2020 war das Jahr, in dem Maradona starb. Dieses Jahr im Dezember jährt sich auch der Todestag eines Spielers zum zehnten Mal, der ähnlich bedeutend für die weltweite Fussballgemeinde war: Sócrates! Es erübrigt sich, das sattsam Bekannte über ihn hier zu wiederholen, Wikipedia bietet wie üblich eine solide Zusammenfassung.
Dass ich mich mit Máricio Mitte Dezember an der Ecke Florencio de Abreu und Garibaldi in der Bar «Emporio Brasilia» treffe, kommt so: In den letzten 15 Jahren wurde die 700’000 Einwohner grosse, im Staat São Paulo gelegene Stadt Ribeirão Preto, eine Art zweite Heimat für mich. Sócrates hat seine Profi-Karriere 1989 beim lokalen Verein Botafogo beendet und lebte dann bis 2010 hier. Seit Dezember 2011 liegt er auf dem «Bom Pastor Cemitério» von Ribeirão Preto begraben.
Toni Saller (rechts) und Máricio. Auf der Gedenktafel im Hintergrund steht: «Ich möchte an einem Sonntag sterben, wenn die Corinthians Meister werden» – Und das ist kein Witz: Sócrates starb am 4.Dezember 2011, als die Corinthians Meister wurden.
Ich frage Barbesitzer Máricio, ob Sócrates für Brasilien gleich bedeutsam war wie Maradona für Argentinien. Er kann ohne Zögern bejahen. Weil beide nicht nur lokal, sondern in der ganzen Welt den mit Ecken und Kanten, aber auch sensiblen und anfälligen, also gerade nicht den modernen, stromlinienförmigen Sportler verkörpert haben, der in egal welchem Spitzenverein seine Leistung abrufen kann und will.
«Doutor Sócrate», der Kinderarzt
Máricios Bar eröffnete 1993 – einen Steinwurf entfernt vom «Edificio Atlântico Sul», wo Sócrates ein Appartement als Hauptwohnsitz besass und lebte. An einer Trainerkarriere schnupperte Sócrates nur kurz und erfolglos. In den 90ern arbeitete er als ausgebildeter Kinderarzt an einem Spital hier in Ribeirão, weshalb man ihn auch respektvoll «Doutor Sócrate» nannte.
Den Namen Sócrates hatte er hingegen nicht, weil er an antiker Philosophie interessiert war, und, wie ich selber bislang angenommen habe, sich dieser darum wie selbstverständlich als ein sich selber zugestandener Künstlername angeboten hätte, was für jeden in Brasilien einigermassen erfolgreiche Fussballer eine Selbstverständlichkeit darstellt. Nein, simpel darum, weil ihm sein Vater diesen Namen in die Wiege gelegt hatte.
Bei Máricio in seiner Lieblingsbar schrie Sócrates nicht mehr «Gooal» sondern «Skol». Mit Erleichterung erfahre ich von Máricio, dass Sócrates Lieblingsbiermarke dieselbe war wie die meine heute: Skol! Doch das ist ein schlechter Witz, für den ich mich sofort entschuldige. Wir wissen alle von Sócrates’ Alkoholproblemen, die er selber erst kurz vor seinem Tod 2011 öffentlich gemacht hat. Und die hatte er nicht erst, seit er regelmässig Máricios Bar besuchte.
Was erwartete ich, als ich Máricio frage, wieso Socrates getrunken hat? Aus Kummer über die schlechte Welt? Seine Antwort ist so lapidar wie verblüffend: «Eli gostava beber» – Er hat einfach gern getrunken. Und das nicht erst nach seiner Profikarriere.
Hier eine Geschichte, die aus dem Mund von Máricio ganz sicher nicht übertrieben wurde, um Sócrates «Bad Boy-Image» zu pflegen: Wie üblich verabredeten sich die Corinthians auf 8 Uhr morgens beim Mannschaftsbus, um gemeinsam zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Wer fehlte war «El Magro», wie sie Sócrates wegen seiner schlaksigen Gestalt auch nannten. Ein Mannschaftsbegleiter wurde eiligst in seine Wohnung geschickt. Dieser fand ihn noch halb im Alkoholkoma vor. Zum Spiel um 14 Uhr war er aber soweit wieder instand gestellt, dass er zum Punktgewinn beim 2:2 immerhin beide Tore besteuern konnte.
