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Eins mit der Natur

Delcy Morelos mitten in ihrem Werk Las formas de la sombra (2026) in der Kunstzone der Lokremise. (Bilder: Larisa Baumann)

Delcy Morelos mitten in ihrem Werk Las formas de la sombra (2026) in der Kunstzone der Lokremise. (Bilder: Larisa Baumann)

In der Lokremise St.Gallen ist die erste Schweizer Einzelausstellung von Delcy Morelos zu sehen. In «Las formas de la sombra» baut die Künstlerin eine Brücke aus ihrer kolumbianischen Heimat in die Ostschweiz – und greift im gleichnamigen Kunstwerk die Vergänglichkeit des Lebens auf.

Der Weg in die Aus­stel­lung «Las formas de la som­bra (Die For­men des Schat­tens)» von Del­cy Mo­re­los in der Kunst­zo­ne der Lok­re­mi­se St.Gal­len führt durch den Pop-up-Store. Ei­ne klei­ne, aber fei­ne Aus­wahl leuch­tend bun­ter käuf­li­cher Ob­jek­te, ku­ra­tiert von An­drea Ro­ca, be­grüsst die Be­su­cher:in­nen. Um­so mehr sticht beim Be­tre­ten des Aus­stel­lungs­rau­mes die Mo­no­chro­mie von Mo­re­los’ In­stal­la­ti­on ins Au­ge, be­glei­tet von ei­nem er­dig-pilzi­gen, frisch-war­men Duft, un­auf­dring­lich, aber prä­sent, ein­hül­lend. 

Be­gin­nend in ei­nem spit­zen Win­kel und nur we­ni­ge Mil­li­me­ter hoch, baut sich in tief dunk­len Braun­tö­nen ei­ne mys­tisch an­mu­ten­de Land­schaft auf: Klei­ne­re und grös­se­re Hü­gel so­wie re­pe­ti­ti­ve For­men, die teils her­vor­ra­gen, teils im Gan­zen ver­schwin­den, ku­mu­lie­ren sich an der Wand vis-à-vis dem Ein­gang zu ei­ner mar­kan­ten, fla­chen Spit­ze, die bei­na­he bis zur gut vier Me­ter ho­hen De­cke reicht. Das tie­fe Dun­kel­braun steht da­bei in star­kem Kon­trast zum Weiss der Wän­de und dem hel­len Be­ton­bo­den. Die ak­ku­ra­te Li­ni­en­zie­hung am Bo­den und den Wän­den bil­det ei­nen Ge­gen­satz zu na­tür­lich wir­ken­den, drei­di­men­sio­na­len Form­ge­bil­den. Je nach Blick­win­kel fü­gen sich Raum­ele­men­te wie zwei Säu­len oder ei­ne Hal­te­rung von De­cken­lam­pen har­mo­nisch als Teil des Wer­kes ein oder ra­gen dar­aus her­vor. Ge­schaf­fe­ne We­ge er­mög­li­chen es, nicht nur stets neue Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men, son­dern auch sich in die raum­grei­fen­de In­stal­la­ti­on hin­ein­zu­be­we­gen und als Be­su­cher:in selbst Teil da­von zu wer­den.

Von den An­den zum Alp­stein 

«Las formas de la som­bra» ist die ers­te Ein­zel­aus­stel­lung in der Schweiz der ko­lum­bia­ni­schen Künst­le­rin Del­cy Mo­re­los. Ih­re In­stal­la­ti­on mit dem gleich­na­mi­gen Ti­tel ist ei­gens für die Aus­stel­lung in der Lok­re­mi­se ent­stan­den. Die in­ter­na­tio­nal aus­stel­len­de Künst­le­rin lebt und ar­bei­tet in Bo­go­tá. Sie stammt vom in­di­ge­nen Volk der Em­be­ra ab und in­ter­es­siert sich für jeg­li­che tra­di­tio­nel­le Kul­tu­ren und de­ren über­lie­fer­tes Wis­sen, wie sie im Ge­spräch er­zählt. 

In Las formas de la som­bra (2026) ver­webt Mo­re­los – wie in vie­len ih­rer Wer­ke – ei­ne Welt­an­schau­ung der An­den­re­gi­on mit lo­ka­len Be­ge­ben­hei­ten, Er­fah­run­gen und Be­ob­ach­tun­gen am Aus­stel­lungs­ort. Sie möch­te ei­ner­seits ei­ne Er­fah­rung schaf­fen, mit der sich die Be­su­cher:in­nen iden­ti­fi­zie­ren kön­nen, an­de­rer­seits zeigt sie Ver­flech­tun­gen auf. Drei in­ten­si­ve Wo­chen hat Del­cy Mo­re­los vor Ort in St.Gal­len an ih­rer In­stal­la­ti­on ge­ar­bei­tet. Ihr sechs­köp­fi­ges Team ist be­reits im Fe­bru­ar an­ge­reist, um Vor­ar­bei­ten zu leis­ten. Wäh­rend ih­res Auf­ent­halts in der Schweiz hat die Künst­le­rin zu­sam­men mit Na­dia Ve­ro­ne­se, Ku­ra­to­rin der Aus­stel­lung, auch den Sän­tis be­sucht oder ist nach Wü­ren­los in die Em­ma Kunz Grot­te ge­reist. 

