Ob er denn wirklich einmal geflogen sei mit einem seiner Fluggeräte, wurde er öfter gefragt. Ja, antwortete Gustav Mesmer verschmitzt, einmal habe es ihn fast 50 Meter ins Tal hinunter getragen, aber leider sei niemand dabei gewesen.
1903 wird Gustav Mesmer im oberschwäbischen Altshausen geboren. Mesmers Vater war Verwaltungsfachmann, seine Mutter kümmerte sich um die insgesamt elf Kinder. Das Umfeld ist streng katholisch, die Familie ist seit Generationen in Oberschwaben zu Hause.
Gustav Mesmers Schulausbildung wird durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Er arbeitet auf Bauernhöfen als sogenannter Verdingbub. Die Kriegsjahre sind hart und die Familie kann die vielen Esser nur mit Mühe ernähren. Dann, bei der Arbeit im Kloster Untermarchtal, empfehlen ihm die Schwestern, in einen Orden einzutreten: «Sie gäbten doch so ein schönes Päterchen», sollen sie zu ihm gesagt haben.
Gustav Mesmer befolgt diesen Rat und geht 1922 ins Kloster Beuron. Als Bruder Alexander verbringt er fast sechs Jahre hinter Klostermauern. Doch es gefällt ihm nicht, von einem klösterlichen Leben habe er ganz andere Vorstellungen gehabt, resümiert er: «Da kann nur ein Lebensunerfahrener hereinfallen wie ich.»
«Geistiger Überschwang»
Enttäuscht und deprimiert kehrt Mesmer 1928 wieder nach Altshausen zurück. Seine Eltern sind darüber nicht glücklich, denn eine Klosterlaufbahn gilt in jenen Zeiten noch als etwas Besonderes, bedeutet wirtschaftliche Sicherheit und ist mit gesellschaftlichem Prestige und sozialer Anerkennung verbunden. Zuhause beginnt Mesmer mit einer Schreinerlehre, von seinem Meister erhält er eine gute Beurteilung. Aufgefallen sei aber, so eine Bemerkung, «sein eigenes und stilles Wesen».
Kurz darauf ein tiefer Einschnitt in seinem noch jungen Leben. Wohl noch geprägt von den für ihn ernüchternden Erlebnissen während seiner Klosterzeit, stört Mesmer eines Sonntags in der evangelischen Kirche in Altshausen die Abendmahlsfeier. Er stürmt in die Kirche und erklärt lauthals, dass hier «nicht das Blut Christi» ausgeteilt werde und sowieso «alles Schwindel» sei. Er wird von aufgebrachten Kirchenbesuchern aus dem Gotteshaus gezerrt und nach Hause gebracht.
Der «Kirchenstürmer» wird zum Tagesgespräch im ansonsten ereignisarmen Gemeindealltag. War der Gustav nicht immer schon ein kauziger Sonderling gewesen? Einer, der, während seine Altersgenossen im Gasthaus die Bierkrüge stemmten, lieber stundenlange Spaziergänge unternahm? Man war sich schnell einig – der Gustav tut nicht gut, der Gustav muss weg.
Knapp zwei Wochen nach seinem «geistigen Überschwang», wie er seine Aktion im Rückblick nannte, wird Mesmer in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Bad Schussenried eingeliefert. Die erste Diagnose ist schnell gestellt: paranoide Schizophrenie.
Gustav Mesmer: «FlugFahrrad mit viel Deck».
Am 10. Oktober 1932 taucht in seiner Krankenakte zum ersten Mal der Hinweis auf: «Hat eine Flugmaschine erfunden, gibt entsprechende Zeichnungen ab.» Angeblich hat er in einer Illustrierten einen Bericht über zwei Erfinder gelesen, die mit einem Fahrrad fliegen wollten. Diese Idee begeistert Mesmer, der Flug durch Muskelkraft treibt seine Fantasie in schwindelnde Höhen. Er konstruiert und bastelt an Flugmodellen, in der Anstalt wird er verlacht: «Erfinder-Allotria», steht in der Krankenakte.
Den Naziterror – Zehntausende werden in den psychiatrischen Anstalten umgebracht – überlebt Gustav Mesmer mit viel Glück. Sein Name taucht auf keiner der Transportlisten auf, die in den sicheren Tod führten, vermutlich deswegen, weil er ein guter Arbeiter war und gebraucht wurde. Während dieser Zeit drängt er auch mehrmals vehement auf seine Entlassung, bleibt aber ungehört.
Die Flugvelos von Gustav Mesmer sind ein Schwerpunkt der Ausstellung «Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben», die am Sonntag im Kunstmuseum Thurgau in Ittingen eröffnet wird. Sie erforscht den Traum vom Fliegen mit Werken von Joëlle Allet, François Burland, Andrea G. Corciulo, Helen Dahm, Danielson/Van Aertryck, Christoph Draeger, Othmar Eder, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Daniela Keiser, Marc Latzel, Gustav Mesmer, Rahel Müller, Ursula Palla, Oliver Pietsch, Margrit Roesch, Paul Schlotterbeck, Roman Signer, Bernard Tagwerker, Cécile Wick, Cristina Witzig u.a..
Kunstmuseum Thurgau: 9. Mai bis 19. September
kunstmuseum.ch
1949 wird Gustav Mesmer auf eigenen Wunsch in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Weissenau verlegt, nicht weit weg von seinem Heimatdorf Altshausen. Hier verbringt Mesmer die folgenden 15 Jahre. Er erlernt die Korbflechterei und wird als «geschickter und fleissiger Arbeiter» gelobt.
