An der Kornhausstrasse, zwischen den historischen Gebäuden der UBS und des früheren Tourismusbüros, stehen die ersten beiden Exemplare der neuen Busperron-Dächer. 4,5 Meter hoch, massive Stahlbauten, in einem Allerweltsgrau und jenes auf der Ostseite fast direkt an die historischen Fassaden des Bankgebäudes platziert. Die Kritik folgt auf dem Fuss: zu wuchtig, rücksichtslos und so hoch, dass man bei Regen nass wird. Der Architekt sieht das anders – seine Stellungnahme ist hier.
Für Giraffen? Für Doppelstöcker!
Stadtingenieur Beat Rietmann erklärt, dass die Dimension das Resultat einer «Optimierung aus den zahlreichen, unterschiedlichen Anforderungen» sei. Gefordert wurde, dass ein vier Meter hohes Doppelstock-Postauto unter die Dächer fahren kann. Man wollte Dächer, die über die Trottoirkante in die Strasse hinausragen, damit die Fahrgäste auch beim Ein- und Aussteigen ein Dach über dem Kopf haben. Das Resultat sind die gut 4,5 Meter über dem Boden schwebenden Balken.
Die Kritik, dass ein so hoch liegendes Dach bei Regen wenig nützt, relativieren sowohl der Stadtingenieur als auch Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner. Würde man tiefer liegende Dächer bauen, könnten diese nicht bis zur Trottoirkante reichen, denn die sich seitlich neigenden Busse – die so das Ein- und Aussteigen erleichtern — würden sonst die Dachkante touchieren. Ein tiefer montiertes, dafür aber schmaleres Dach nütze bei Regen nicht mehr als das höher liegende, aber breitere Dach. Dies hat Rechsteiner am Beispiel eines mit 30 Grad einfallenden Regens skizziert. Der Praxistest steht aber noch aus, denn die Dächer sind erst provisorisch mit Blachen abgedeckt. Die Gläser haben «einige Wochen» Lieferverzögerung, wie der Stadtingenieur kürzlich mitteilte.
St.Leonhard 1914
Die Denkmalpflege wurde nicht gefragt
Die betrieblichen Anforderungen sind das eine, die Platzierung direkt vor den historischen Fassaden der beiden Häuser an der Kornhausstrasse, das andere. In den Jahren 1907/1908 entstanden die beiden Gebäude gleichzeitig. Zum einen das Eckhaus zur St.Leonhardstrasse als Sitz der Toggenburger Bank, geplant von den Architekten Curjel und Moser. Zum anderen, direkt angebaut, das Haus Kornhausstrasse 7 ursprünglich der Sitz der Stickerei Labhard, geplant von den Architekten Pfleghard und Haefeli. Vor den beiden grünlichen Sandsteinfassaden stehen nun die massiven, alltagsgrauen Stahlkonstruktionen. «Wir wurden nicht konsultiert», ist Denkmalpfleger Niklaus Ledergerber mit öffentlicher Kritik zurückhaltend.
Visualisierung der neuen Bahnhofshalle
Wie wirken die Dächer, die in den gleichen Dimensionen auch auf dem Bahnhofplatz aufgestellt werden? Man werde sie dann zusammen mit dem neuen Dach, das über dem Treppenaufgang zwischen Bahnhof und Rathaus erstellt wird, als Ensemble wahrnehmen, sagt Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner. Die Gestaltung sei die konsequente Umsetzung des siegreichen Projekts des Bahnhofplatz-Wettbewerbs. Die Jury hatte sich damals für den Vorschlag «Akari» des Zürcher Architekturbüros Giuliani Hönger entschieden. Auf den Visualisierungen waren die hohen Dächer bereits erkennbar. Rechsteiner räumt aber ein, dass das Dach vor den historischen Gebäuden an der Kornhausstrasse «diskutierbar» sei. Allerdings falle es als besonders massiv auf, weil es relativ kurz ist und die Strasse zudem noch ein Gefälle aufweist. In der Längsrichtung auf dem Bahnhofplatz ergebe sich eine andere Wirkung.
Ob die 4,5 Meter hohen, mit Gittern und Glas abgedeckten Dächer den Blick auf den baugeschichtlich wichtigen St.Galler Bahnhofplatz beeinträchtigen werden, wird sich erst in einer späteren Bauphase zeigen. Immerhin wird der Lämmlerbrunnen mit seiner Höhe von 8,5 Meter die neuen Dächer noch überragen.
«Zerdächerung der Bahnhofplätze»
St.Gallen ist nicht die einzige Stadt, die sich mit Busperron-Dächern schwer tut. Die Architekturzeitschrift «Hochparterre» kritisierte schon vor drei Jahren die «Zerdächerung der Bahnhofplätze» und schrieb: «Dachmonster fressen Bahnhofplätze.» Perfektionismus, Geldüberfluss und Gestaltungswut seien die Ursachen. Der Text nannte 18 Beispiele, darunter Aarau Baden, Lenzburg, Sitten oder die Tramperron-Dächer am Flughafen Zürich. Zum Projekt St.Gallen hiess es damals: «Auf den bisherigen Bildern sieht man die neuen Perrondächer auf dem Bahnhofplatz kaum. Das ist ein gutes Zeichen. Darf hier Dach wieder einmal Dach sein?»
In St.Gallen wird nicht zum ersten Mal über Haltestellendächer diskutiert. Die beiden sehr unterschiedlichen, gestalterisch ambitionierten Beispiele – das eine an der Haltestelle Blumenbgerplatz, das andere am Spisertor – sind in die Kritik geraten, weil sie beide schlecht vor Regen schützen – das Dächlein am Spisertor nützt gar nichts.
Bilder: Giuliani Hönger (Visualisierungen) / Sammlung Uhler / Su.
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