Die Sócrates-Diät
Sócrates ganz grosser Durchbruch kommt an der WM ‘82 in Spanien, wo zwar kein Pokal gewonnen wurde, aber eine der legendärsten brasilianischen Mannschaften zusammenfand mit Zico und Konsorten. Wäre er ein durchschnittlicher Spieler gewesen, man hätte ihn wegen seiner Marotten, Alkohol- und Tabakprobleme hochkantig aus der «Seleção» geworfen. Da aber alle um sein Genie wussten, hat nicht einmal die CBF, der brasilianische Fussballverband, versucht, ihn an ihre Gepflogenheiten einer geregelten WM-Vorbereitung zu gewöhnen. Seine Eigensinnigkeit hätten sie sowieso nie brechen können.
Immerhin hat Sócrates dem Verband seinen eigenen Vorbereitungsplan vorgelegt, um seinen guten Willen zu demonstrieren. Die für ihn bereits damals rigorose Diät beinhaltete zum Beispiel: 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr eine erste Zigarette und zum Mittagessen wenigstens ein «Skol». An dieser WM war er fit wie noch nie. Hätte er diese Diät schon früher gestartet und einigermassen halten können, hätte er auch fussballerisch zu einem Maradona aufgeschlossen, auch wenn sein Stil auf dem Feld wie nur schon seine Physis nicht hätte konträrer sein können.
Es war gerade dieser Stil, der mir dermassen imponierte damals,1982. Mit seinem aufrechten Gang und einer 192 cm grossen, unverwechselbaren Eleganz, thronte er im Mittelfeld, tippte den ihm zugespielten Ball nur ganz kurz an, um ihn sogleich am nächststehenden Mitspieler abzugeben. Sócrates erfand im Alleingang das später von Barcelona und Spanien praktizierte «Tiki Taka». Um dann die spärlichen Gelegenheiten zu nutzen, im Alleingang durch die gegnerischen Spieler einen Slalom zu starten.
Sócrates, das «Gesamtwerk»
So wie wir wissen, dass er trank und rauchte, wissen wir um sein politisches Engagement gegen die Militärdiktatur. Und er hatte keine Scheu, seine Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu vertreten und propagieren. Ich frage Máricio, ob er nicht deswegen auch hier in der Bar angepöbelt, vielleicht sogar bedroht wurde?
Máricio antwortet mit einem klaren «Nein». Sócrates sei ein Gesamtwerk gewesen, das alle respektierten, insbesondere dessen Fundament, den ehrlichen Charakter und sein nicht gespieltes, einfaches Leben, das er dem Star-Rummel vorzog. Er besass einige Wohnungen in Ribeirão Preto, ein simples Auto und eine «Chacra» auf dem Land, nichts luxuriöses. Als persönliche Werbesäule gab er sich nur einmal her: für «Arapua», eine Elektrofirma für den Haushalt.
Vorne die Bar, im Hintergrund das Haus, wo Sócrates gewohnt hat.
Máricio selber hat eine Profikarriere knapp verpasst. Er ist etwas jünger als Sócrates, man merkt, dass er diesen bereits als Jugendlicher bewunderte. Aus jedem Wort hört man den grossen Respekt, den er ihm auch heute noch entgegenbringt. Seine Bar wurde hier im nahen Zentrum von Ribeirão Preto zu einem Treffpunkt für viele ehemalige Profis. Máricio erinnert sich auch an Daniel Cohn-Bendit, der 2014 auf der Tour für seinen WM-Film Futebol e vida hier vorbeikam. Dessen alter VW-Bus, wie könnte es anders sein, hiess: Sócrates!
Toni Saller, 1956, hat vor 40 Jahren als Fussball-Ethnologe die Weltmeisterschaft in Argentinien besucht. Seine Erinnerungen daran sind im Juniheft 2018 von Saiten zu lesen.
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