, 30. September 2016
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«Eine Stadt, die sich traut zu leben»

Das Vorgehen der Polizei am Weihern Openair 2016 ist kein Einzelfall, sondern bekannt in der St.Galler Kultur- und Gastroszene. Öffentlich äussern will sich aber kaum jemand – aus Angst vor Repressalien.

Weihern Openair 2016 (Bild: Cyrill Schlauri, fotorausch.ch)

Das tschechische Bier blieb uns schier im Hals stecken, als wir gegen Ende unserer Ferien mal schauen wollten, wies in St.Gallen so läuft. «Wegen Lärmklagen: Polizei drohte Weihern Openair mit Festivalabbruch», so die Schlagzeile im «Tagblatt».

Respekt, dachten wir. Das St.Galler Festival, das früher unplugged hiess und auch heute überwiegend Singer-Songwriter-Sound und nicht «Bumm-Bumm» bringt, hat es tatsächlich geschafft, sich Lärmklagen einzuhandeln! Das Grinsen verschwand aber gleich wieder, denn bei den Beschwerden am Donnerstag und am Freitag handelte es sich offenbar lediglich um eine Handvoll – nicht um hunderte, wie wir angenommen hatten.

Es waren «weniger als zehn», hiess es seitens Stadtpolizei. Die genaue Zahl wurde nicht verraten – bis heute nicht. Selbst die Veranstalter wissen nicht, wie viele es waren. Eine Frechheit, wenn man bedenkt, dass man als Veranstalter jedes Detail abklären, vorzeigen und bewilligen lassen muss. In Sachen Transparenz gelten für die Polizei offenbar andere Regeln.

Geheimnisvolle Lärmklagen

Nochmal im Zeitraffer: Am Donnerstag sah man keinen Grund, einzuschreiten aufgrund der Lärmklagen. Auch in punkto Littering und Sicherheit auf und neben dem Festivalgelände habe es nichts zu beanstanden gegeben, sagt Dario Aemisegger, der Veranstalter des Openairs. Am Freitag an der Lagebesprechung mit dem Quartierpolizisten wurde er auch dementsprechend informiert.

Trotzdem kam es wenige Minuten später, kurz vor der Türöffnung um 18 Uhr, zu einer telefonischen Intervention durch den Lärmbeauftragten der Stadt, in der plötzlich von «vielen Lärmklagen» die Rede war und mit dem Abbruch des Festivals gedroht wurde. Auf Aemiseggers Vorschlag, am laufenden Abend objektive Lärmmessungen in den betroffenen Gebieten vorzunehmen, sei er nicht eingegangen.

Aemisegger hatte den vom Lärmschutzbeauftragten verfügten Wert von maximal 93 Dezibel brav eingehalten. Also haber er den Quartierpolizisten gebeten, die Sache nochmals abzuklären – mit dem gleichen Ergebnis wie am Nachmittag: alles bestens, keine Beanstandungen oder relevante Lärmklagen.

Trotzdem standen laut Augenzeugen um 22.05 Uhr plötzlich drei ziemlich forsche Polizeibeamte auf der Matte und drohten erneut mit einem Festivalabbruch, weil «nach 22 Uhr angeblich Lärmklagen in grosser Zahl» eingegangen seien. «Wir können uns nicht erklären, wie das gehen soll», schreibt Aemisegger dazu. «Wie innert 5 Minuten einerseits eine so grosse Menge an Lärmklagen eingehen kann und wie man dann auch noch so schnell bei uns auffahren kann.»

Die Polizei ist am «Debriefing»

Das Vorgehen wirft Fragen auf: Wer hat den Einsatz angeordnet? Der Leiter der Abteilung Bewilligungen bei der Stadtpolizei, der an diesem Abend auch diensthabender Offizier war? Wieso wurde die Lärmbelastung in den angeblich betroffenen Gebieten nicht sofort gemessen? Warum spricht der Lärmbeauftragte schon um 18 Uhr von «vielen Lärmklagen», obwohl der zuständige Quartierpolizist gleichzeitig nichts darüber in Erfahrung bringen kann?

