Kategorie
Autor:innen
Jahr

Eine schwarze Familien-Saga

In ihrem neuen Buch Sticken und Beten beleuchtet Jolanda Spirig den katholischen Rohner-Clan. Im Rheintal hatte er ein mächtiges Stickerei-Imperium aufgebaut, das fast anderthalb Jahrhunderte überdauerte. Bis es die reformierte Konkurrenz übernahm.
Von  Ralph Hug
Ausflug mit dem Firmenauto: Jacob Rohner und Albert Geser-Rohner mit Vikar Kuster und weiteren Gästen, um 1908. (Alle Bilder stammen vom beschriebenen Buch)

Das Rheintal ist heute eine der am höchsten industrialisierten Gegenden Europas. Die Region war einst im Besitz von zwei Industrie-Oligarchen. Der eine war Max Schmidheiny, der andere Jacob Rohner. Der eine freisinnig, der andere konservativ. Während die Schmidheinys durch Zement und Asbest noch immer in den Schlagzeilen sind, redet von den Rohners niemand mehr. Ihr Ende kam 1988. In diesem Jahr wurde die Jacob Rohner AG vom St.Galler Textilindustriellen Ueli Forster übernommen, dessen Grossvater einst selbst bei Rohner gearbeitet hatte. Es sei eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Freisinniger den Schlusspunkt in der Rohner-Geschichte gesetzt habe, bemerkt Autorin Spirig treffend.

6,8 Millionen bis zum Tod

Die Rohner-Saga beginnt 1873, als Jacob Rohner rechtzeitig vor dem Beginn des grossen Booms ins Stickereigeschäft einstieg. Zusammen mit seinem Bruder und einem väterlichen Darlehen stellte er in Rebstein eine Handstickmaschine auf und begann mit der Produktion. Er belieferte die St.Galler Handelshäuser Iklé, Union und Reichenbach mit Auftragsware und liess billige Vorarlberger Heimsticker für sich arbeiten. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte er in Rebstein einen weitverzweigten Textilkonzern mit 3’000 Beschäftigten aufgebaut. Nach der Feldmühle in Rorschach und Arnold B. Heine in Arbon war er der drittgrösste Schweizer Stickereiexporteur. Und ein reicher Mann. Als er 1926 starb, versteuerte er ein Vermögen von 6,8 Millionen Franken, damals eine sehr grosse Summe.

Rohner als Palaestinenser

Jacob Rohner und seine Tochter Josy Geser-Rohner sind in den päpstlichen Orden der Grabesritter aufgenommen worden und lassen sich in Jerusalem in Palästinensertracht fotografieren, 1908

Zwei Eigenschaften zeichneten den Textilbaron aus Rebstein aus: Er war tiefkatholisch und suchte ohne Skrupel den Erfolg. Von Arbeitsgesetzen hielt er wenig, liess die Angestellten überlang arbeiten und scheute keinen Konflikt mit Kontrolleuren. Der Konzern war gewerkschaftsfrei, nicht zuletzt dank schwarzen Listen, auf denen aufmüpfige Angestellte landeten. Dank seiner Machtfülle durfte er darauf vertrauen, von den Behörden stets mit Glacéhandschuhen angefasst zu werden – obwohl das Unternehmen bei ihnen auch noch Stromrabatte herausschindete.

Klerikal-kapitalistische Strafanstalten

Das Regime in den Werkshallen, die vor allem Frauen bevölkerten, war hart. Zu Hunderten liess Rohner junge Italienerinnen importieren, die zu Tieflöhnen beschäftigt und in den berüchtigten Mädchenheimen untergebracht wurden, wo Ordensschwestern sie beaufsichtigten. Die russische Revolutionärin Angelica Balabanoff, die um 1902 als Arbeitersekretärin in St.Gallen amtete, geisselte dieses Zwangssystem in einem Aufsehen erregenden Bericht als «Fabrikklöster»: Die Heime seien «klerikal-kapitalistische Strafanstalten», in denen «junge Proletarierinnen systematisch ausgebeutet und geknechtet» würden.

Rohners Handstickmaschine

Stickereisaal um 1905

Solche Kritik focht das christliche Gewissen des Rohner-Clans wenig an. Die Familie war fest im katholisch-reaktionären Milieu verwurzelt, wo die neueste Sticktechnologie sofort adaptiert, aber jede soziale Modernisierung vehement abgelehnt wurde. Fabrikant Rohner war das Zentrum eines industriell-klerikalen Machtkomplexes, der weit über die Region ausstrahlte.

