Eine Würdigung von Ostschweizer Architektinnen
Kunsthistorikerin und Architekturvermittlerin Nina Keel holt in ihrem neuen Buch Architektinnen aus der Ostschweiz und deren Werke ans Licht, darunter viele bisher unbekannte. Sie zeigt, dass Frauen schon früh im 20. Jahrhundert bauten.
Astrid Staufer im von ihr 2018 realisierten Atelierwohnhaus Horben in Uesslingen-Buch. (Bild: Jiajia Zhang)
Wieder erscheint ein Buch, das eine Fundgrube der Baugeschichte in der Ostschweiz öffnet. Nach Monografien zu den in St.Gallen tätigen Architekten Georg Rauh und Ernst Sommerlad im vergangenen Jahr erscheint im Mai mit Architektinnen der Ostschweiz eine Übersicht über Leben, Bauten und Planungen von Architektinnen, die seit 1900 in der Ostschweiz tätig waren, heute tätig sind, oder aus der Region stammen.
Anlass zum Buch, so schildert Autorin Nina Keel, war eine umfangreiche Recherche zu St.Galler Architektinnen, die sie 2021 dank eines Werkbeitrags des Kantons starten konnte. Dazu führte sie Interviews unter anderem mit den St.Galler Architektinnen Vreny Gross und Regula Geisser zu ihrer Inspiration, ihrem Arbeitsalltag und den Eigenheiten ihrer Bauten. Bald war für die Autorin klar, dass sie diese Grundlagenarbeit publizieren möchte, denn Architektinnen sind nach wie vor kaum sichtbar.
Das Buch zeigt jetzt unter anderem, dass in von Frauen geleiteten Architekturbüros der Frauenanteil unter den Mitarbeitenden häufig höher ist als in den von Männern geleiteten Büros. Vor Nina Keel ist in der Ostschweiz niemand solchen Tatsachen nachgegangen – und niemand hat zu den vielen weniger prominenten oder unbekannten Architektinnen geforscht.
Der erste Beitrag im Buch ist allerdings nicht einer Architektin, sondern der Malerin Hedwig Scherrer (1878–1940) gewidmet, denn sie hatte ihr Atelierhaus auf dem Montlinger Bergli 1906/07 weitgehend selber geplant. Vorgestellt wird auch ein Plan der in Trogen aufgewachsenen Künstlerin Sophie Taeuber-Arp von 1927/28 für ihr Atelier- und Wohnhaus ausserhalb von Paris. Das Buch spannt den Bogen bis zu Eva Lanter vom St.Galler Architekturbüro Batiments, die im Entwurfsprozess mit Illustrationen arbeitet.
Nina Keel ging im E-Periodica-Archiv, in dem alle wichtigen Architektur- und Bauzeitschriften digitalisiert sind, und in der ETH-Bibliothek auf die Suche nach den allerersten Architektinnen. Und sie bekam im Zuge ihrer Recherchen immer wieder neue Hinweise. So fand sie Dutzende Frauen aus der Ostschweiz oder mit Ostschweizer Bezug, die im Index in der Buchklappe alle erwähnt sind und von denen sie rund 20 genauer vorstellt.
Darunter ist die Ingenieurin Franziska Knoll-Heitz (1910–2001), die in Kreuzlingen aufwuchs und ab 1939 als Autodidaktin in St.Gallen ein Ingenieurbüro führte. Bekannt wurde sie später vor allem als Initiantin des Ostschweizer Kinderspitals und durch ihr Engagement bei archäologischen Grabungen und Burgenrettungen.
Originalplan von Irma Steiger für das Wohn- und Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse 27 in Herisau (Strassenansicht). (Bild: Archiv Hochbauamt Herisau)
Schon früher, 1936, eröffnete Irma Steiger (1911–2002) als «Dipl. Architekt ETH» – so die männliche Form in ihrem Briefkopf – das erste von einer Frau geleitete Architekturbüro in Herisau. Dort plante sie 1937 unweit des Bahnhofs ein moderat-modernes Wohn- und Geschäftshaus für einen Zahnarzt. 1939 war sie vermutlich die erste Architektin, die in den Verband SIA St.Gallen aufgenommen wurde.
Zu den bekannten zeitgenössischen Architektinnen aus der Region gehört Eva Keller, die Herisau massgeblich weitergebaut hat und sich auch der Sanierung von Sakralbauten widmet. Andere Namen sind selbst Berufskolleginnen oder in den Fachverbänden unbekannt. Es gehe ihr um Netzwerke und Teamarbeit und nicht um Stars, sagt die Autorin, die andererseits feststellt, «dass es bis heute nur zum Schaffen von Astrid Staufer vom Architekturbüro Staufer & Hasler in Frauenfeld eine Monografie gibt». Mit dem neuen Buch ändert sich das jetzt.
Dabei handelt es sich nicht um eine reine Architekturpublikation, denn nebst den Bauten der Protagonistinnen werden verschiedene Berufswege und der Berufsalltag sichtbar. Das gilt insbesondere für das Interview, das die Autorin mit Astrid Staufer und Kathrin Gimmel führt. Die zwei mit dem Thurgau eng verbundenen Architektinnen sprechen über ihre Wahrnehmung der Region, über die Entwurfsinstrumente, die sie nutzen, und über die Zusammenarbeit in ihren Büros.
Zu einer Darstellung der Rolle der Frauen in der Architektur darf ein Rückblick auf die beiden Saffa-Ausstellungen (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit) in Bern (1928) und Zürich (1958) nicht fehlen. Beide Anlässe waren von Architektinnen geprägt, die sich unter anderem mit den damals aktuellen Wohnsituationen auseinandersetzten.
Heute ist der Verein Lares wichtig. Die hier mitarbeitenden Planerinnen engagieren sich für gendergerechtes Bauen und beraten Bauherrschaften und Berufskolleg:innen bei der inklusiven Gestaltung, etwa die St.Galler Architektin Doris Königer. Und lange kümmerte sich die Architektin Brigitte Traber als frühere Mitarbeiterin in der Baudirektion der Stadt St.Gallen um die subjektive Sicherheit im öffentlichen Raum.
Ein Architekturbuch ist immer auch eine gestalterisch anspruchsvolle Aufgabe. Das klare und übersichtliche Layout hat Roland Brauchli entworfen, ein in Paris ansässiger Buchgestalter. Das Bildmaterial stammt aus öffentlichen und privaten Archiven. Teils dokumentierte Nina Keel die Gebäude selbst und die Künstlerin und Architektin Jiajia Zhang fotografierte sechs Architektinnen in ihren Bauten.
Nina Keel: Architektinnen in der Ostschweiz. BSA Ostschweiz (Hrsg.), Park Books, Zürich 2026. Buchvernissage: Freitag, 22. Juni, 18.30 Uhr, Boulodrome, Werkstrasse 6, St.Gallen.park-books.com
Jubiläum
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Neues Buch
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