, 4. November 2015
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«Es fehlt an Wagemut»

Rebecca C. Schnyder zu ihrem Auftragswerk «Erstickte Träume» am Theater St.Gallen und zum Trauma der Stickereikrise.

Rebecca C. Schnyder (Bild: Tine Edel)

Rebecca Schnyder, haben Sie ein persönliches Verhältnis zur Textilgeschichte?

Wir hatten zuhause im ausserrhodischen Wald eine ausrangierte Stickmaschine. Sie und der Webkeller waren immer präsent. So sehr, dass ich ursprünglich meine Maturaarbeit über das Thema schreiben wollte. Stattdessen habe ich damals ein Theaterstück geschrieben.

Wie kann man aus einem komplexen historischen Stoff Theater machen?

Eine Möglichkeit ist, die Thematik an wenigen Figuren festzumachen, ihnen stellvertretend vieles anzulasten. In meinem Stück muss unter anderem Isaak Gröbli, der Erfinder der Schifflistickmaschine, dafür herhalten. Was der historischen Figur nicht unbedingt gerecht wird. Ich hoffe, das wird mir nachgesehen. Auch Joseph Gröbli, sein Sohn, ist historisch verbürgt, aber kaum bekannt, dabei hat er den Stickautomaten erfunden. Und schliesslich Madame, die aus Paris kommt und Ansprüche an St.Gallen stellt: Die Figur geht zumindest auf eine Legende zurück. Sie besagt, St.Galler Textilherren hätten das Sticken auf einer Messe in Lyon von Türkinnen abgeschaut.

Diese Madame wirkt wie eine Anspielung auf Dürrenmatts Besuch der Alten Dame im fiktiven Dorf Güllen.

Das liegt nahe, war aber nicht beabsichtigt. Das Thema hat sich als Stichwort angeboten, denn die direkte Zugverbindung St.Gallen-Paris: Das ist auch einer der «erstickten Träume». Es wird viel Schaum geschlagen um die historische Grösse St.Gallens. Sie wird heute bedeutsamer geredet als damals.

Gibt das Stück Antwort auf die Frage, wer an der Stickereikrise vor 100 Jahren schuld war?

Es geht weniger um Schuld als um die Frage: Was hat die Krise in den Leuten ausgelöst und wie wirkt sie heute nach? Aktuelle Untersuchungen sagen, dass gewiss der Weltkrieg viel beitrug, aber daneben haben viele Faktoren mitgespielt, auch selbst verantwortete. Etwa, dass keine Preisabsprachen gemacht worden sind, und andere «wirtschaftsstrategische Defizite», wie es im Stück heisst. Man war sich zu sicher.

Der Krieg wird aber «leibhaftig» an den Pranger gestellt im Stück.

Ja, das Tribunal der St.Galler Textilherren verurteilt den Krieg jedes Jahr, um damit die Schuld von sich wegschieben zu können. Es ist ein wiederkehrendes Ritual. Wenn es darum geht, einen solchen Stoff für das Theater brauchbar zu machen, kann auch der Krieg zu einer Figur werden. Mit solchen Allegorien zu arbeiten, hat sich für mich angeboten.

Verharmlost das nicht, wenn man den Krieg zur beinah bemitleidenswerten Figur macht?

In einem Stück zum Weltkrieg würde ich es nicht tun – hier schien es mir aber möglich. Im Zentrum steht jedoch etwas anderes: die These, dass als Folge dieses Untergangs heute noch die Schatten der Angst spürbar sind. Es heisst einmal: «Die Stadt ist zum Stillstand gekommen.» Das gilt damals wie heute. Im Stück steht dafür der Alex Alder. Er will die Textilfirma seines Vaters übernehmen, etwas Neues wagen, und entdeckt im Jenseits, in der Vergangenheit eine Erklärung für die Hindernisse, gegen die er dabei anrennt.

Das ist die Diagnose: Es fehlt an Wagemut?

Ja – nicht ausschliesslich, aber auch. Die Krise schwebt als Wolke über der Stadt. Als Angst, es könnte wieder etwas schiefgehen. Und als verletzter Stolz. Ich würde mir in St.Gallen manchmal mehr Mut wünschen.

Wozu?

Zu Neuem. Zu Visionärem. Was das sein könnte? Ein Literaturhaus zum Beispiel. Und wenn man schon die Hauptpost hat, warum nur als Provisorium? Warum halbbatzig? Immer ist die Angst da. Neugestaltung Marktplatz: Da könnte am Ende etwas anders werden, jesses Gott … Reithalle: uiuiui, weiss nicht … In verschiedensten Bereichen ist das so. Grosse Würfe haben es schwer in St.Gallen.

Das Theater St.Gallen wagt jetzt immerhin diese Uraufführung. Das ist doch eine Tat.

Das freut mich natürlich auch, umso mehr, als ich diese Stadt liebe – trotz allem und immer wieder. Mutig ist vielleicht schon, dass das Theater sich auf ein Stück und Thema einlässt, das nicht unbedingt gefällig ist.

Die Textilbarone kommen jedenfalls schlecht weg.

Die Kritik an den Stickereibaronen im Stück gilt in erster Linie den sozialen Ungerechtigkeiten, die damals geherrscht haben. Die Bedingungen in den Fabriken und vor allem in der Heimarbeit waren absolut ausbeuterisch. Die heutigen Textilunternehmer zu beurteilen masse ich mir hingegen nicht an.

Im Stück bricht schliesslich die Revolution aus.

Nur beinahe. Sie wird zwar proklamiert, aber wirklich passieren tut nichts. Auch das ist St.Gallen: Man klagt, es sei nichts los. Aber wer bewegt denn? Wer sagt: Gut, dann mache ich es? Die «heutige Generation» meldet sich zu Wort, heisst es einmal im Stück. Es ist meine Generation. Wir rufen aus. Aber wir machen nicht viel.

Ebenso taucht die Forderung auf, die Mauern niederzureissen. Das hörte man schon in den 70ern. Ist das nicht Revolutionsromantik?

Ja, nachher passiert nichts – insofern ist das ein Stück weit Revolutionsromantik. Doch das Bild passt für St.Gallen. Wer zum ersten Mal in diese Stadt kommt, wird beinah erschlagen von Gebäuden und der einstigen Bedeutung, die sie repräsentieren. Aber es sind nur noch Mauern. Sie abzureissen, hiesse Platz für die Zukunft zu machen.

Wie hat das Theater auf Ihr Stück reagiert?

Das müsste das Theater selber beantworten. Jedenfalls wird es aufgeführt. Das Regieteam verändert es auch. Das ist das Los des Theaterautors, dass ein Text Verhandlungsmasse ist, sobald man ihn abgegeben hat. Im deutschsprachigen Raum ist es Standard, dass bis zu einem Drittel des Textes verändert werden darf. Ich finde es immer wieder eine Herausforderung, das anzunehmen. Aber das ist das Berufsrisiko. On verra. An der Premiere.

 

Premiere ist am 6. November um 20 Uhr in der Lokremise.
Weitere Vorstellungen: theatersg.ch

Rebecca C. Schnyder, 1986, ist Autorin von Theaterstücken, Gedichten und Prosa. Ihr erster Roman erscheint im nächsten Frühling. Für das Theater Konstanz schreibt sie ebenfalls ein Auftragsstück, Premiere ist im Mai 2016 auf dem Säntis.

Dieser Text erschien im November-Heft von Saiten.

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