, 3. Oktober 2013
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Eins, zwei, Boxerei

Traurig, wie gewisse Sportarten manchmal für derart rote Köpfe sorgen können, ohne dass sich jemand bewegt. Einer von drei Nachrufen aus unserem Oktober-Heft. 

Ich habe immer befürchtet, dass dieser Moment irgendwann kommen würde – jetzt ist er da, der Abschied. 2005 hat dich Bashkim Berisha bereits hart getroffen, letzten Monat haben dich «Carlos» und der Jugendanwalt Gürber endgültig auf die Bretter geschickt. Auf Druck der Öffentlichkeit nahm man dir deine Daseinsberechtigung wegen eines völlig falschverstandenen Manövers. Ab sofort ist im Kanton Zürich Kampfsport für Jugendstraftäter verboten – ausser in bewilligten Ausnahmesituationen.

Liebes Thaiboxen, ich hatte fünf tolle Jahre mit dir. 2007, als unser Verhältnis begann, war ich nicht gerade eine Sonntagsschülerin. Ganz im Gegenteil: Ich hatte mich nicht unter Kontrolle, war schwieriger und starrsinniger, als ich es heute bin. Doch bereits nach wenigen Augenblicken mit dir merkte ich, dass du mich zähmen könntest, dass du nichts mit Gewalt und Aggression zu tun haben willst. Vielleicht verstehen das nur jene, die dich wirklich kennen – und damit meine ich nicht aus Filmen oder aus Spiegel-TV. Du legst Wert auf Technik, Timing, Taktik, Präzision, Kondition, Disziplin, Willen und nicht zuletzt auf Kreativität und Talent.

Wenn ich nach den Stunden mit dir alleine im Bett lag und mein ganzer Körper schmerzte, galten die einzigen Vorwürfe mir selbst. Ich grübelte nicht darüber, wie ich es dir am besten heimzahlen könnte, sondern überlegte vielmehr, wie ich dir gerecht werden könnte, suchte nach Wegen, dich stolz zu machen. So ging es vielen aus dem Gym. Ich kenne etliche, die dank dir ihr Leben, ihren Drogenkonsum oder ihren Jähzorn unter Kontrolle brachten. Auch später, als ich selber einige Junge unter meine Fittiche nehmen durfte, hast du mir immer wieder eindrücklich bewiesen, welch enorme Wirkung du auf Menschen haben kannst.

Sie sagen, du machest aus jedem eine tödliche Waffe, du seist schuld, wenn Unschuldige auf offener Strasse verprügelt werden. Dabei würde ich lieber gegen einen Thaiboxer kämpfen als gegen einen Besoffenen mit abgebrochener Flasche. Sie sagen, dass Karate oder Jiu-Jitsu anders seien als du. Das ist, wie wenn ich sagen würde, dass Andrea eine andere ist als Sophie – völlig logisch. Wir sind alle anders, einige mögen Yoga und Kunstturnen, andere Schwingen oder eben Boxen. Wie überall gilt: Das Umfeld ist entscheidend. Und der Verstand.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei Franco Manzan vom Arena Thai Gym in Rorschach für die tolle Zeit von 2007 bis 2012. Und bei dir, liebe Boxerei, für deine wertvollen Lektionen.

 

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