Rechts oder links? Stadt oder Agglo? Brust oder Keule? Hund oder Katze? Ja oder nein? Beim Einkaufen, unterwegs, auf dem Stimmzettel, bei der Impfung, beim Medienkonsum – ständig sind Entscheidungen fällig, das ganze Leben lang. Manchmal gibt es nur ein Ja oder ein Nein. Manchmal ist auch ein Vielleicht möglich.
Wann ist eine Auswahl freiwillig, wann ist sie notwendig? Ob Multioptionsgesellschaft oder die grossen Lebensfragen – vieles verlangt eine Entscheidung. Organspenden oder nicht? Wahrheit oder Fake? Reparieren oder wegschmeissen? Wo anfangen? Wo aufhören?
Alltäglich und politisch
Kann die Kunst weiterhelfen? Der Verein Kunsthalle[n] Toggenburg widmet sich mit der sechzehnten Ausgabe seines Ausstellungsformat namens arthur dem weiten Feld der Entscheidungen. Die nomadische Gruppe spannt diesmal zusammen mit dem Verein Ereignisse Propstei St. Peterzell. Fast zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstler, kuratiert von Ueli Alder, nähern sich dem Thema auf erwartungsgemäss sehr unterschiedliche Weise an.
Aramis Navarros Bank mit der Aufschrift THIS IS AN ARTWORK? PLEASE DON’T TOUCH IT.
Die Präsentation ist dicht, reicht von Objekten, Malerei, Zeichnung über Installationen bis hin zu Soundarbeiten. Sie beginnt vor dem Haus und führt bis in den Dachspitz hinein. Sie umfasst Neues, eigens Entwickeltes und Bestehendes und knüpft oft an Momente an, die kaum jemandem fremd sind, weil das Thema unseren Alltag prägt.
Anita Kuratle aus Basel beispielsweise stellt das Warten ins Zentrum ihrer Arbeit. Die aus Papier geschnittenen Korbstühle und die von Kritzeleien inspirierten Objekte rufen Situationen in Erinnerung, die jede und jeder kennt: Soll ich noch warten oder kommt er doch nicht mehr? Der Bus? Der Anruf? Der ersehnte Mensch?
Kleid von Ursula Anna Engeler, im Hintergrund das mit 3D-Technik bearbeitete Porträt des Flüchtlingshelfers Paul Grüninger von Domenic Lang.
Ursula Anna Engeler aus Romanshorn fokussiert auf Entscheidungen, deren Tragweite um den ganzen Globus reicht. Aus Etiketten in Bangladesh hergestellter Textilien hat sie ein Kleid zusammengenäht und spielt auf die Arbeitsbedingungen der Näherinnen ebenso an wie auf die Klimafolgen des ungezügelten Kleiderkonsums.
Wünschelruten, Wellenschläge
Der Liechtensteiner Martin Walch hat vielarmige Wünschelruten aus Christbaumspitzen geschnitzt und stellt damit die Schwierigkeit sich zu entscheiden in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Orientierung zu finden ist nicht immer und nicht für alle leicht, da geraten mitunter auch abwegige Entscheidungshilfen ins Visier.
Martin Walchs Wünschelruten.
In den Zeichnungen der Ausserrhoderin Harlis Schweizer Hadjidj spiegeln sich sehr anschaulich die künstlerischen Entscheidungen. Jeder Strich, jede Farbe, jede Fläche auf dem Format ist das Ergebnis einer bewussten Auswahl. Dabei testet die Künstlerin Grenzen aus, was notwendig ist, um ein Haus, einen Hügelzug oder eine Jahreszeit erkennbar machen zu können.
Propstei St.Peterzell, bis 25. September Offen Mi und Sa 14-17 Uhr, So 10-17 Uhr Kunsttalk: 3. September 15 Uhr und 11. September 11 Uhr
ereignisse-propstei.ch
Die Liechtensteinerin Barbara Geyer stellt in den Dachstock der Probstei ein stählernes Wasserbecken. Ein automatisch betriebener Arm erzeugt von Zeit zu Zeit Wellen und eine Lichtquelle sorgt für Reflexion der bewegten Oberfläche an der Dachschräge. Sie lassen sich nicht vorhersagen, sie entfalten ihre eigene Dynamik und Schönheit.
Die Künstlerin liefert damit ein schlüssiges Bild für die grosse Rolle des Zufalls inmitten aller Entscheidungsgewalt, oder wie es Wilhelm Busch auf den Punkt gebracht hat: «Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt.»
Hans Jörg Geigers Vitrine mit Druckvorlagen die er über längere Zeiträume in einen Bach legte, damit sich die Oberfläche nach und nach abträgt.
Der FC St.Gallen nützt eine frühe rote Karte gegen Lugano gnadenlos aus und schickt den bisher so souveränen Leader gleich mit 5:0 nach Hause. Ein denkwürdiger Nachmittag zum Nachlesen hier im SENF-Ticker.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.