, 19. Januar 2014
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Es geht um Haltung

Der deutsche Konzertagent Berthold Seliger hat eine Abrechnung mit den Monopolen des popmusikalischen Kommerz geschrieben. Von Chrigel Fisch.

Wussten Sie, was der Direktor der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft Suisa verdient? 357’000 Franken im Jahr. Und der Chef der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris (Wort, Literatur, Kunst)? 308’000 Franken. So steht es in Berthold Seligers Buch auf Seite 226. Die beiden Zahlen sind gefühlt etwa ein Zehntausendstel aller Zahlen, die Seliger in seinem Buch Das Geschäft mit der Musik präsentiert. Es sind Zahlen, die selbst dem strahlendsten Optimisten und Verfechter des (Live-)Musikgeschäfts das nackte Grauen übern Buckel schicken.

seeligerDoch keine Angst: Berthold Seliger ist kein paragraphentrockener Jurist, kein aktenbleicher EU-Beamter und kein endzeitbeschwörender Wutbürger. Sondern ein aufrichtiger Anwalt und leidenschaftlicher Arbeiter der (pop)musikalischen Kunst und ihrer Künstler. Seit über 25 Jahren. Nun gibt es seinen Scharfsinn und sein Insiderwissen in Buchform. Und live in St.Gallen.

White Stripes als Abkupferer

Das Buch geht bereits in die zweite Auflage und liest sich streckenweise wie ein Krimi. Es ist randvoll mit Anekdoten aus der Musikhistorie, aus Literatur, Politik, Ethik, Musikjournalismus und Philosophie. Wussten Sie, wo die White Stripes das weltberühmte Intro zu ihrem Über-Hit Seven Nation Army abgekupfert haben? Nein? Seite 195. Und wussten Sie, wieviel ein Arbeiter in Bangladesch verdient, um die H&M-Shirtkollektion des lieben deutschen Panda-Rappers Cro herzustellen? Es sind 1.18 Euro. Pro Tag.

Nebenbei lernt man in Seligers Buch – falls man es nicht schon wusste –, dass Coca-Cola schon als Limonadelieferant der Hitlerjugend und Sponsor der Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgetreten war und mit Coca-Cola Soundwave oder MyCokeMusic noch heute mit Musik sein Image jung hält.

«Es ist alles wie immer, nur schlimmer», schreibt Seliger. Das Geschäft mit der Musik ist ein dickes. Aber eben nicht für diejenigen, die für die Inhalte sorgen (Songwriter, Komponisten, Bands), sondern für die internationalen Konzerne und ihre CEOs, die diese Musik vermarkten. Ob als Tonträger, Download, Stream, Werbedeal oder Konzertticket ist dabei nicht mal die grosse Frage.

Seit der USKonzern Live Nation ab 2005 das Konzept des 360-Grad- Deals durchzusetzen begann, beherrscht diese Geschäftsidee das Musikbusiness von A–Z: vom Album, Plattenlabel, Musikverlag und Management über die Tournee, Merchandising, Sponsoring, Rechte bis zur Kontrolle von Konzerthallen und Stadien samt aller Softdrinks, die dort ausgeschenkt werden dürfen (Coca-Cola natürlich; exklusiver Partner an allen Live Nation-US-Konzerten).

Wenn Seliger in seinem Buch auflistet, dass der Live Nation-Konzern seit seiner Gründung in keinem Jahr schwarze Zahlen geschrieben hat, bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Denn: Der Musiker zahlt Steuern, die Plattenfirma zahlt Steuern, der Konzertveranstalter zahlt Steuern und so weiter – aber Live Nation (Verlust 2012: 163 Millionen Dollar) zahlt keine Steuern. Es braucht nicht viel Phantasie, um zu erahnen, dass da sehr viele kluge Anwälte und Finanzcracks ihre Finger im Spiel haben.

Gegen Monopole

Seligers Lieblingsfeind – und nicht nur seiner – ist neben Live Nation und dem Ticketanbieter CTS Eventim die deutsche Urheberrechtsgesellschaft GEMA – ein Verein, 1933 auf Geheiss von Herrn Goebbels als STAGMA gegründet und 1947 vom Alliierten Kontrollrat umbenannt – mit einem Jahresumsatz 2012 von umgerechnet über 1 Milliarde Franken. Der GEMA-Vorstandsvorsitzende verdient 484’000 Euro im Jahr.

Natürlich steht die GEMA als Monopol-Gebühreneintreiberin vehement für das (im Internetzeitalter längst veraltete) Urheberrecht und die hohen Gebühren ein – nicht, weil sie «ihre» Künstler schützen will. Nein, «die GEMA», so Seliger, «ist ein Instrument, um Musik nach dem Gesetz der Ware zu behandeln», und sie wird «auch weiterhin gegen die Interessen der Verbraucher und der meisten Künstler agieren». Die Lösung? «Eine tiefgehende Infragestellung des Copyrights», sagt der Autor. Und macht Vorschläge. Ab Seite 187.

