Claudio Premici erwartet mich am Flughafen von Buenos Aires, März 1978. Eine unerwartete Freude, denn Claudio ist Profifussballer und ich Ethnologie-Student aus Zürich, der während der Fussball-WM in Argentinien Feldforschung betreiben will.
Claudio ist der Freund eines Argentiniers, den ich kurz vor meiner Abreise noch in Zürich kennengelernt habe und der ihn kurzerhand über mein Vorhaben informiert hat. Mittelstürmer bei den Argentinos Juniors, kein Top-Verein wie River Plate oder Boca Juniors, aber immerhin gut etabliert in der ersten argentinischen Liga.
Einen Monat später nimmt er mich mit zu einem Meisterschaftsspiel. Ein Teil der argentinischen Nationalmannschaft ist bereits in einem Trainingscamp zur WM-Vorbereitung, die Meisterschaft wird trotzdem zu Ende gespielt. Claudio ist die Nummer 9, Mittelstürmer, trägt zum 4:1-Sieg seiner Mannschaft über Huracan allerdings keinen Treffer bei. Es ist der kleine 17-jährige Wirbelwind mit der Nummer 10, der den Platz beherrscht und alle 4 Tore der Argentinos Juniors schiesst: Diego Armando Maradona.
Auf der Heimfahrt gesteht mir Claudio neidlos: Das wird ein Weltstar. Cäsar Luis Menotti sowie ganz Buenos Aires wusste vom aufgehenden Stern, hat ihn dann aber knapp und entgegen dem Drängen vieler Fussball-Experten nicht fürs 22er-Kader nachnominiert. Maradona wird trotzdem noch an vier Weltmeisterschaften teilnehmen.
Aus Vereinen wurden Unternehmen
Maradonas Karriere startete durch, als sich der Fussball in einem fundamentalen Wandel befand. Es ist die Kommerzialisierung, die man so auf den Punkt bringen könnte: Aus Vereinen wurden Unternehmen. Ermöglicht vor allem darum, weil sowohl nationale wie internationale Transfer-Restriktionen fielen. Auch in der Schweiz zum Beispiel gab es davor die Regel, dass nicht mehr als zwei Ausländer in einer Profi-Mannschaft stehen durften.
Vor allem der interkontinentale Transfer, derjenige von Südamerika nach Europa, begann dann zu florieren. Etliche Spieler der siegreichen 78er-Mannschaft aus Argentinien wurden nach England geholt.
Maradona war einer der Ersten, den man versucht hat, von einem zum anderen «meistbietenden» Verein zu reichen. Das gelang nicht recht, er blieb sieben Jahre beim «Aussenseiter»-Club Neapel. Sich meistbietend verkaufen zu lassen, hätte auch ganz und gar nicht seinem Naturell entsprochen, er war ein Vereinsmensch, wie wir aus seiner späteren und vorbehaltlosen Treue zu den Boca Juniors wissen.
Auch das Fussballspiel selber änderte sich, 1982 in einer Szene festgehalten, als an der WM in Spanien «Toni» Schumacher den Franzosen Patrick Battiston bewusst und ohne zivil- und strafrechtliche Konsequenzen ausser Gefecht setzte. Er bekam nicht einmal die rote Karte.
Sicher, solch böswillige Attacken gab es auch schon früher und gibt es noch heute, denken wir etwa nur an Real-Spieler Ramos, der Mo Salah vor der WM 2018 gezielt verletzte. Doch damals begann sich das als System zu etablieren, angezettelt und organisiert durch die Trainer selber. Höhepunkt wurde die schlechteste WM aller Zeiten, jene von 1990 in Italien. Beispielhaft hierfür ist Teamchef Franz Beckenbauer, der seiner Mannschaft den Sieg befahl und ihr als einziges Rezept dafür mit auf den Weg gab: Spielt härter! Argentinien machte dabei frischfröhlich mit: Im WM-Final erhielt Gustavo Dezotti die rote Karte, nachdem er fünf Minuten vorher eingewechselt worden war.
Opfer seiner Zeit
Maradona wurde in diesem Sinne selber immer wieder Opfer seiner Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich in dem damals herrschenden Klima und Umfeld wohl gefühlt hat. Er wollte spielen und nicht kämpfen. In den Bild-Aufzeichnungen werden darum zurecht diese spielerischen Momente von ihm gezeigt: das Jonglieren vor dem Spiel und sein 2:0 gegen England 1986 in Mexiko etwa.
Wer weiss, vielleicht wird nach der längst überfälligen FIFA-Zwangsschliessung und dem anschliessenden Öffnen der Archive ein weiteres Rätsel der Fussball-Geschichte gelüftet: Wieso wurde Maradona ausgerechnet zu dem Zeitpunkt des Dopings überführt, nachdem er kurz zuvor Italien aus dessen eigener WM geschossen hatte? Und wieso blieb er der einzige Fall?
Zur «Hand Gottes» bleibt mir nur Folgendes zu sagen: Zum einen, es war verdammt geschickt gemacht und zum anderen war es eine geniale Antwort auf die Tendenz, aus dem Fussball mehr zu machen, als er ist, nämlich aus einem Spiel eine Religion! Und die ebenso geniale Reflexion darüber, was er als einziger Fussballspieler jemals für eine Stadt bedeutete: ein Heiliger zu sein.
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