Aus der Installation Las formas de la sombra (2026) in der Lokremise spriessen  –  unbeabsichtigt –  Keimlinge. 

Aus der Installation Las formas de la sombra (2026) in der Lokremise spriessen  –  unbeabsichtigt –  Keimlinge. 

Prä­gend für Del­cy Mo­re­los Œu­vre ist ih­re krea­ti­ve Ar­beit mit na­tür­li­chen Ma­te­ria­li­en. Die In­stal­la­ti­on in der Lok­re­mi­se be­steht un­ter an­de­rem aus Torf­er­de, Bau- und Alt­holz, Schwe­den­far­be so­wie ei­ner Duft­essenz. Mo­re­los ha­be den Duft zu­sam­men mit ei­nem me­xi­ka­ni­schen Par­fü­meur ent­wi­ckelt, der auch für Givau­dan, den welt­weit gröss­ten Her­stel­ler von Aro­men und Duft­stof­fen, ar­bei­te, sagt Ve­ro­ne­se. Die dunk­le Torf­er­de ha­ben die Ku­ra­to­rin und die Künst­le­rin bei ei­ner Gar­ten­bau­fir­ma in And­wil und das Holz in Fla­wil ge­fun­den. Bei­de Ma­te­ria­li­en wer­den nach En­de der Aus­stel­lung Mit­te Ju­li zu­rück an die Fir­men ge­hen, wo sie wie­der­ver­wen­det wer­den kön­nen. 

Ei­ne künst­le­risch ge­stal­te­te Um­ar­mung der Na­tur

Die Wert­schät­zung und Ver­wen­dung von re­cy­cel­tem Ma­te­ri­al ist ein wich­ti­ger Aspekt in Del­cy Mo­re­los Werk. Din­ge als Teil der In­stal­la­ti­on ha­ben ein Le­ben da­vor und da­nach, die In­stal­la­ti­on selbst ist ver­gäng­lich – wie auch das Le­ben, das mit der ver­wen­de­ten Er­de im­pli­ziert wird. Die Er­de ver­steht Mo­re­los als Sym­bol für die Na­tur und den Kreis­lauf des Le­bens: als Spen­de­rin von Nah­rung und Le­ben, aber auch als Form, zu der Pflan­zen, Tie­re und Men­schen nach dem Tod wer­den. Von der Künst­le­rin un­be­ab­sich­tigt, aber als schö­nes Bei­spiel da­für spries­sen in der Er­de in der Lok­re­mi­se ei­ni­ge Pflänz­chen. 

In der ver­gäng­li­chen In­stal­la­ti­on Las formas de la som­bra sind ge­form­te Ber­ge zu er­ken­nen. Land­for­men, die in der Na­tur über Mil­lio­nen von Jah­ren ent­ste­hen und für Be­stän­dig­keit und Sta­bi­li­tät ste­hen. Die für Mo­re­los Ar­beit ver­wen­de­te Er­de wur­de 2 Mil­li­me­ter fein ge­siebt. Da­durch er­reicht die Künst­le­rin ei­ne Ober­flä­chen­struk­tur, die zart wirkt wie ein Ge­we­be, bei­spiels­wei­se Samt. Ein Ef­fekt, den sie be­wusst er­schafft, weil sie möch­te, dass sich die Be­su­chen­den beim Er­fah­ren der In­stal­la­ti­on um­armt, warm und wohl füh­len, wie in ih­rer ei­ge­nen Klei­dung: Ei­ne künst­le­risch ge­stal­te­te Um­ar­mung der Na­tur, die den Men­schen als Teil des Kunst­werks mit­ein­be­zieht, um ihn füh­len zu las­sen, dass er eins ist mit der Na­tur. 

In der Aus­stel­lung in St.Gal­len leuch­tet kein künst­li­ches Licht. Ein­zi­ge Licht­quel­le ist die rie­si­ge Fens­ter­front. So ver­än­dert sich Del­cy Mo­re­los’ In­stal­la­ti­on je nach Wet­ter, Ta­ges- und Jah­res­zei­ten­ver­lauf. Die For­men des Schat­tens sind mal schwä­cher, mal aus­ge­präg­ter zu se­hen. Der Werk­ti­tel ist ge­mäss Mo­re­los auch ei­ne An­spie­lung auf das Kon­zept des Schat­tens des Schwei­zer Psych­ia­ters Carl Gus­tav Jung (1875–1961). Für die Künst­le­rin ist die Ver­bin­dung zur Na­tur ein Schat­ten, der tief in uns drin ist, wo­bei sie mit «uns» nicht das In­di­vi­du­um, son­dern die Mensch­heit meint. 


Del­cy Mo­re­los – «Las formas de la som­bra (Die For­men des Schat­tens)»: bis 12. Ju­li, Kunst­zo­ne in der Lok­re­mi­se, St.Gal­len.
lok­re­mi­se.ch 

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