Er vermisst schmerzlich seine Heimat, sehnt sich nach einer bürgerlichen Existenz. An die Tochter eines Pflegers schickt er rührende Zeilen: «Ob Sie, wertes Fräulein, Lust und Liebe, meine Gattin werden zu wollen?» Was er nicht weiss: Die meisten seiner Briefe werden von der Anstaltsleitung zurückbehalten und man macht sich lustig über den Träumer. Die Ärzte nennen Mesmers Wünsche und Hoffnungen «Beziehungsideen».
Der «Ikarus vom Lautertal»
Doch unverdrossen befasst sich Gustav Mesmer weiter mit seinem Traum vom Fliegen, schreibt aber zunehmend Texte und Abhandlungen, die sich meist mit dem Weltall oder religiösen Fragen beschäftigen. In seiner Akte findet sich 1951 der Vermerk: «(…) Auffallend zeichnerische Begabung».
Gustav Mesmer: «FlugFahrrad mit Schreg».
1966 wird Gustav Mesmer in eine betreuende Einrichtung nach Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb verlegt, weil dort «gerade ein Platz frei war», heisst es in seiner Krankenakte. «Seine Wahnerlebnisse», so der letzte, kalte Eintrag, «kommen lediglich in Briefen oder sonstigen Schreiben zum Vorschein. Sie scheinen an Bedeutung für ihn verloren zu haben.»
In seiner neuen Umgebung wirkt Mesmer anfangs ängstlich und verschlossen. Aber dann beginnt er schnell wieder mit der Korbflechterei und pflanzt seine Weiden am Ufer der nahe gelegenen Lauter. Einmal hat er sogar einen Lehrling, den er aber bald wieder fort schickt. «Der hat ja schon beim Nichtstun geschwitzt.»
Die Heimleitung in Buttenhausen unterstützt den Tüftler und Bastler und weist ihm eine kleine Werkstatt zu. Hier entwickelt Mesmer nicht nur Flugfahrräder, sondern zunehmend auch Schwingenfluggeräte, die durch Muskelkraft der Arme auf und ab bewegt werden können. In einem nahegelegenem Wald baut er sich eine Flugschanze, darunter legt er alte Matratzen und Strohballen: «Wenn`s schief goht», sagt er schmunzelnd.
In der Bevölkerung nennt man ihn bald liebevoll den «Ikarus vom Lautertal». Er gehört dazu, wird zum ersten Mal in seinem Leben vorbehaltlos akzeptiert. Sein Erfindungsgeist kennt keine Grenzen. Aus seiner Buttenhausener Zeit sind viele Skizzen und Zeichnungen erhalten geblieben. Er malt mehrere Bildserien von überwiegend naiv geprägter und faszinierender Schönheit. Erste Ausstellungen in Münsingen, Mannheim, Recklinghausen, Ulm, Lausanne und Wien werden überall begeistert aufgenommen.
Aber den Höhepunkt seiner späten Karriere erlebt Gustav Mesmer 1992. Dort steht eines seiner Flugräder auf der Weltausstellung im spanischen Sevilla als Beitrag der Bundesrepublik zum Thema: «Der Traum vom Fliegen». Mesmer wird zur Ausstellungseröffnung eingeladen, ein Platz im Flieger ist schon für ihn gebucht. Als man ihm aber erklärt, dass Spanien nicht gerade um die Ecke liege und er ein paar Tage ausser Haus sei, sagt er ab: «Da bleib i` liabr` dahoim.»
Der für ihn persönlich wichtigste Tag kommt ein Jahr später. Mitte 1993 kehrt Gustav Mesmer endgültig in seine Heimatgemeinde Altshausen zurück, 64 Jahre nach dem Kirchenvorfall und der Einweisung in die Psychiatrie. In einer grossen Ausstellung wird gezeigt, was der «Ikarus vom Lautertal» in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat. Still sitzt er da und aus seinem Gesicht, in das das Leben so viele Falten gemeisselt hatte, strahlen seine immer wachen Augen. Und was ihn dabei besonders freut: Auf der Ausstellungs-Einladung steht «Gustav Mesmer – Flugradbauer von Altshausen». Weihnachten 1994 stirbt Gustav Mesmer in Buttenhausen.
Seit seinem Tod kümmert sich die Gustav Mesmer-Stiftung um den Nachlass des Erfinders und präsentiert viel beachtete Ausstellungen im In- und Ausland: als nächstes von diesem Sonntag an im Thurgauer Kunstmuseum Ittingen im Rahmen der Ausstellung «Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben» und neben Arbeiten unter anderem von Roman Signer.
Holger Reile, Journalist in Konstanz, hat ein Hörspiel und einen Film über Gustav Mesmer gemacht. Sie sind neben weiteren Publikationen über die Website gustavmesmer.de zu beziehen.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
Seit 25 Jahren zeigt das Museum im Lagerhaus in St.Gallen naive Kunst und art brut. Die Jubiläumsausstellung ist imposant.
Simon Deckert legt mit «Siebenmeilenstiefel» ein märchenhaftes Debüt vor: Es ist ein Entwicklungsroman. Hier meldet sich eine eigenwillige literarische Stimme zu Wort.
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.