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Er hatte ein fliegend‘ Herz

Gustav Mesmer, 1903 in der Nähe von Ravensburg geboren, wurde als junger Mann in die Psychiatrie gesteckt. 35 Jahre lang blieb er interniert – und entdeckte seinen Traum vom Fliegen. In späten Jahren fanden seine gezeichneten und gebauten Flugvelos Anerkennung – jetzt in Ittingen zu sehen. Von Holger Reile
Von  Gastbeitrag
Gustav Mesmer bei einem seiner Flüge. (Bilder: (c) Gustav Mesmer Stiftung)

Ob er denn wirklich einmal geflogen sei mit einem seiner Fluggeräte, wurde er öfter gefragt. Ja, antwortete Gustav Mesmer verschmitzt, einmal habe es ihn fast 50 Meter ins Tal hinunter getragen, aber leider sei niemand dabei gewesen.

1903 wird Gustav Mesmer im oberschwäbischen Altshausen geboren. Mesmers Vater war Verwaltungsfachmann, seine Mutter kümmerte sich um die insgesamt elf Kinder. Das Umfeld ist streng katholisch, die Familie ist seit Generationen in Oberschwaben zu Hause.

Gustav Mesmers Schulausbildung wird durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Er arbeitet auf Bauernhöfen als sogenannter Verdingbub. Die Kriegsjahre sind hart und die Familie kann die vielen Esser nur mit Mühe ernähren. Dann, bei der Arbeit im Kloster Untermarchtal, empfehlen ihm die Schwestern, in einen Orden einzutreten: «Sie gäbten doch so ein schönes Päterchen», sollen sie zu ihm gesagt haben.

Gustav Mesmer befolgt diesen Rat und geht 1922 ins Kloster Beuron. Als Bruder Alexander verbringt er fast sechs Jahre hinter Klostermauern. Doch es gefällt ihm nicht, von einem klösterlichen Leben habe er ganz andere Vorstellungen gehabt, resümiert er: «Da kann nur ein Lebensunerfahrener hereinfallen wie ich.»

«Geistiger Überschwang»

Enttäuscht und deprimiert kehrt Mesmer 1928 wieder nach Altshausen zurück. Seine Eltern sind darüber nicht glücklich, denn eine Klosterlaufbahn gilt in jenen Zeiten noch als etwas Besonderes, bedeutet wirtschaftliche Sicherheit und ist mit gesellschaftlichem Prestige und sozialer Anerkennung verbunden. Zuhause beginnt Mesmer mit einer Schreinerlehre, von seinem Meister erhält er eine gute Beurteilung. Aufgefallen sei aber, so eine Bemerkung, «sein eigenes und stilles Wesen».

Kurz darauf ein tiefer Einschnitt in seinem noch jungen Leben. Wohl noch geprägt von den für ihn ernüchternden Erlebnissen während seiner Klosterzeit, stört Mesmer eines Sonntags in der evangelischen Kirche in Altshausen die Abendmahlsfeier. Er stürmt in die Kirche und erklärt lauthals, dass hier «nicht das Blut Christi» ausgeteilt werde und sowieso «alles Schwindel» sei. Er wird von aufgebrachten Kirchenbesuchern aus dem Gotteshaus gezerrt und nach Hause gebracht.

Der «Kirchenstürmer» wird zum Tagesgespräch im ansonsten ereignisarmen Gemeindealltag. War der Gustav nicht immer schon ein kauziger Sonderling gewesen? Einer, der, während seine Altersgenossen im Gasthaus die Bierkrüge stemmten, lieber stundenlange Spaziergänge unternahm? Man war sich schnell einig – der Gustav tut nicht gut, der Gustav muss weg.

Knapp zwei Wochen nach seinem «geistigen Überschwang», wie er seine Aktion im Rückblick nannte, wird Mesmer in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Bad Schussenried eingeliefert. Die erste Diagnose ist schnell gestellt: paranoide Schizophrenie.

Gustav Mesmer: «FlugFahrrad mit viel Deck».

Am 10. Oktober 1932 taucht in seiner Krankenakte zum ersten Mal der Hinweis auf: «Hat eine Flugmaschine erfunden, gibt entsprechende Zeichnungen ab.» Angeblich hat er in einer Illustrierten einen Bericht über zwei Erfinder gelesen, die mit einem Fahrrad fliegen wollten. Diese Idee begeistert Mesmer, der Flug durch Muskelkraft treibt seine Fantasie in schwindelnde Höhen. Er konstruiert und bastelt an Flugmodellen, in der Anstalt wird er verlacht: «Erfinder-Allotria», steht in der Krankenakte.

Den Naziterror – Zehntausende werden in den psychiatrischen Anstalten umgebracht – überlebt Gustav Mesmer mit viel Glück. Sein Name taucht auf keiner der Transportlisten auf, die in den sicheren Tod führten, vermutlich deswegen, weil er ein guter Arbeiter war und gebraucht wurde. Während dieser Zeit drängt er auch mehrmals vehement auf seine Entlassung, bleibt aber ungehört.

Die Flugvelos von Gustav Mesmer sind ein Schwerpunkt der Ausstellung «Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben», die am Sonntag im Kunstmuseum Thurgau in Ittingen eröffnet wird. Sie erforscht den Traum vom Fliegen mit Werken von Joëlle Allet, François Burland, Andrea G. Corciulo, Helen Dahm, Danielson/Van Aertryck, Christoph Draeger, Othmar Eder, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Daniela Keiser, Marc Latzel, Gustav Mesmer, Rahel Müller, Ursula Palla, Oliver Pietsch, Margrit Roesch, Paul Schlotterbeck, Roman Signer, Bernard Tagwerker, Cécile Wick, Cristina Witzig u.a..

