, 27. Januar 2021
keine Kommentare

«Es muss weitergehen»

Rubel U. Vetsch macht Promotion und stellt Events auf die Beine. Und dies «8 days a week» – das ist auch in normalen Zeiten keine Goldgrube.

Rubel Vetsch im Lagerraum von 8 days a week. (Bilder: Hannes Thalmann)

«Ich bin so etwas wie die Drehscheibe zwischen Veranstalter, Technik, Darstellenden und dem Publikum.» Ein Job, der dann perfekt erfüllt ist, wenn das Publikum nichts davon merkt. Rubel U. Vetsch ist unter anderem Produktionsleiter der Bühne von Musig uf de Gass, ist am Openair St.Gallen für die Plaza Stage verantwortlich, hat diesen Sommer in der St.Galler Lokremise die Openair-Produktion des Cirque de Loin produktionstechnisch vor Ort betreut, zieht an der jährlichen Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde oder für die Kulturbühne am St.Galler Begegnungstag im Hintergrund die Fäden.

«Stage Manager»: Das ist nicht der einzige Hut, den Vetsch auf dem Kopf hat. Ein weiterer ist die Veranstaltungspromotion. Plakate und Flyer stapeln sich (in normalen Zeiten) in seinem Lager und den Büroräumen an der St.Galler Bogenstrasse. Er besorgt die Verteilung, betreut eigene Plakat- und Flyerstellen in der ganzen Ostschweiz, bringt Publikationen wie «Kulinarisch», die «Le Monde diplomatique»-Beilage der Woz oder, seit dem Start 1994, auch Saiten an die richtigen Auflagestellen. «Veranstaltungsdienstleistungen von A-Z» heisst es im Firmenprofil. Und all dies, wie es der Name verspricht: 8 days a week.

Alles analog

Alles, was Rubel Vetsch anpackt, ist analog – vom Plakataushang irgendwo im Appenzeller Hinterland bis zum Bandauftritt am Openair. Und entsprechend gross sind die Corona-Einbussen. Ein paar wenige Plakate verlieren sich bei unserem Besuch in den Regalen an der Bogenstrasse. «Alles weg», sagt er. Und: «Schwierig…». Aber auch: «Irgendwie wird es weiter funktionieren.» Vom Umsatz (in den besten Jahren um die 300’000 Franken) sind 8 days a week wegen der Pandemie 86 Prozent weggebrochen. Von den neun Angestellten mit 600 Stellenprozenten sind vier übriggeblieben. Die anderen versuchten sich anderswo über Wasser zu halten, zügeln Hausrat, helfen in der Landwirtschaft, springen ein, wo Bedarf ist. Mit einem Stundenlohn von 25 Franken plus Feriengeld, allen Sozialleistungen, Versicherungen, Verpflege- und Reisespesen machte schon in guten Zeiten niemand grosse Sprünge.

Über die Erwerbsersatzordnung (EO) konnte Rubel Vetsch einen Teil der Ausfälle kompensieren, mit dem Haken: Gezahlt wurde nur, wenn der coronabedingte Lohn- oder Einkommensverlust und Umsatzrückgang mehr als 55 Prozent beträgt. Lief das Geschäft grad wieder etwas besser, wie es jetzt im Herbst bei ihm der Fall war, dann fiel der EO-Anspruch ganz weg. Und die Lücke blieb. «Wir arbeiten sowieso schon mit tiefen Löhnen. Aber jetzt führen wir Aufträge aus, die überhaupt nicht mehr rentieren. Besser würde ich ganz pausieren und in der warmen Stube hocken. Aber ich bin ein Kulturmensch, ich kann das nicht einfach fahren lassen. Es muss weitergehen.»

Was wäre zu tun? Welche Lösung bräuchte die Branche? Gute Frage, sagt Rubel Vetsch. Die aktuellen Hilfsmassnahmen müssten teils angepasst werden – die Härtefall-Regel etwa lief mit dem Ende des Notrechts im September aus, wurde seither aber wieder neu aufgegleist. Das Grundproblem seien die prekären Löhne: Auch wenn der Staat einen Teil der Ausfälle kompensiere, bleibe zu wenig zum Leben übrig. Und zugleich werde von der Kulturwirtschaft jetzt mehr denn je Kreativität erwartet – «aber im Moment kannst du nicht kreativ sein», sagt Vetsch. Zu gross die Unsicherheit, zu unklar die Aussicht auf ein Jahr 2021, für das im Moment niemand planen könne und wolle.

Ist das Veranstaltungsgeschäft, die analog stattfindende Kultur überhaupt ein Auslaufmodell? Rubel Vetsch glaubt nicht daran. Nach dem grossen Digitalisierungsschub höre und erlebe er in den letzten vier, fünf Jahren eher wieder das Gegenteil: Viele Leute vermissten auf den digitalen Kanälen die direkte, physische Kommunikation. Nur schon die Veranstaltungspromotion via Social Media sei sehr unverbindlich – kommt hinzu, dass heute einen enormen Aufwand betreiben müsse, wer damit Erfolg haben wolle. Viele sagten sich stattdessen doch wieder: «Chomm, mer mached e Plakat.»

Pakete statt Scheinwerfer

Natürlich müssten gerade Grossveranstaltungen ihr Format reflektieren, auf Risikominderung schauen, angepasste Formen finden. Mit Stage Crew, der Personalagentur für Events, mache er aktuell diese Erfahrung. Vetsch hat die Firma in den Neunzigerjahren mitbegründet. Statt Bühnen und Messen aufzubauen, arbeiteten jetzt im Dezember Dutzende Freelancer von Stage Crew für Versandfirmen. Pakete statt Scheinwerfer: Das Geschäft brummt, wenn auch anders, als man sich das noch vor wenigen Jahren gedacht hätte.

Zufälle und Unerwartetes standen seit jeher Pate bei Rubel Vetsch. In der Pfadi – von dort ist ihm der Übername «Rubel» geblieben – wurde sein Organisationstalent erstmals sichtbar. Später, als gelernter Schriftenzeichner, kam er in die Musikszene hinein, arbeitete für ein Schweizer Plattenlabel, managte Bands, verkaufte im Logo Records Musik, sprang als Plakatverteiler ein, merkte: Das geht. Und machte sich schliesslich vor 27 Jahren selbstständig. Sein erster Auftrag kam vom Restaurant «Jägerhof»: eine Tonne Wein aus St.Tropez nach St.Gallen zu fahren.

Für sich persönlich sieht Rubel Vetsch die Situation trotz aller Pandemie-Verunsicherung pragmatisch. Ob er ans Umsatteln denkt? Einerseits nein – «einen wie mich kann man für nichts anderes brauchen», lacht er. Andrerseits ja, klar: «Ich mache mir Gedanken. Etwas zu tun gibt es immer. Ich bin mir für nichts zu schade.» Er kennt die halbe Ostschweiz. «Mein Beziehungsnetz ist mein Kapital», sagt er.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Gutenbergstrasse 2
Postfach 2246
9001 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Hindernisfreier Zugang via St.Leonhardstrasse 40

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

 

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 25 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!