, 30. November 2015
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Es ist eben nicht «nur» BandX

Am Samstag holte sich der Appenzeller Singer-Songwriter Marius den verdienten Sieg am BandXOst. Wer gewinnt ist aber eh zweitrangig – die Schönheit des BandX liegt darin, wie es die einzelnen Szenen verbindet. von Neil Werndli

Der BandXOst-Gewinner 2015: Marius (Bilder: pd, Noemi Müller)

Man vergisst schnell, wie schwierig es für junge Bands ist, überhaupt an einen ersten Gig zu kommen. Der Schritt aus dem Proberaum erfordert Mut, aber vor allem auch Kontakte zu Leuten, die unerfahrene Musiker überhaupt spielen lassen. Für diese Newcomer ist das BandXOst die perfekte Plattform. Zum zehnten Mal wurde am Samstag in der Grabenhalle der vielversprechendste junge Act der Ostschweiz gekürt.

Soul wie ein Whisky trinkender Nicht-Newcomer

Um gleich zum Punkt zu kommen: Das Rennen machte der Appenzeller Singer-Songwriter Marius. Dabei war sein Auftritt fast unscheinbar: Als erster startete er am Samstagabend ins Finale, war sogar selber überrascht, wie gut die Grabenhalle bereits gefüllt war. «Ich dachte, ich muss vor einem leeren Haus spielen», sagt der Sänger, der rein äusserlich etwas an Marcus Mumford erinnert.

Die Stimme geht aber weit über das Mumford’sche Gejammer hinaus: Marius klingt so überhaupt nicht nach einem Newcomer – in seiner Stimme steckt so viel Soul, dass man ihm mindestens ein halbes Jahrhundert massiven Whiskykonsum attestieren würde. Und das Setup lässt seinem Organ auch reichlich Platz: Typisch Strassenmusiker, steht Marius alleine auf der Bühne, und auch wenn sich die einsame Gitarre zeitweise verstimmt, erntet er tosenden Applaus für den sonst sehr ruhigen Gig. Die Schweissperlen werden belohnt mit dem ersten Platz und somit einer EP-Produktion.

Allein auf der Bühne: Marius

Die beste Show des Abends lieferten ironischerweise aber Elio Ricca. Das Garage-Duo holte sich vergangenes Jahr den Sieg und durfte am Samstag, während sich die Jury zur Beratung zurückzog, ausser Konkurrenz noch einmal rumrotzen. Dass sie dabei alle anderen Acts des Abends unter den Tisch spielten, zeigt nicht zuletzt, dass sich die Förderung von Seiten des BandX gelohnt hat.

Choreographien und kaputte Gitarren

Nicht alle Kandidaten konnten dieses Niveau jedoch halten: Die beiden Rap-Crews Most Definite und Giganto & Mattiu wirkten zwischen den Indie- und Rockbands wie eine Alibi-Übung, um den Sprechgesang nicht ganz auszuschliessen.

Most Definite bauen Jazz-Elemente in ihre Beats ein, was Spass macht, spätestens beim fünften «I say ‹Band›, you say ‹X› – Band – X – Band – X» kippt die Performance jedoch ins Klischee. Da hilft auch die gut gemeinte Tanzeinlage nicht mehr. «Put your hands up in the air»? Nein danke. Lieber nochmals an die Bar, um nicht mitbouncen zu müssen. Aber die Fans – die Sorte Teenager, die man sonst selten in einer Grabenhalle sieht – feiern das Duo.

most definite

You say: Most, we say: Definite!

Einen schmerzhaften Auftritt erlebten Karluk. Der Metal-Band machten technische Probleme einen Strich durch die Rechnung: Die Gitarre verstummt plötzlich und keiner weiss wieso. Dem Sänger ist der Frust anzusehen, als er seine Klampfe über dem Kopf schwingt, kurz darüber nachdenkt, sie zu zertrümmern, dann aber doch vernünftig bleibt.

Schade eigentlich. Mit etwas Zerstörungswut wäre die Band vielleicht noch stärker in Erinnerung geblieben. So war es eine verpasste Chance: «Schlechtester Gig ever – check», sagt der Sänger nach der Show bedrückt. Musikalisch hätten Karluk zum vorderen Drittel gehört.

karluk

Karluk, als die Gitarren noch funktionierten

Musik als verbindendes Element

Andere machten sich vor allem dank der Publikumsinteraktion einen Namen. Als Red Eyes die Bühne betreten, tut sich plötzlich ein riesiges Moshpit in der Grabenhalle auf, und all die Kids mit Lederjacken und Nietengürteln, die den ganzen Abend rumgestanden hatten wie bestellt und nicht abgeholt, drehen plötzlich komplett durch. Die Metal-Szene funktioniert eben unabhängig: Red Eyes hatten wohl eine ganze Horde Fans selbst mitgebracht. Alle anderen versuchten verzweifelt, ihr Bier vor dem Geschubse zu retten.

Genau darum geht es doch beim BandX: Künstler und Fans aus den verschiedensten kulturellen Ecken kommen zusammen, um das zu feiern, was sie alle verbindet: die Liebe zur Musik. Vor der proppenvollen Halle ist alles kunterbunt: Da stehen die Hipster-Kids mit engen Jeans und Club-Mate direkt neben den beiden Punks, die gerade über die jeweiligen Vorzüge von Blut- und Fleischpenis diskutieren, während irgendwo dazwischen die Hip-Hopper Joints drehen.

red_eyes

Auf dem dritten Platz: Red Eyes

delirious mob

Platz zwei: Delirious Mob

marius

Ganz oben: Marius

Auch auf dem Siegertreppchen herrscht Vielfalt: Den brachialen Sound von Red Eyes belohnt das BandXOst mit dem dritten Platz. Das gleiche Resultat hatten die Headbanger bereits letztes Jahr erreicht. Warum man sie nochmals aufs Podest stellt, statt eine neue Band zu pushen? Okay…, aber dann hätten auch Elio Ricca nochmals gewinnen sollen.

Fluch und Segen des BandX-Stempels

Der eigentliche Sieger ist letzten Endes aber unwichtig. Die Delirious Mob Crew, die mit ihrem eigenwilligen Gesang auf dem zweiten Platz gelandet ist, hätte ebenso gewinnen können. Oder Kaufmann: Abgesehen davon, dass der Sänger aussieht wie Harry Styles, klang Mundart selten so schön wie im mehrstimmigen Gesang der Bündner. Immerhin bekommen sie so aber nicht den Stempel «Ach, das sind doch diese BandX-Typen» aufgedrückt.

Ganz ernst genommen wird der Contest nämlich immer noch nicht. Klar, man kann ganz grundsätzlich fragen, ob es Sinn macht, Musik zu vergleichen, aber das ist eine andere Diskussion.

Eigentlich ist es doch traurig, eine mittelmässige Performance mit den Worten «ist doch nur BandX» zu rechtfertigen. Auch der Nachwuchs hat es verdient, ernstgenommen zu werden. Schliesslich hat so gut wie jeder Ostschweizer Musiker in seinen Zwanzigern irgendwann mal am BandX teilgenommen. Und dass daraus wertvolle Exporte hervorgehen können, bewiesen vergangenes Jahr Elio Ricca, ebenso wie zuvor bereits Dachs oder Royal Riot. Und Marius wird es hoffentlich auch allen zeigen.

 

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