Der Rheintaler Stickereikönig war nicht nur «Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem», einer exklusiven Vereinigung strenggläubiger Katholiken, sowie ein Financier der katholischen Kirche und ihrer Bildungsstätten wie etwa des Stella Maris in Rorschach oder des papsttreuen, jesuitisch geführten Elite-Internats Stella Matutina im nahen Feldkirch. Er war auch ein Gravitationszentrum in der «schwarzen Internationale».

Rohner und Motta

Beerdigung von Albert Geser-Rohner: Bundesrat Giuseppe Motta schreitet zwischen zwei Bundesweibeln über den Rebsteiner Dorfplatz, 1935

Sogar Bundesrat Giuseppe Motta, ein Bewunderer Mussolinis, machte 1935 im Rheintal seine Aufwartung. Rohner selbst war Patron, Politiker, Richter, Verleger, Privatbankier und Kulturkämpfer in einer Person. Sein Nachfolger als Firmenchef, Albert Geser-Rohner, schaffte es bis in den Nationalrat. Natürlich als Katholisch-Konservativer.

Auf Du und Du mit Austrofaschisten und einem späteren Papst

In Rebstein (in der Villa seiner Tochter Josy Geser-Rohner) gingen kirchliche Würdenträger ein und aus. Zu Besuch war etwa der österreichische Weihbischof Sigismund Waitz, ein Prediger des Austrofaschismus und der rechtsextremen Heimwehren. Auch päpstliche Abgesandte genossen dort Luxus und Wohlstand, sogar Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der später als Papst Pius XII. amtete. In der hauseigenen Kapelle, die der St.Galler Bischof persönlich einweihte, wurde täglich die Messe gelesen. Es gab sogar zwei Privatkapellen: eine in der Gründervilla Rosenberg (erbaut 1900) und eine in der neubarocken Villa Tanner (erbaut 1918). Der Sticker-Patron war sehr um sein Seelenheil bedacht.

Jolanda Spirig: Sticken und Beten. Die Textildynastie Jacob Rohner: Familie, Firma, Klerus (1873–1988). Chronos Verlag Zürich, 2015. Fr. 38.–

Rohners Imperium war eine «Parallelwelt», wie Jolanda Spirig darlegt, mit eigenen Gesetzen und Ritualen. Dank Einsicht ins Archiv der Familie, die sich mit den Jahrzehnten zum Rohner-Geser-Manser-Clan auswuchs, kann die Autorin die Geschichte dieser schwarzen Dynastie detailliert nachzeichnen, mit allen Hochs und Tiefs, Fehden und Verstossungen (von unerwünschten, weil schwulen Angehörigen), Zwangsheiraten, Erbstreitereien und unter dem Deckel gehaltenen Vergehen, die es in solchen verschworenen Gemeinschaften immer gibt.

Ausstellung im Kulturraum am Klosterplatz: Freitag, 27. November 2015 bis Sonntag, 31. Januar 2016

Sticken und Beten bietet tiefe Einsichten in bisher wenig bekannte Machtstrukturen des katholisch-konservativen St.Gallen, dessen Ausprägungen sich bis in die heutigen Tage erstrecken. Schon deshalb lohnt sich die Lektüre des Bandes, der mit vielen Fotos aus dem Familienalbum auch die luxuriöse Lebenswelt der rheintalischen Stickereibarone vor Augen führt.

Villa-Rohner

Die Villa Tanner, Residenz der Familie Geser-Rohner. Ins Dekanenhaus links zieht nach seiner Pensionierung der Dorfpfarrer ein, um zweimal pro Woche die Messe in der «Tanner»Hauskapelle zu lesen.

Allerdings bleibt der politische Einfluss der Rohners etwas schwach beleuchtet. Und manchmal wirkt das etwas antiquierte Narrativ des Textes unangemessen. Er verliert sich zuweilen im Dickicht familiengeschichtlicher Details. Eine bessere Flughöhe und ein schärferer Fokus aufs Wesentliche hätten ihm gut getan. Doch das tut dem Verdienst der Autorin keinen Abbruch. Mit ihrem eingehend recherchierten Band leistet sie der historischen Aufklärung über die wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse im Kanton St.Gallen einen grossen Dienst.

Buegeln Rohner

Taschentuch-Ausrüsterei in den 1940er-Jahren

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves