«Das Ende der Unterwürfigkeit» heisst eines seiner Objekte. Drei alte handgeschmiedete Nägel sind auf ein Holzbrett montiert, der linke stark, der mittlere weniger gekrümmt, der rechte stolz aufrecht stehend. Es ist eines der vielen aus «objets trouvés» montierten Multiples von Ernst Bonda. Sie sind heiter und hintersinnig zugleich. Und ihre Titel passen zum beweglichen Denken des Künstlers – «Aufbruch», «Treibgut», «Paarbeziehungen» oder eben: «Das Ende der Unterwürfigkeit».
Pionier der Umweltbewegung
Die Objekte aus Abfallmaterialien führen noch in einem anderen Sinn auf den Kern des Denkens und Handelns von Ernst Bonda hin. 1923 in Bern geboren und in St.Gallen aufgewachsen, hatte er nach mehr als drei Jahrzehnten als Textilkaufmann 1969 seinen Beruf an den Nagel gehängt, absolvierte ein Studium an der Kunstgewerbeschule Zürich, war seit 1971 als freier Gestalter tätig und wurde als Erfinder und Entwickler des Umweltschutzpapiers weitherum bekannt.
«Der Lauf der Rohstoffe in der industriellen Gesellschaft beschränkt sich auf Produktion – Konsum – Abfall und hat damit linearen Charakter», sagte Bonda 1998 im Gespräch mit Elisabeth Keller (im Vorwort zum Buch Bildersprache – Sprachbilder). «Eine Linie lässt sich in unserer begrenzten Welt nicht beliebig weiterführen, so wenig wie quantitatives Wachstum. Wir sind längst an dem Punkt angelangt, wo sich die Linie als Spirale fortsetzen muss und sich das lineare Denken mit dem Kreislaufdenken zu verbinden hat.»
Darum Wiederverwertung – des Papiers als Rohstoff, aber auch der unzähligen vermeintlich nutzlos gewordenen Dinge, denen Bonda in seiner Kunst zu neuer Würde verholfen hat. Darunter waren auch aussortierte Bücher, die er aus einem Antiquariat rettete und zu fantastischen «Buchobjekten» verwandelte.
Das Leben als Verwandlungskunst – diese Einsicht fängt ein Gedicht von Ernst Bonda so ein:
Enttäuschte Hoffnungen immer wieder die Suche doch endlich das Ziel geändert
Recycling war für Bonda eine zentrale Art der Ziel-Änderung: Wiederverwertung statt Vergeudung von Ressourcen. Statt von Abfall solle man lieber von «Rohstoffen am falschen Ort» sprechen, schrieb er in seiner erstmals 1978 erschienenen Broschüre «Papier selber von Hand schöpfen». Darin war es, aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, noch nötig, erstmal den Begriff des Recyclings überhaupt zu erklären und dessen Methoden zu erläutern. Weitsichtig schrieb Bonda aber schon damals: «Den wachsenden Problemen werden wir mit Verhaltensänderungen und Alternativen zu begegnen haben. Dies umso mehr, als ein grosser Teil der Menschen Mangel leidet, die Weltbevölkerung stark zunimmt, die Erde und ihre Rohstoffe jedoch begrenzt sind.»
Nicht minder prophetisch klingt Bondas Einschränkung, Recycling sei nur sinnvoll, «wenn es nicht wie ein Narr am Hofe der Verschwendung als Alibi missbraucht wird». Er selber setzte sich dann auch tatkräftig dafür ein, dass es nicht bei Alibi-Übungen bleiben sollte. Und dank ihm wurde St.Gallen zum Papier-Pionier: Bonda gelang es, den damaligen Stadtrat Werner Pillmeier zu überzeugen, vorerst von der Idee des städtisch organisierten Papiersammelns. Der «Modellfall St.Gallen» wurde lanciert, 1972 standen die ersten geschnürten Papierbündel am Strassenrand, nachdem die Bevölkerung eingehend instruiert worden war.
Um die rasch anwachsende Papiermenge weiterzuverwerten, gewann Bonda die Papierfabriken Stoecklin und Laager für die Produktion des «Original Umweltschutzpapiers». Erstmals verwendet wurde es für den Druck von städtischen Stimmzetteln, 1975 zog die Eidgenossenschaft nach. Und Bonda, dem Unermüdlichen, gelang es, immer mehr Gemeinden und private Unternehmen für den Umstieg auf Recycling-Papier zu gewinnen.
Zurück zur Einfachheit
Bondas Haltung könnte als ökologischer Konservativismus umschrieben werden – dies in einem positiven Sinn. Die Erhaltung der Natur und der «elementaren Lebensgrundlagen», wie es in der Papierbroschüre heisst, war sein zentrales Anliegen. Seine Fortschrittsskepsis bezog sich dabei weniger auf technologische Innovationen, denen er gerade in Sachen Recycling aufgeschlossen gegenüberstand, als vielmehr auf die mangelnde Rücksicht gegenüber der Schöpfung. Und auf den drohenden Verlust von direkter Kommunikation und zwischenmenschlichem Austausch. Davon spricht, so kurz wie bildhaft, ein anderes Gedicht:
Handys träumen von Handschriften von aufgeküssten Briefmarken
Je älter er wurde, desto mehr zog es ihn zum Einfachen: zu den 17 Silben des Haiku, seiner bevorzugten Gedichtform, oder zu den geometrischen Grundformen, Dreieck, Rechteck, Kreis, deren Variationen er in der «Heimspiel»-Ausstellung 2015 in der St.Galler Kunsthalle zeigte – mit 92 Jahren damals weitaus der älteste Teilnehmer der jurierten Schau, wie schon drei Jahre zuvor. «Mich beschäftigt das Einfache in einer Welt, in der es immer mehr Aufruhr und Glanz gibt», sagte er damals im «Tagblatt»-Interview.
Und im selben Gespräch meinte Ernst Bonda auf die Frage, was seine nächsten Ziele seien: «Leben!»
2015, beim «Heimspiel», stand er noch einmal im Scheinwerferlicht. Dann machten ihm mehrere Schlaganfälle zu schaffen. «Nach dem ersten der Schlaganfälle», erzählt seine Frau Steffi Bornard Bonda, «lebte er im Parterre, der Aufstieg in den ersten Stock, zum Atelier mit der anregenden Fülle von Arbeitsmaterialien und Gerätschaften war ihm nicht mehr möglich.» Er habe sein Atelier mit der klaren Aussage hinter sich lassen können: «Das brauche ich nun nicht mehr. Das ist fertig für mich. Das ist gut so.»
Ernst Bonda vor einigen seiner «Objets trouvés». (Bilder: Familienarchiv)
Seine Beeinträchtigung und die damit verbundenen Einschränkungen habe er auf bewundernswerte Art angenommen und klaglos getragen. «Glücklicherweise ist ihm das Wort, die Sprache, die Liebe zum Haiku bis weit ins seine letzten Tage geblieben. Das Wort besass für ihn eine starke Kraft, war ihm Lebenselixier», sagt Steffi Bonda.
Am 25. Februar ist Ernst Bonda im 97. Altersjahr gestorben. Auf seiner Todesanzeige steht ein Gedicht des Japaners Nakamura Sonoko:
Sollte ich nicht zurückkommen werden auf meinen leeren Sitz die Kirschenblüten fallen
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