Als wäre die Pandemie zu Ende, stellen Konzert und Theater St.Gallen einen vollen Spielplan 21/22 vor. Es geht um Ausnahmezustände und gesellschaftliche Irrungen, ganz besonders aber auch um den weiblichen Blick auf das kulturelle Erbe und die Gegenwart.
«Für Künstler ist es wichtig, aufzutreten und vor Publikum zu spielen, sonst werden sie nicht besser», sagt der St.Galler Theaterdirektor Werner Signer. «Wir wollen wieder 3D sein», bekräftigt Konzertdirektor Florian Scheiber und verspricht ein volles Konzertprogramm mit «Atmosphäre, Sound und Vibration». Und bei Schauspieldirektor Jonas Knecht tönt es so: «Theater entwickelt sich nicht einseitig, sondern nur im Diskurs mit dem Publikum.» Für die Spielzeit 21/22 präsentieren Konzert und Theater St.Gallen folgerichtig ein Programm im gewohnten Rahmen. Kann man das wieder? Und kann man das noch?
Kann man das?
Das «wieder» ist vielleicht weniger interessant: Wir wissen es schlicht nicht. Am Pilotprojekt Festspiele wird das «GGG-Konzept» ausprobiert: genesen, geimpft oder getestet – ansonsten kein Zutritt. Die Erfahrungen sollen dann in die Planung der kommenden Spielzeit einfliessen.
Das «noch» ist die trickreichere Frage. «Wir haben nie zuvor so intensiv über Theater nachgedacht wie während dieser Pandemie», sagt Jonas Knecht. Mit der Bildschirm-und-Kopfhörer-Produktion Schleifpunkt, dem Audiowalk zur città irreale oder auch dem Dramaphon sind neue Formate entstanden. In eine hybride Zukunft weist die Weiterführung der virtuellen Matineen und der Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum. Doch Knecht verhehlt nicht, dass das Schauspiel-Ensemble unbedingt zurück auf die Bühne und vor das Publikum will, «richtig saftig 1:1 spielen». Denn beim Abliefern als Stream fehlen die Atmosphäre im Saal und – nicht ganz unwichtig – die Einnahmen. Und trotz allem Experimentieren fehlt letztlich auch das Personal für eine professionelle Videoproduktion.
Den Künstler*innen Sorge tragen
Es kam mehrfach zum Ausdruck an dieser Vorstellung des neuen Spielplans, dass man dem künstlerischen Personal vermehrt Sorge tragen will. «Es war schwierig, das Ensemble auf Distanz zusammenzuhalten», gesteht Knecht und erinnert sich an Treffen in der Lokremise mit 2,5-Meter-Abstand. Man werde sich nach der Sommerpause wieder neu finden müssen. Ebenso liegen ihm die Freischaffenden am Herzen, Verträge für verschobene Produktionen sollen eingehalten werden. So wird z.B. die nur einmal gespielte, sehr gelobte Produktion Die lächerliche Finsternis wieder aufgenommen.
Ganz ähnlich klingt es bei Konzertdirektor Florian Scheiber, der 95 Prozent der verpassten Konzerte in den nächsten zwei Jahren nachholen will. Auch dies im Bemühen darum, ein verlässlicher Partner zu sein und den Musiker:innen den abgesagten Auftritt noch zu ermöglichen. Anscheinend hat Corona die Arbeitsbedingungen der Künstler:innen vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Immerhin.
Frauen: Schön, geliebt – und tot
Inhaltlich hat die Pandemie dem Spielplan keinen markanten Stempel aufgedrückt. L’incoronazione di Poppea wäre zugegebenermassen ein allzu billiger Scherz gewesen – obwohl: thematisch passend. Denn der neue Operndirektor Jan Henric Bogen stellt seine erste Saison unter das Motto «Herstory» und will damit dem männlichen Blick des Genres («Frauen sind schön, geliebt und am Schluss tot») etwas entgegensetzen.
Jan Henric Bogen, neuer Operndirektor. (Bild: PD)
Mit der Genderthematik nimmt er eine hochvirulente Diskussion auf, die wohl eher zufällig mit Corona zusammenfiel. Auf dem Programm stehen die beiden Publikumsmagnete Zauberflöte und Traviata, dazu die europäische Erstaufführung von Breaking the Waves der amerikanischen Komponistin Missy Mazzoli und Astor Piazzollas Maria de Buenos Aires sowie das Musical Lady Bess von Michael Kunze.
