, 7. September 2018
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Einsatz für Ernährungssouveränität

Die Kleinbauernbewegung «La Via Campesina» hat den Begriff «Ernährungssouveränität» geprägt. Die St. Gallerin Alice Froidevaux hat ihre Doktorarbeit zur Organisation geschrieben. von Sina Bühler

Die Begeisterung für ihr Studienobjekt, mit dem sie sich jahrelang beschäftigt hat, ist kein bisschen verschwunden. Alice Froidevaux hat an der Universität St. Gallen ihre Dissertation zu «La Via Campesina» geschrieben. Das heisst auf deutsch «Der bäuerliche Weg» und ist eine weltweite Bewegung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern – dazu gehören die Landlosen Brasiliens genauso wie indigene Gruppen aus Thailand oder Biobauern aus Europa.

Seit Februar 2018 hat Alice Froidevaux nun den Doktortitel. Sie forschte zur Frage, wie solche Basisbewegungen, sogenannte «Grassroot Movements» international eine einheitliche Stimme finden und gleichzeitig lokal verwurzelt bleiben können. «Da treffen so viele Realitäten, Ideologien, Kulturen und Anliegen aufeinander, dass es ein stetes Aushandeln gemeinsamer Positionen ist», erzählt sie.

Eine Idee aber steht bei allen Mitgliederorganisationen auf der Prioritätenliste: die Ernährungssouveranität. Das Prinzip also, dass die Bevölkerung und allen voran die Bäuerinnen und Bauern selbst definieren, was sie anbauen und essen, dass Ökologie die Grundlage ist, dass der Handel mit Lebensmitteln gerecht ist und die lokalen Märkte stark sind.

Achtung: unfair!

Froidevaux‘ Forschung ist daher auch für uns wichtig und aktuell. Die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden am 23. September entscheiden, ob unsere Landwirtschaft ernährungssouverän sein soll. Die Schweizer Bauerngewerkschaft «Uniterre», welche die Initiative lanciert hat, ist ein Teil von«Via Campesina». Eine «soziale und gerechte Landwirtschaft» ist das Ziel.

Globales Konzept, lokale Lösungen: Alice Froidevaux. (Bild: Pascal Froidevaux)

Was heisst das? «Das ist eine sehr komplexe Frage insofern, dass sie aus verschiedenen Perspektiven beantwortet werden kann und muss», sagt Alice Froidevaux. Einerseits gehe es um faire Arbeitsbedingungen für die Bäuerinnen und Bauern selber genauso wie für die Landarbeiterinnen und -arbeiter. Andererseits um fairen Handel und darum, dass jede und jeder Zugang zu gesunden, ökologischen Lebensmitteln haben soll. Ein wichtiges Prinzip, um dies zu erreichen, sei, dass die Produktion mehr auf den lokalen Bedarf ausgerichtet und die Handelswege kürzer sein sollen.

In der industrialisierten Welt beschäftigen sich immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten mit dem Thema gesunde, ökologische und gerechte Lebensmittel – «allerdings ist das fast ein Vollzeitjob», meint Alice Froidevaux. «Man kann sich beispielsweise aus ökologischen Gründen entscheiden, nur vegan zu essen, muss sich dann aber vertieft mit der Herkunft von Ersatzprodukten wie zum Beispiel Soja beschäftigen. Sie fände es schön, wenn solche Fragen umgekehrt würden. «Warum wird ein Produkt mit «bio» und «fair» etikettiert, wenn doch eigentlich eher auf den anderen «giftig» und «unfair» draufstehen sollte?»

Kritische Bauern leben gefährlich

Zum Interesse für die Kleinbauernbewegung kam die 33jährige, die in Flawil aufgewachsen ist, über Umwege. Nach der Matura ging sie ein halbes Jahr nach Guatemala, wo sie in einem Bildungsprojekt arbeitete. Danach begann sie, wie geplant, mit ihrem Sportstudium in Bern – was irgendwann nicht mehr passte. Also wechselte sie nach einem Jahr zu Geschichte und lateinamerikanischer Literatur. «Meinen Master machte ich am neu gegründeten Institut für Lateinamerikastudien an der Uni Bern. Mein Fokus waren soziale, indigene Bewegungen, die Zivilgesellschaft.»

Als ihrer Professorin ihr die Teilnahme an einem Nationalfondsprojekt mit dem Thema «Via Campesina» vorschlug, sagte sie zu, «obwohl ich eigentlich nie eine akademische Karriere geplant hatte.» Durch ihre Betreuerin kam sie zurück in die Ostschweiz, um an der Universität St. Gallen zur Bauernbewegung in Zentralamerika zu forschen. Die Reisen dorthin waren nicht ganz gefahrlos – militante Bäuerinnen und Bauern werden in Lateinamerika unterdrückt und sogar getötet: «Ihre Forderungen sind eine direkte Kritik am System, verbunden mit Fragen der Selbstbestimmung als indigene Bevölkerung. Viele waren früher Teil von Guerillabewegungen», sagt sie. Um ihre Gesprächspartnerinnen und -partner zu schützen, hat sie alle Namen in ihrer Dissertation geändert.

Warum nicht den ersten Schritt wagen?

Die Erfahrungen mit der Internationalen Kleinbauernbewegung bewegten Alice Froidevaux auch dazu, sich verstärkt für die Schweizer Landwirtschaftspolitik zu interessieren. So kam sie in Kontakt mit Uniterre und engagierte sich im Rahmen der Vorbereitungen für die Initiative. Oft werde das Konzept der Ernährungssouveränität mit dem globalen Süden in Verbindung gesetzt. Doch was für Kleinbauern in Lateinamerika wichtig sei, müsse auch hier umgesetzt werden. «Du kannst nicht mit den Fingern schnippen und die Welt ist gerecht und ausgeglichen. Aber man muss irgendwo beginnen», sagt sie dazu.

Doch wieviel Sinn macht es, die Verhältnisse in der Schweiz zu verändern, wenn die Ideen nur funktionieren, wenn sie global umgesetzt werden? «Ernährungssouveränität ist zwar ein globales Konzept, die Lösungen aber, sind immer an die lokale Situation und Geschichte angepasst. Der Beitrag jedes Landes, jeder Region ist ein anderer. Warum sollten wir nicht einen ersten Schritt machen?»

Sie selber wird in zwei Wochen den nächsten Schritt wagen, «zurück in die Praxis», wie sie es nennt. Zwei Jahre lang wird sie in Guatemala leben, dort, wo alles begann: «Ich werde für eine belgische Organisation arbeiten, welche die lokalen Kleinbauernbewegungen unterstützt. Ich werde vor allem vermitteln und vernetzen, Räume und Plattformen schaffen, so dass die lokalen Organisationen ihre Projekte umsetzen und gegenseitig voneinander lernen können.»

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