Seliger-Musik.previewSeligers Buch ist nicht nur eine akribische Darstellung des Milliardenbusiness Musik, das immer weniger Grossprofiteure kennt und immer mehr Monopole. Es geht auch um die Frage nach der Kunst, den Künstlern, die sich gegen die totale Vermarktung und gegen die «Kultur der Konzerne» entscheiden. Beispiele nennt Seliger genug, etwa Tom Waits, der seine Musik niemals für eine Werbekampagne hingeben würde: «Ich habe nur Hass für diejenigen, die sowas machen.» Oder Pearl Jam und Fugazi, die schon in den Neunzigerjahren dem Quasi-Monopol des US-Ticketanbieters Ticketmaster mit kreativen Ideen und harten Verhandlungen die Stirne boten.

Das wahre Konzertwesen

Für Seliger stehen immer die Kunst und die Künstler im Vordergrund. Und die hat er in den letzten 25 Jahren sehr erfolgreich (nein, keine Millionendeals) und sehr nachhaltig betreut, von Townes Van Zandt über Lambchop oder Calexico bis Patty Smith, The Residents, Tortoise oder FSK. Seliger nannte das schon 1994, im Booklet zur von ihm veröffentlichten CD Absolutely Live mit Songs vieler seiner Künstler, das «wahre Konzertwesen» – und nicht die Ware Konzertwesen wie heute.

Was einen beim Lesen des Buchs beschleicht, ist neben Unbehagen und düsteren Zukunftsperspektiven auch die Erinnerung an eine Zeit, wo vieles im Kleinen begann: Punk, Gegenkultur, Alternative, Independent, Do-It- Yourself, Anti-Kommerz, Political Correctness – Begriffe, die heute sinnentleert scheinen. Seliger kritisiert die uniformierte Unterhaltungsindustrie, die «Kultur der Konzerne »; Er demaskiert Bands und Musiker, die nicht mehr von der Musik leben, sondern von Werbung für blöde Produkte, die niemand wirklich braucht.

Wozu, könnte man fragen, braucht es dann diese Musiker? Wozu braucht es überhaupt Musik? Und erst noch live? Etwa für grossartige Momente, überwältigende Gefühle, den wahren Sinn des Lebens? Die grosse, ewige Kunst? – Ja, genau dafür.

Und dafür steht Seliger. Es ist ein Wunder, dass er, der seit über zwei Jahrzehnten im Konzertbusiness tätig ist, nicht schon längst verrückt geworden ist ob all dem Kommerzmist der Konkurrenz. Aber die Frage brennt unter vielen Nägeln: Wie überlebt man mit Kreativität und Würde und den Werten der Kunst und der Gegenkultur in dieser komplett durchgestylten und hypermedialen Kommerzlandschaft? Vom Online zurück zum Offline, also in den Club? In den Plattenladen – solange es ihn noch gibt, siehe den vorangehenden Beitrag?

Man wird jedenfalls von der CD Abschied nehmen wie damals von Schellack, Telex und Telegramm. Ohne Wehmut. Dafür mit neuen Ideen. Und Berthold Seliger, der das Konzertwesen und die Musik zu sehr liebt, um es Idioten zu überlassen, sollten wir zuhören. Es geht um Haltung, im Buch und live. Und dann mitreden. Es geht uns alle an.

Lesung mit Berthold Seliger: Dienstag, 21. Januar, 20.15 Uhr Palace St.Gallen
Berthold Seliger: Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht, Edition Tiamat, Berlin 2013. 

1 Kommentar zu Es geht um Haltung

  • Es zeigt eigentlich genau das, was wir Piraten schon immer angeprangert haben.
    Mag ja sein, dass es noch immer Leute gibt, die meinen wir wollen die Kultur verschenken resp. unter fragwürdigen Umständen auf den heimischen Rechner laden. Nein, wir wir wollen sie befreien und zwar genau aus den Fängen dieser Gesellschaften und Vermarkter. Denn was nützt es den Kulturschaffenden, wenn ein Grossteil ihrer erarbeiteten Löhne für Gehälter draufgehen. Dabei schreibt doch die SUISA selber in ihren Statuten „Die SUISA dient den Urhebern und Urheberinnen sowie Verlegern und Verlegerinnen aller
    Länder.“
    Dabei gibt es durchaus auch Alternativen, wie zum Beispiel die C3S https://www.c3s.cc/ die es sich zum Ziel gesetzt den Urhebern werksbasierte Anmeldungen zu ermöglichen und sie bis zu einem gewissen Schwellwert in vollem Umfang zu entschädigen.
    Das ist nichts Neues, das habe ich bereits letzten Frühling hier bei Seiten in meinem Interview gefordert http://www.saiten.ch/frei-und-fair/ Zeit zu handeln oder wie es Berthold Seliger sagt „«Es ist alles wie immer, nur schlimmer. Das Geschäft mit der Musik ist ein dickes. Aber eben nicht für diejenigen, die für die Inhalte sorgen sondern für die internationalen Konzerne und ihre CEOs, die diese Musik vermarkten. Ob als Tonträger, Download, Stream, Werbedeal oder Konzertticket ist dabei nicht mal die grosse Frage.“

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