, 7. August 2015
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Erinnerung an die Greuel

Der St.Galler Regisseur Milo Rau zeigt am Zürcher Theaterspektakel Teil zwei seiner Europa-Trilogie: The Dark Ages erzählt vom Jugoslawienkrieg. Am Donnerstag war Premiere.

Es ist die reine Idylle am Zürichsee: Gartenbeizen, Gaukler und Breakdancer, Badende zu Hauf an diesem heissen Sommerabend. Ein Traumstart fürs 36. Zürcher Theaterspektakel. Doch ein paar Tausend Kilometer entfernt ertrinken Flüchtlinge im Meer oder gibt es Krieg statt Waffenstillstand zwischen Türken und Kurden – daran erinnert das Spektakel-Leitungsteam zur Begrüssung auf der Landiwiese. Und hofft auf die Kunst als Garant offener Grenzen und Köpfe.

36. ZŸrcher Theater Spektakel 2015 6. bis 23. August 2915

Sudbin Musić (unten rechts) erzählt, daneben Manfred Zapatka, Sonja Mitrović und Valery Tscheplanowa.

Jugendzeit im Jugoslawienkrieg

Um «finstere Zeiten» geht es gleich danach auch in der Werft. The Dark Ages nennt Milo Rau sein neues Stück, die Fortschreibung der letztjährigen Spektakelproduktion The Civil Wars.

Wieder erzählen Schauspieler in ihrer Sprache ihre eigene Geschichte, das Setting ist identisch, ein enger unaufgeräumter Raum, halb Büro und halb Stube, eine Livekamera projiziert das Gesicht der oder des Redenden in Grossaufnahme schwarz-weiss auf die Wand darüber. Keine Aktion, keine Interaktion auch zwischen den fünf Spielern – was man zu hören bekommt, ist dramatisch genug.

Vedrana Seksan hat als Jugendliche die Belagerung Sarajevos 1992-1996 durchgemacht, hat gelernt, dass Schuhe mit Gummisohlen das beste Brennmaterial sind, wenn man friert, und hat das Massaker auf dem Markale-Platz mit Glück überlebt: Dantes Inferno, sagt sie.

Sanja Mitrović, die Serbin, war Augenzeugin der Nato-Bomben auf Belgrad und gehörte zur Generation, die den Krieg illusionslos als Party durchlebte.

Vom Grauen in allen Details berichtet Sudbin Musić. Der Bosnier entkam dem Massenmord von Tomasica als Jugendlicher nur mit Glück, sein Vater wird erschossen, in der Sana treiben die Leichen seiner Nachbarn, er und sein Bruder kommen nach einer Odyssee durch serbische KZs schliesslich in den Westen. Der Mann mit dem sprechenden Namen (sudbina heisst «Schicksal») arbeitet heute als Menschenrechtsaktivist und Journalist.

Den Horizont über den Bosnienkrieg hinaus erweitern zwei Schauspieler vom Münchner Residenztheater: Valery Tscheplanowa, die als Jugendliche aus dem russischen Kasan nach Deutschland kam, und Manfred Zapatka, der als Kleinkind Krieg und Nachkrieg in Bremen erlebt hat. Ihre Erzählungen sind privater und schliessen sich nur vage an die Hauptgeschichte an: Europas Wunde Jugoslawien.

36. ZŸrcher Theater Spektakel 2015 6. bis 23. August 2915

Vedrana Seksan (links), Überlebende der Belagerung von Sarajevo.

Der Krieg als Naturereignis

Es ist die Grosstat des Stücks, an diese Wunde zu erinnern mit aller Detailbesessenheit, die Milo Raus Arbeiten stets auszeichnet. Doch es bleiben fragwürdige Aspekte. Zum einen fehlt jede historische Einordnung. Die Titel der fünf Akte greifen zwar hoch: «Die Lebenden und die Toten», «Die dunklen Jahre» oder «Versuch über das Böse». Ausser einer ungefähren Chronologie ergibt sich jedoch keine innere Entwicklung oder politische Situierung; die Kinder- oder Jugendperspektive der Erzählerinnen und Erzähler macht den Krieg quasi zum Naturereignis.

Das trägt, zum zweiten, die Gefahr der Heroisierung oder Idealisierung in sich. Sanja Mitrović erzählt von der Kindheitsschwärmerei für die zu Tito-Zeiten legendäre Partisanin Sonja Marinković und von ihrer Mädchengang, der «Cetvjorka» (Viererbande); später in Belgrad erlebte sie «während der Nato-Bombardements die beste Zeit meines Lebens». Vedrana Seksan beschreibt die bizarre Belagerungssituation in Sarajevo so farbig, wie Sudbin Musić lächelnd die Tragödie seines Dorfes schildert. Es sind Schauspieler (oder, wie Musić, Medienprofis), also erzählen sie ihre Geschichte so gut, wie es nur Profis können – so traumatisch sie sein mag.

«He, das hier ist nicht Bühne»: Der Satz, den Manfred Zapatka von seinem Bruder hören musste im Streit um die familiäre Erbschaft – der Satz trifft den Nagel auf den Kopf. The Dark Ages bleibt bei aller Authentizität Bühne, bleibt ein Stück Theater, das dem Grauen ein Gesicht und eine Biographie, aber auch eine Faszination verleiht.

Einmal schlüpft Musić dann wirklich ins Theaterwams und rezitiert Hamlet: «Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel an Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten!» Da vibriert die Ironie genauso wie im Original von Shakespeare – der «verpestete Haufen von Dünsten» sind, hier im Jugoslawienkonflikt wie dort im Staate Dänemark, Machtgier und Nationalismus.

Weltmeister im Leichen-Identifizieren

Unter dieser Oberfläche erzählt The Dark Ages erneut, wie schon Teil eins der Trilogie, Vatergeschichten. Diesmal sind es Geschichten von Vätern, die auf je skurrile Weise über ihren Tod hinaus wirksam bleiben wie der Geist von Hamlets Vater. Bei Manfred Zapatka sät der Vater mit Erbteilungs- und Testamentsregelungen posthum Zwietracht. Sudbin Musić gräbt als Menschenrechtsaktivist Jahre später den Schädel seines Vaters hervor und stellt sarkastisch fest: «Wir Bosnier sind Weltmeister im Identifizieren von Leichen.» Bei Valery Tscheplanowa ist es ihr Theater-Übervater Dimiter Gotscheff, der in einer Videoaufnahme über seinen Krebstod hinaus lebendig bleibt. Und am Ende des Stücks winkt ihr leiblicher Vater ebenfalls im Video dem Publikum zu.

Es ist der versöhnliche Schluss eines trotz Fragezeichen fraglos lohnenden Abends – der neben den allgegenwärtigen Vätern für einmal auch starke Frauengeschichten erzählt, allen voran jene der standfesten Mutter von Vedrana im belagerten Sarajevo. Rau hat seinen Schauspielern gut zugehört und eine Theaterform entwickelt, in der das Publikum seinerseits hoch konzentriert dabei ist. Das ist viel in einer Zeit, wo alle reden und niemand hinhört.

 

The Dark Ages: Freitag, 7. bis Sonntag, 9. August, jeweils 19 Uhr

Bilder: Theaterspektakel/Christian Altorfer

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