In Bern fanden Tanzdemonstrationen gegen Stadtaufwertung unter dem Motto «Tanz Dich frei» statt. Winterthur nannte den Anlass vom 21. September 2013 «Standortfucktor». Warum?
Es ist ein Wortspiel, das etwas ausdrückt, was wir kritisieren. Die sogenannten Standortfaktoren werden vom Stadtmarketing immer wieder aufgegriffen – auf einige dieser Faktoren nehmen wir Bezug. Uns ging es auch darum, unsere Kapitalismuskritik anhand gewisser Entwicklungen im öffentlichen Raum aufzuzeigen.
Anhand welcher Entwicklungen?
Heute funktioniert jede grössere Stadt wie eine Firma, die ins Wirtschaftssystem eingebunden ist. Es herrscht ein Konkurrenzkampf unter den Städten, in dessen Rahmen sich eine Stadt wie Winterthur auf dem Markt behaupten und Profit erwirtschaften muss. Die Aspekte Sicherheit und Ordnung, Wohnraum und Kultur werden unter anderem von der Stadt Winterthur als Standortfaktoren beworben. In diesen drei Bereichen manifestieren sich deutlich Entwicklungen, die wir ablehnen.
Wodurch zeichnen sich diese Entwicklungen aus? Jede Stadt möchte gut betuchte Steuerzahlende haben.
Der ehemalige Stadtpräsident Ernst Wohlwend (SP) hat die Stadtentwicklung und Standortförderung aufgegleist mit dem Ziel, die Industriebrachen wiederzubeleben und neues Geld in die Stadt zu bringen. Eine Konsequenz davon: Die dadurch angezogenen, guten Steuerzahlenden erwarten eine sichere, ruhige und saubere Stadt. Im öffentlichen Raum sind deutliche Veränderungen erkennbar: Reglementierungswut und Polizeikontrollen haben stark zugenommen, überall werden Kameras installiert. Wer das Postkartenidyll stört, hat im öffentlichen Raum nichts verloren: Dealer im Stadtpark, Asylbewerber am Bahnhof oder herumhängende Jugendliche. Neben dem zunehmenden Sicherheits- und Ordnungswahn zeigen sich die negativen Auswirkungen der Stadtentwicklung auch bei Restriktionen im Kulturbereich und der Verknappung des Wohnraums.
Hat diese Entwicklung konkreten Einfluss auf euren Alltag, euer Leben?
Ja, etwa beim Thema Wohnraum. Immer mehr Häuser werden saniert und teurer weitervermietet. Das umschreibt das, was man gemeinhin unter Gentrifizierung versteht. Viele Bekannte sind davon betroffen und mussten in den letzten Jahren aus ihren Altstadtwohnungen ausziehen. Es wird schwierig, überhaupt eine Wohnung zu finden. Das kommt nicht von ungefähr: Im Vergleich zu anderen Branchen ist der Immobilienmarkt momentan die verlässlichste Variante, um Kapital zu verwerten und das Vermögen zu sichern. Das führt zu einer Vertreibung von nicht zahlungskräftigen Menschen aus dem Stadtzentrum, speziell von Armen, Migranten, Arbeitslosen, etc. Die Aufwertung kommt also nur wenigen zugute. Die Stadtentwicklung orientiert sich am Profit für wenige anstelle der Bedürfnisse einer Mehrheit.
Die Stadt Winterthur wirbt unter anderem mit ihrem vielfältigen Kulturangebot, Ihr kritisiert den Standortfaktor Kultur. Woran stört Ihr Euch?
Die Archhöfe haben mit der Alternativkultur, die es gleich um die Ecke zu konsumieren gibt, geworben. Die alternativen Kulturbetriebe gelten als Gewinn für die Winterthurer Kultur. Was den Betrieben an Geld fehlt, wird häufig mit Kreativität wettgemacht, was zu einem spannenden und frischen Angebot führt. Seit einiger Zeit allerdings häufen sich Restriktionen im Kultur- und Gastrobereich: Polizeibesuche, absurde Regelungen und Auflagen. In der Altstadt etwa muss man seit letztem Sommer einen Mindestabstand von einigen Metern halten, wenn man vor dem Getränkeladen «Hako» in einer gemütlichen Runde ein Getränk konsumieren will. Nach Mitternacht dürfen in der ganzen Stadt in keinem Betrieb mehr Getränke draussen konsumiert werden. Das Kraftfeld, welches nach fünfzehn Jahren plötzlich keine Gartenbeiz nach Mitternacht betreiben darf, gehört ebenso zu dieser Aufzählung. Die Gesetze aus dem Gastrobereich, aufgrund derer die Behörden handeln, gab es schon früher, doch wurden sie nicht in dem Masse durchgesetzt. Es zeigt sich, dass die alternativen Kulturbetriebe als Werbung für das Standortmarketing gerne gesehen werden, allerdings nur solange sie dem beworbenen Idyll einer ruhigen, sicheren und sauberen Stadt entsprechen. Auch die Kultur unterliegt der kapitalistischen Verwertungslogik: Gefördert wird, was Profit abwirft.
