«Als Tänzer liebte ich den Pas de deux, den Tanz zu zweit. Dieses Austarieren: für ein Gegenüber da zu sein und gleichzeitig auf sich selbst konzentriert; nicht nur ein guter Partner zu sein, sondern zu führen oder gar zu dominieren und sich dann wieder führen und überzeugen zu lassen. Diesen Dialog: Wann muss man Stütze sein, wann hat der andere selbst auf den Beinen zu stehen. Dieses Ineinander-Hinein-Horchen, ohne sich selbst aufzugeben.»
Das war die Antwort von Martin Schläpfer auf die Frage «Was tun Sie am liebsten gemeinsam?», gestellt an der diesjährigen Kulturlandsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden. Eigensinn und Gemeinsinn war das Doppel-Thema der Veranstaltung, Martin Schläpfer war der Sonntagsredner, und statt einer Rede gab es ein Gespräch. In diesem (nachzulesen im Magazin Obacht) fielen weitere charakteristische Schläpfer-Sätze wie: «Gemeinsam heisst ja nicht, dass wir ähnlich sind, sondern dass wir zusammenkommen in gewissen Bereichen und für Ähnliches einstehen. Und gleichzeitig in aller unserer Individualität, ob politisch oder was auch immer, unsere Wege gehen können.»
«Ich werde alles tun, um den Künstlern und Künstlerinnen zu vermitteln, dass ich mit ihnen etwas bauen will, dass es eine Glut haben muss, dass es sonst nicht legitim ist, weil es irgendwie in sich selber erlischt. Das, was hier passiert in Theatern, ist natürlich nicht unabhängig von der Gesellschaft, die auch immer mehr alles einrahmt. Alles ist Sicherheit, es braucht immer einen Schuldigen. Der Nationalismus, das Religiöse, wir leben in einer furchtbar konservativen Zeit.»
Martin Schläpfer auf tanz.at zu seiner künftigen Arbeit in Wien
Körper, Psyche und Musik
Auf seine choreografische Arbeit bezogen, sagte Schläpfer im Zeughaus Teufen unter anderem: «Ich brauche keine Mittel, nichts Theatrales, nichts Performatives, nur den Körper, die Seele, oder eher die Psyche und die Musik.» Mit dieser sowohl asketischen als auch menschenfreundlichen Grundhaltung hat Martin Schläpfer über drei Jahrzehnte hinweg eine imposante Karriere gemacht.
1994 wird er Ballettdirektor am Stadttheater Bern, 1999 bis 2009 leitet er das Ballett Mainz, von dort wird er an die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg berufen. Seine Arbeit mit einer Kompagnie von gegen 50 Tänzerinnen und Tänzern wird vielfach ausgezeichnet. Auf die Spielzeit 2020/21wird Schläpfer die Leitung des Wiener Staatsballetts mit mehreren Ensembles übernehmen. Solche grossen Verbände seien «schwieriger zu durchtränken – menschlich wie künstlerisch, intellektuell wie emotional», sagte Schläpfer dazu an der Kulturlandsgemeinde: eine Herausforderung, die er jedoch gerne annehme.
Aufgewachsen ist Martin Schläpfer in Altstätten, die Grosseltern betrieben einen Bauernhof in Rehetobel. Mit 15 Jahren wurde er von der St.Galler Ballettleiterin Marianne Fuchs entdeckt und zur Tanzausbildung animiert. 1977 gewann er als bester Tänzer den Prix de Lausanne und ein Stipendium für die Royal Ballet School in London. 1978 bis 1983 war er Solotänzer am Stadttheater Basel bei Heinz Spoerli, 1983/84 erster Solotänzer am Royal Winnipeg Ballet in Kanada, danach erneut bis 1989 am Stadttheater Basel. Dann wechselte er vom Tänzer zum Choreografen und gründete 1990 die eigene Ballettschule «Dance Place» in Basel, die er bis 1994 leitete.
«Radikal und nah am Menschen»
In ihrer Preisbegründung schreibt die St.Gallische Kulturstiftung: «Martin Schläpfer gilt als einer der bedeutendsten Ballettchoreografen der Gegenwart, ein Erneuerer mit Bodenhaftung, radikal, kompromisslos und dennoch nah am Menschen.» Tanz sei für ihn eine Sprache, die den heutigen Herausforderungen entgegentrete. «Der klassische Tänzer von heute muss wissen, was in der Welt geschieht», wird Schläpfer in der Mitteilung zitiert.
Sie hebt zudem die Konstanz in der Arbeit mit seinen Ensembles hervor: «Einzelne seiner Tänzerinnen und Tänzer sind seit über 20 Jahre mit ihm unterwegs. Reife und Selbstbestimmung, auch Zögern, Verunsicherung, Zerrissenheit sind ein wesentlicher Teil seiner und ihrer Sprache auf der Bühne.»
Preisverleihung: 2. November, 19 Uhr, Lokremise St.Gallen
Tanz live zur Preisverleihung
Den Preis erhält Schläpfer am 2. Dezember in der Lokremise St.Gallen. Dabei erfülle sich ein lang gehegter Wunsch sowohl des Preisträgers selber wie auch des Publikums: Schläpfers Arbeit live mit Tänzerinnen des Ballets am Rhein erleben zu können. Marlúcia do Amaral tanzt Ramifications von György Ligeti, kreiert von Martin Schläpfer. Und Yuko Kato und Marcos Menha tanzen eine Bearbeitung von Schubert-Walzern.
Der Grosse St. Galler Kulturpreis wird alle drei Jahre verliehen. Die letzten Preisträger waren der Soziologe Peter Gross (2016), die Künstlerin Manon (2013), Clown Pic (2010), die Videokünstlerin Pipilotti Rist (2007) und der Aktionskünstler Roman Signer (2004). Der Preis ist mit 30’000 Franken dotiert.
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(Bild: Max Brunnert)
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