Im Interview mit TVO vermutet Aemisegger, dass «einzelne Beamte ein Interesse daran haben, den Anlass so zu drangsalieren, dass er nicht mehr stattfinden kann». Ähnlich quittiert auch Nacht Gallen, der städtische Verband der Bars, Clubs und Veranstalter, den Vorfall: «Einmal mehr hat ein Veranstalter die Willkür einzelner Personen aus der Verwaltung der Stadt St.Gallen zu spüren bekommen. Das ist skandalös und darf nicht einfach so hingenommen werden.» Beide, Aemisegger und Nacht Gallen, verlangen eine lückenlose Aufarbeitung der Ereignisse – samt Konsequenzen, sollte sich der Verdacht bestätigen.

«Bei grösseren und wiederkehrenden Veranstaltungen gehört ein Debriefing durch die Stadtpolizei zum normalen Ablauf», erklärt Heinz Indermaur, Direktionssekretär Soziales und Sicherheit der Stadt St.Gallen, auf Anfrage von Saiten. «Beim Weihern Openair ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Wir prüfen derzeit, wie durch die Bewilligungsbehörde im kommenden Jahr den verschiedenen Interessen und Rahmenbedingungen Rechnung getragen sowie der Ablauf optimiert werden kann. Mit dem Veranstalter stehen wir in Kontakt.»

Das «ständige Minütelen»

Ob man das Weihern Openair nun mag oder nicht, ist völlig irrelevant, denn das Vorgehen der Behörden tangiert auch andere. Immer wieder hört man ähnliche Geschichten von Veranstaltern, Beizern und Gastronominnen in St.Gallen: Dass der Lärmschutz auch gern mal in der Nachbarschaft herumtelefoniere, um zu fragen, ob es um die Beiz nebenan wirklich nicht zu laut war. Dass regelmässig mit Bewilligungsentzug oder Schliessung gedroht werde, wenn man einmal fünf Minuten überwirtet oder sich jemand beschwert.

«Dieses ständige Minütelen hatte ich irgendwann satt», erzählt eine ehemalige Beizerin. «Ich habe etliche Bussen bezahlt, nur weil noch jemand auf der Toilette war zwei Minuten nach Betriebsschluss.» Fast alle, die man fragt, sagen, dass vermutlich kein System dahinter stecke, dass es aber sehr wohl einzelne Beamte gebe, die die Szene bewusst schikanierten, dass die eine Hand oft nicht wisse, was die andere mache oder dass es immer wieder «Gemauschel» gebe seitens der Behörden. Von Zuckerbrot und Peitsche ist die Rede. Und davon, dass man ständig in der Position eines Bittstellers sei, statt unterstützt und beraten zu werden.

«Wir wurden schon gebüsst wegen einer Lärmklage, obwohl selbst die kontrollierenden Beamten kein Lärm feststellen konnten», sagt Florian Reiser von der Focacceria. «Oft ist es reine Schikane… Als ich noch das Restaurant Lagerhaus führte, kam die Polizei teils schon vor zehn mit angeblichen Lärmklagen. Einmal hat man uns bei einem sehr wichtigen Anlass sogar ohne Vorwarnung, trotz bewilligter Verlängerung, den Stecker um 23.30 Uhr gezogen, und das auf eine absolut unakzeptable Art und Weise. Das Pikante daran: Die einzige Nachbarin war die Polizei selbst, die sich bei offenen Bürofenstern gestört fühlte.»

Reiser wünscht sich eine «Willkommenskultur», auch seitens der Behörden. «Wir alle brauchen eine Stadt, die lebt – also brauchen wir auch Beamte, die sich trauen, leben zu lassen.»

Angst vor Repressalien

Fairerhalber muss man auch sagen, dass Kugl und Grabenhalle im Moment kaum Probleme haben. «Wir haben jedes Jahr einen Runden Tisch mit den Behörden», sagen die Verantwortlichen bei der Grabenhalle. «Erst kürzlich war es wieder soweit. Es gab nichts zu beanstanden.» Dani Weder vom Kugl geht es ähnlich: «Zurzeit läuft alles reibungslos. Wenn etwas schiefgeht, liegt es an uns.»

