotografieren, 1908

Zwei Eigenschaften zeichneten den Textilbaron aus Rebstein aus: Er war tiefkatholisch und suchte ohne Skrupel den Erfolg. Von Arbeitsgesetzen hielt er wenig, liess die Angestellten überlang arbeiten und scheute keinen Konflikt mit Kontrolleuren. Der Konzern war gewerkschaftsfrei, nicht zuletzt dank schwarzen Listen, auf denen aufmüpfige Angestellte landeten. Dank seiner Machtfülle durfte er darauf vertrauen, von den Behörden stets mit Glacéhandschuhen angefasst zu werden – obwohl das Unternehmen bei ihnen auch noch Stromrabatte herausschindete.

Klerikal-kapitalistische Strafanstalten

Das Regime in den Werkshallen, die vor allem Frauen bevölkerten, war hart. Zu Hunderten liess Rohner junge Italienerinnen importieren, die zu Tieflöhnen beschäftigt und in den berüchtigten Mädchenheimen untergebracht wurden, wo Ordensschwestern sie beaufsichtigten. Die russische Revolutionärin Angelica Balabanoff, die um 1902 als Arbeitersekretärin in St.Gallen amtete, geisselte dieses Zwangssystem in einem Aufsehen erregenden Bericht als «Fabrikklöster»: Die Heime seien «klerikal-kapitalistische Strafanstalten», in denen «junge Proletarierinnen systematisch ausgebeutet und geknechtet» würden.

Rohners Handstickmaschine

Stickereisaal um 1905

Solche Kritik focht das christliche Gewissen des Rohner-Clans wenig an. Die Familie war fest im katholisch-reaktionären Milieu verwurzelt, wo die neueste Sticktechnologie sofort adaptiert, aber jede soziale Modernisierung vehement abgelehnt wurde. Fabrikant Rohner war das Zentrum eines industriell-klerikalen Machtkomplexes, der weit über die Region ausstrahlte.

Der Rheintaler Stickereikönig war nicht nur «Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem», einer exklusiven Vereinigung strenggläubiger Katholiken, sowie ein Financier der katholischen Kirche und ihrer Bildungsstätten wie etwa des Stella Maris in Rorschach oder des papsttreuen, jesuitisch geführten Elite-Internats Stella Matutina im nahen Feldkirch. Er war auch ein Gravitationszentrum in der «schwarzen Internationale».

Rohner und Motta

Beerdigung von Albert Geser-Rohner: Bundesrat Giuseppe Motta schreitet zwischen zwei Bundesweibeln über den Rebsteiner Dorfplatz, 1935

Sogar Bundesrat Giuseppe Motta, ein Bewunderer Mussolinis, machte 1935 im Rheintal seine Aufwartung. Rohner selbst war Patron, Politiker, Richter, Verleger, Privatbankier und Kulturkämpfer in einer Person. Sein Nachfolger als Firmenchef, Albert Geser-Rohner, schaffte es bis in den Nationalrat. Natürlich als Katholisch-Konservativer.

Auf Du und Du mit Austrofaschisten und einem späteren Papst

In Rebstein (in der Villa seiner Tochter Josy Geser-Rohner) gingen kirchliche Würdenträger ein und aus. Zu Besuch war etwa der österreichische Weihbischof Sigismund Waitz, ein Prediger des Austrofaschismus und der rechtsextremen Heimwehren. Auch päpstliche Abgesandte genossen dort Luxus und Wohlstand, sogar Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der später als Papst Pius XII. amtete. In der hauseigenen Kapelle, die der St.Galler Bischof persönlich einweihte, wurde täglich die Messe gelesen. Es gab sogar zwei Privatkapellen: eine in der Gründervilla Rosenberg (erbaut 1900) und eine in der neubarocken Villa Tanner (erbaut 1918). Der Sticker-Patron war sehr um sein Seelenheil bedacht.

Jolanda Spirig: Sticken und Beten. Die Textildynastie Jacob Rohner: Familie, Firma, Klerus (1873–1988). Chronos Verlag Zürich, 2015. Fr. 38.–

Rohners Imperium war eine «Parallelwelt», wie Jolanda Spirig darlegt, mit eigenen Gesetzen und Ritualen. Dank Einsicht ins Archiv der Familie, die sich mit den Jahrzehnten zum Rohner-Geser-Manser-Clan auswuchs, kann die Autorin die Geschichte dieser schwarzen Dynastie detailliert nachzeichnen, mit allen Hochs und Tiefs, Fehden und Verstossungen (von unerwünschten, weil schwulen Angehörigen), Zwangsheiraten, Erbstreitereien und unter dem Deckel gehaltenen Vergehen, die es in solchen verschworenen Gemeinschaften immer gibt.

Ausstellung im Kulturraum am Klosterplatz: Freitag, 27. November 2015 bis Sonntag, 31. Januar 2016

Sticken und Beten bietet tiefe Einsichten in bisher wenig bekannte Machtstrukturen des katholisch-konservativen St.Gallen, dessen Ausprägungen sich bis in die heutigen Tage erstrecken. Schon deshalb lohnt sich die Lektüre des Bandes, der mit vielen Fotos aus dem Familienalbum auch die luxuriöse Lebenswelt der rheintalischen Stickereibarone vor Augen führt.

Villa-Rohner

Die Villa Tanner, Residenz der Familie Geser-Rohner. Ins Dekanenhaus links zieht nach seiner Pensionierung der Dorfpfarrer ein, um zweimal pro Woche die Messe in der «Tanner»Hauskapelle zu lesen.

Allerdings bleibt der politische Einfluss der Rohners etwas schwach beleuchtet. Und manchmal wirkt das etwas antiquierte Narrativ des Textes unangemessen. Er verliert sich zuweilen im Dickicht familiengeschichtlicher Details. Eine bessere Flughöhe und ein schärferer Fokus aufs Wesentliche hätten ihm gut getan. Doch das tut dem Verdienst der Autorin keinen Abbruch. Mit ihrem eingehend recherchierten Band leistet sie der historischen Aufklärung über die wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse im Kanton St.Gallen einen grossen Dienst.

Buegeln Rohner

Taschentuch-Ausrüsterei in den 1940er-Jahren

 

 

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