Bogen hat durchwegs Werke gewählt, die von starken Frauen erzählen – aber nicht nur das: Erneut ist hier das Personal in den Fokus zu rücken. Am Pult stehen mit Katharina Müllner und Natalia Salinas zweimal Dirigentinnen, inszeniert wird von Melly Still, Guta Rau und Nina Russi: ein beachtlicher Frauenanteil für diese Sparte!
Der Tanz nimmt mit der Produktion She/He dreier junger Choreograf:innen die Genderthematik auf. Auf die Sehnsüchte der Pandemiemüden hingegen spielt der Leiter der Tanzkompanie, Kinsun Chan, mit seinem Abend The banquet, in dem er dem alten Ritual der Zusammenkunft am grossen Tisch nachgeht. Und gemeinsam mit Martin Zimmermann erprobt er schliesslich in Wonderful World den Tanz auf instabilem Bühnenboden: Wie verhalten sich Menschen in Ausnahmezuständen?
Sankt Spiellust
«Wie geht es uns jetzt?» als Leitfrage des Sprechtheaters knüpft an die Tradition des Theaters als Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeiten an. Was die Frage nicht entwertet, gerade jetzt, und gerade hier, in St.Gallen: Den Auftakt der Spielzeit macht die lang angekündigte Uraufführung von HotSpotOst, Sankt Irgendwo im Nirgendwo, einem Schauspielprojekt mit Texten von Brigitte Schmid-Gugler nach einem Plot von Rolf Bossart und weiteren Beiträgern über «Chancen, die diese Stadt hätte», wie Jonas Knecht sagt und sofort nachschiebt: «… hat».
Nah dran, distanzlos: Das muss (system-)relevantes Theater sein. Die Stücke auf dem Spielplan wühlen denn auch in offenen Wunden: Um die Leistungsgesellschaft geht es in Lutz Hübners Frau Müller muss weg, um kollektive Ängste in M nach Fritz Langs immer noch brandaktuellen Filmklassiker M – eine Stadt sucht einen Mörder und um Nachhaltigkeit und Wasservorräte in Die nicht geregnet werden, dem Auftragswerk der Hausautorin Maria Ursprung, das Marie Bues als grosse Abschlussproduktion der Saison mit dem gesamten Ensemble inszenieren wird. Und auch das Schauspiel setzt auf die Frauen: Julia und Romeo nach Shakespeare in einer Fassung von Mirja Biel.
Gemeinsam statt einsam
Der Container und Aussenspielstätten müssen warten, die Planungssicherheit dafür fehlt. Kooperationen wie letzte Spielzeit mit dem freien Theater Marie gibt es keine. Vernetzung über die Ostschweiz hinaus bleibt aber wichtig: mit dem Dramenprozessor, dem Artist in Residence oder dem tollen Jungspund-Festival.
Auch der Tanz hat mit «Raw» ein Format geschaffen, das Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste eine Bühne für experimentelle Projekte bietet. Das ist Nachwuchsförderung nicht nur für die Künstler:innen, sondern auch für eine neue Generation von Zuschauer:innen; es ist letztlich Kulturförderung durch Kulturschaffende. So können alle das Theater als «Ort der sozialen Begegnung» erfahren, wie es Jonas Knecht vorschwebt. Als Ort, der die Traurigkeit des «social distancing» zu überwinden vermag.
Jetzt eine volle Spielzeit zu planen, hält Theaterdirektor Werner Signer absolut nicht für verwegen. «Wir haben jede Chance genutzt, vor Publikum zu spielen. Wir glauben daran.» Das Zurückbuchstabieren hat Konzert und Theater St.Gallen im vergangenen Jahr oft genug geübt – Flexibilität kann man jetzt. Der neue Spielplan ist ein Bekenntnis zur kulturellen Grundversorgung durch eine subventionierte Institution wie Konzert und Theater St.Gallen. Er ist aber auch ein Bekenntnis zu gesellschaftlicher Relevanz. Und ja, er verbreitet Optimismus, Hoffnung auf frisches Kulturfutter. Wir Post-Pandemisten haben Hunger.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
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