Das ist gut und recht und erfreulich, gerade im Fall Kugl. An der Sache ändert sich damit jedoch wenig: Ausser Reiser will sich kaum jemand von den befragten Veranstaltern und Beizern öffentlich äussern. Aus Angst. Angst, dass es beim nächsten Mal keine Verlängerung mehr gibt, dass gewisse Bewilligungen entzogen oder gar Läden dichtgemacht werden.

Das nennt man Repression: Wenn Beizer, Kulturschaffende und Veranstalterinnen sich nicht trauen, die Behörden zu kritisieren aus Angst um die eigene Existenz. Kommt hinzu, dass Anlässe wie das St.Gallerfest oder die Olma, wo jedes Jahr etliche Lärmklagen eingehen, nie ernsthaft in Frage gestellt werden. Ein Schelm, wer dabei an (selektives) Standortmarketing denkt.

Die Namen der verantwortlichen Beamten wurden auf ausdrücklichen Wunsch hin gelöscht. Saiten bietet ihnen gerne die Gelegenheit zur Stellungnahme.

9 Kommentare zu «Eine Stadt, die sich traut zu leben»

  • Rubel sagt:

    Seitens der Gewerbepolizei wird schon seit Jahren mit ungleichen Ellen gemessen. Gleiche Vorfälle, exakt gleiche werden je nach „??“ anders geahndet und behandelt. Verzeigt vor den Untersuchungsrichter gebracht und mit Bussen bestraft. Bei Rekurs zeigte es sich schwarz auf weiss, dass angebliche Beweise zu lasten des vor dem Untersuchungsrichter stehenden, gefälscht wurden! Daher ist es leicht vorstellbar, dass diese Praxis noch immer praktiziert wird. Zumal sich auf dieser Hirarchie – Stufe noch immer die – oder wenigstens „der“ gleiche Beamte tümmelt.

  • Tintling sagt:

    Eine Frage: Was sagt denn der Veranstalter dazu, dass er einfach jedes Jahr ein wenig grösser wird? Und jetzt einfach mal rumjammert. Ursprünglich wäre ein Open Air Festival in der jetztigen Grösse auf Dreilinden niemals bewilligt worden. Die Schutzverordnung Dreilinden würde so etwas klar untersagen. Ich finde es scheinheilig vom Veranstalter, jetzt auf Opfer zu machen.

    • Flow sagt:

      Ihr Kommentar erscheint mir etwas gar aus der Hüfte geschossen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Veranstalter eine Bewilligung für x Jahre im vorraus erhalten hat. Das muss doch jedes Jahr neu bewilligt werden? Das eigereichte Gesuch wird dann auch die Rahmenbedingungen, z.B. Grösse, enthalten oder nicht?
      Zum Amtsschimmel: Jeder kontrolliert was er kann!

    • Walter sagt:

      Lieber Tintling, es geht doch gar nicht mehr um das Weierenfest, nicht begriffen? St.Gallerfest, Fussballstadion, Autobahnverkehr und die Olma werden ja auch immer grösser ohne das es jemanden stört, das ist normal, so geht die Welt. Es geht um den Staat im Staat. Um Schikanen und solche Gemeinheiten. Weierenfest, Lagerhaus, und und und, steht alles aufgeschrieben. Das ist doch kein Rumgejammere, sondern eher mutig. Die St. GallerInnen sollen auch mal Freude an etwas haben dürfen. Die Polizei sollte gescheiter Einbrecher jagen gehen, aber das ist halt gefährlich.