Seht Ihr einen Zusammenhang zwischen der angesprochen Entwicklung und dem Wechsel des Stadtpräsidiums von Ernst Wohlwend (SP) zu Mike Künzle (CVP)?
Die Gesetze werden restriktiver durchgesetzt, seit der ehemalige Sicherheitsvorsteher Michael Künzle Stadtpräsident ist. Zeitlich sehen wir eine gewisse Übereinstimmung, wir denken aber nicht, dass sich die kritisierten Entwicklungen durch personelle Wechsel grossartig ändern würden. Auch eine eher linksorientierte Person der AL (Alternative Liste) müsste sich dem Zwang der Profitorientierung beugen, welche der weltweiten kapitalistischen Dynamik entspringt und eben nicht auf Einzelpersonen zurückzuführen ist. Für uns ist deshalb klar, dass wir für unsere Anliegen eine Form wählen, welche ausserhalb der Spielregeln von Marktlogik und Verwertung stattfindet und somit das System als Ganzes in Frage stellt. Für kurze Zeit sollte das vorgegebene Spielfeld selbstbestimmt verlassen werden.
«Das System als Ganzes» – Ihr bezieht Euch also nicht nur auf Winterthur?
Nein, diese Entwicklung ist in allen grösseren Städten der Welt in unterschiedlicher Ausprägung zu beobachten. Dadurch, dass die negativen Auswirkungen der kapitalistischen Krise für immer mehr Menschen erlebbar werden, wächst auch der Widerstand dagegen. Dieser flammt immer und überall wieder auf; in Italien, Spanien, Griechenland, um aktuelle Beispiele aus Europa zu nennen. Anhand konkreter Beispiele der Stadtentwicklung versuchten wir, die Auswirkungen des kapitalistischen Systems auf unseren Alltag hier in Winterthur aufzuzeigen. Wir wollten Zusammenhänge aufzeigen und erfahrbar machen. Es lag uns daran, uns in dem Raum auszudrücken, der im Zuge der Stadtaufwertung immer stärker kontrolliert wird. Mit der Tanzdemo wollten wir zeigen, dass kollektiver Widerstand möglich ist. Die Lethargie gegenüber den herrschenden Verhältnissen sollte durchbrochen werden. Die repressive Antwort auf unsere Tanzdemo hat gezeigt, dass wir einen wunden Punkt getroffen haben.
War Euer Vorgehen naiv?
Nein, unser Vorgehen war nicht naiv, eher konsequent. Wir kritisieren das herrschende System und seine Auswirkungen. Es wäre ein Hohn, die Strukturen, welche zur Aufrechterhaltung genau dieses Systems verantwortlich sind, um Erlaubnis zu fragen, ob wir wohl dagegen protestieren dürften. Genau deshalb haben wir keine Bewilligung eingeholt, was als politischer Ausdruck verstanden werden soll und nicht in erster Linie, um anonym zu bleiben. Im Nachhinein wurde von verschiedenen Seiten kritisiert, dass die Veranstaltung im Stadtzentrum hätte stattfinden sollen, was gleichzeitig die gewalttätige Auflösung durch die Polizei legitimieren sollte. Erlaubt ist, was nicht stört! Wir wollten wahrgenommen werden und nicht still und leise am Stadtrand ein bisschen Musik hören.
In vielen Medienberichten wurdet Ihr im Zusammenhang mit der Tanzdemonstration als «Jugendliche im Kampf um Freiräume» bezeichnet. Trifft das zu?
Nein. Wir sind keine Jugendlichen, die «nur» für mehr Freiräume kämpfen. Klar werden Jugendliche und ihre Rückzugsorte von der kritisierten Stadtentwicklung auch tangiert. Wir lassen unsere Inhalte jedoch nicht darauf reduzieren – auch im Wissen darum, dass damit versucht wird, unseren Protest harmlos erscheinen zu lassen. Wir sind viele, wir sind älter und wir sind Menschen mit völlig unterschiedlichem Hintergrund. Unser Anliegen ist ein anderes: Wir wollen in einer Stadt leben, die frei von Konsumzwang und Kommerz ist, wo es anstelle immer neuer Luxustempel bezahlbaren Wohnraum gibt, wo man sich selbstbestimmt und kollektiv ausdrücken kann und wo nach den Bedürfnissen der Menschen und nicht für den Profit einer Minderheit produziert wird.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.