Kunstmuseum Thurgau: 9. Mai bis 19. September

kunstmuseum.ch

1949 wird Gustav Mesmer auf eigenen Wunsch in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Weissenau verlegt, nicht weit weg von seinem Heimatdorf Altshausen. Hier verbringt Mesmer die folgenden 15 Jahre. Er erlernt die Korbflechterei und wird als «geschickter und fleissiger Arbeiter» gelobt.

Er vermisst schmerzlich seine Heimat, sehnt sich nach einer bürgerlichen Existenz. An die Tochter eines Pflegers schickt er rührende Zeilen: «Ob Sie, wertes Fräulein, Lust und Liebe, meine Gattin werden zu wollen?» Was er nicht weiss: Die meisten seiner Briefe werden von der Anstaltsleitung zurückbehalten und man macht sich lustig über den Träumer. Die Ärzte nennen Mesmers Wünsche und Hoffnungen «Beziehungsideen».

Der «Ikarus vom Lautertal»

Doch unverdrossen befasst sich Gustav Mesmer weiter mit seinem Traum vom Fliegen, schreibt aber zunehmend Texte und Abhandlungen, die sich meist mit dem Weltall oder religiösen Fragen beschäftigen. In seiner Akte findet sich 1951 der Vermerk: «(…) Auffallend zeichnerische Begabung».

Gustav Mesmer: «FlugFahrrad mit Schreg».

1966 wird Gustav Mesmer in eine betreuende Einrichtung nach Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb verlegt, weil dort «gerade ein Platz frei war», heisst es in seiner Krankenakte. «Seine Wahnerlebnisse», so der letzte, kalte Eintrag, «kommen lediglich in Briefen oder sonstigen Schreiben zum Vorschein. Sie scheinen an Bedeutung für ihn verloren zu haben.»

In seiner neuen Umgebung wirkt Mesmer anfangs ängstlich und verschlossen. Aber dann beginnt er schnell wieder mit der Korbflechterei und pflanzt seine Weiden am Ufer der nahe gelegenen Lauter. Einmal hat er sogar einen Lehrling, den er aber bald wieder fort schickt. «Der hat ja schon beim Nichtstun geschwitzt.»

Die Heimleitung in Buttenhausen unterstützt den Tüftler und Bastler und weist ihm eine kleine Werkstatt zu. Hier entwickelt Mesmer nicht nur Flugfahrräder, sondern zunehmend auch Schwingenfluggeräte, die durch Muskelkraft der Arme auf und ab bewegt werden können. In einem nahegelegenem Wald baut er sich eine Flugschanze, darunter legt er alte Matratzen und Strohballen: «Wenn`s schief goht», sagt er schmunzelnd.

In der Bevölkerung nennt man ihn bald liebevoll den «Ikarus vom Lautertal». Er gehört dazu, wird zum ersten Mal in seinem Leben vorbehaltlos akzeptiert. Sein Erfindungsgeist kennt keine Grenzen. Aus seiner Buttenhausener Zeit sind viele Skizzen und Zeichnungen erhalten geblieben. Er malt mehrere Bildserien von überwiegend naiv geprägter und faszinierender Schönheit. Erste Ausstellungen in Münsingen, Mannheim, Recklinghausen, Ulm, Lausanne und Wien werden überall begeistert aufgenommen.

Aber den Höhepunkt seiner späten Karriere erlebt Gustav Mesmer 1992. Dort steht eines seiner Flugräder auf der Weltausstellung im spanischen Sevilla als Beitrag der Bundesrepublik zum Thema: «Der Traum vom Fliegen». Mesmer wird zur Ausstellungseröffnung eingeladen, ein Platz im Flieger ist schon für ihn gebucht. Als man ihm aber erklärt, dass Spanien nicht gerade um die Ecke liege und er ein paar Tage ausser Haus sei, sagt er ab: «Da bleib i` liabr` dahoim.»

Der für ihn persönlich wichtigste Tag kommt ein Jahr später. Mitte 1993 kehrt Gustav Mesmer endgültig in seine Heimatgemeinde Altshausen zurück, 64 Jahre nach dem Kirchenvorfall und der Einweisung in die Psychiatrie. In einer grossen Ausstellung wird gezeigt, was der «Ikarus vom Lautertal» in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat. Still sitzt er da und aus seinem Gesicht, in das das Leben so viele Falten gemeisselt hatte, strahlen seine immer wachen Augen. Und was ihn dabei besonders freut: Auf der Ausstellungs-Einladung steht «Gustav Mesmer – Flugradbauer von Altshausen». Weihnachten 1994 stirbt Gustav Mesmer in Buttenhausen.

Seit seinem Tod kümmert sich die Gustav Mesmer-Stiftung um den Nachlass des Erfinders und präsentiert viel beachtete Ausstellungen im In- und Ausland: als nächstes von diesem Sonntag an im Thurgauer Kunstmuseum Ittingen im Rahmen der Ausstellung «Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben» und neben Arbeiten unter anderem von Roman Signer.

Holger Reile, Journalist in Konstanz, hat ein Hörspiel und einen Film über Gustav Mesmer gemacht. Sie sind neben weiteren Publikationen über die Website gustavmesmer.de zu beziehen.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

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