    • gd sagt:

      Ich bin derselben Meinung wie Tintling. Es hängt alles zusammen. Ob die Polizei korrekt gehandelt oder überreagiert hat oder sogar willkürlich und extra streng beim Vorgehen gegen die Veranstalter des Weihern Openair war – mag sein. Es muss aber erlaubt sein, Kritik an diesem Anlass zu äussern, ohne als intolerante Spassbremse und Kulturverhinderer abgestempelt zu werden. Das Weihern Openair ist ein gutes Beispiel für die üble menschliche Krankheit „Wachstum“. Dass sich das Saiten auf die Seite der Veranstalter schlägt gehört zum Programm, dass es aber zur Wachstumskritik in diesem Fall auf einem oder sogar beiden Augen blind ist, verwundert mich. Grad das Saiten, das auch für kritische Berichterstattung steht. Es dünkt mich schizophren, grosse Wirtschaftsunternehmen oder Banken wegen deren invasiven Strategie zu kritisieren – aber wenn es um Kultur geht ist ja alles prima. Dass es aber Bewohner der Stadt gibt, die nicht verstehen können, wieso ausgerechnet an einem solch schönen Ort, der für Ruhe und Erholung steht und auf den viele Städte nur neidisch sein können, jetzt auch noch gefestet werden muss, da hört dann die (v.a. auch für sich selbst verlangte!) Toleranz gegenüber Andersdenkenden schnell auf. Es ist schon etwas anderes, ob man 2 Tage lang ein Stadtfest in der Stadt oder ein Openair im Erholungsgebiet neben dem Wald, veranstaltet. Es hat klein und unplugged begonnen. Lediglich fünf Jahre später brauchts Verstärker für 17 Bands (egal ob es sich dabei um Sing-& Songwriter handelt), ein paar Tausend Leute pilgern dahin und trampeln im Gelände rum und der Beginn ist bereits am Donnerstag und dauert 3 Tage. „Unplugged + Klein“ wäre ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Schweizer Musikfestivals, dann gäbe es bestimmt keine Lärmklagen. Aber so: SCHADE!

  • […] +++POLICE SG «Eine Stadt, die sich traut zu leben» Das Vorgehen der Polizei am Weihern Openair vor zwei Wochen ist kein Einzelfall, sondern bekannt in der St.Galler Kultur- und Gastroszene. Öffentlich äussern will sich aber kaum jemand – aus Angst vor Repressalien. http://www.saiten.ch/eine-stadt-die-sich-traut-zu-leben/ […]

  • Marcel Baur sagt:

    „Ob man das Weihern Openair nun mag oder nicht, ist völlig irrelevant…“ schreibt Corinne.
    Darum geht es auch, nicht um dieses Eine Festival. Es kann und darf nicht sein, dass ein Veranstalter nicht ordentlich und korrekt auf seine Verfehlungen aufmerksam gemacht wird. Es muss im Sinne der kontrollierenden Behörden sein, anständig und mit einem ordentlichen Mass an gesundem Menschenverstand Beschwerden anzunehmen und den Veranstalter auf Verfehlungen anzusprechen und im die Konsequenzen aufzuzeigen.
    Eigentlich schade, dass es noch immer solche Beamte gibt. Die Mehrheit nämlich, weiss sehr gut, wie man mit Lärmklagen umgeht und wie man sich dem Gegenüber verhält. Einige wenige aber scheinen von Neid, Macht oder was weiss ich geplagt und müssen willkürlich(?) den Sheriffstern anstecken. Schade

  • Sherif sagt:

    Beim familienfreundlichen Weihernfestival, obwohl die Veranstalter alles einhalten, so ein Theater machen und bei der Neonaziveranstaltung in Unterwasser, obwohl die Veranstalter alles anders machen als bewilligt, den Schwanz einziehen und stattdessen spontan und gratis den Verkehr regeln. Was ist das für eine Polizei?

  • Christian sagt:

    Naja, zum Glück dürfen wir noch alle atmen und keiner schreibt uns vor wenn wir unseren Pickel vom Po kratzen dürfen. Offensichtlich ist eine bestimmte Personengruppe dazu verdammt das Weihernfestival zu bannen, um so die Klagen zum verstummen zu bringen. Schlussendlich wird’s an den Juristen liegen nehme ich an um hier mal Ruhe reinzubringen ausser jemand ist mit seinem Leben so unzufrieden das er die Freude anderer versauen muss.

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