, 22. Dezember 2018
keine Kommentare

«Es reicht nicht, wenn wir weniger Plastik verbrauchen»

Gestern Freitag fanden in mehreren Schweizer Städten Klimastreiks statt, auch in St.Gallen. Die zentrale Forderung: Es braucht jetzt ein Handeln von Politik und Gesellschaft, sonst werden die Folgen für die Erde und die Menschen gravierend sein. Andri Bösch war dabei.

Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler beteiligten sich am ersten Klimastreik in St.Gallen. (Bilder: Andri Bösch)

Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler stehen am Freitagmorgen vor der Kantonsschule am Burggraben. Das Wetter ist mies, dafür die Stimmung euphorisch. Auf Plakaten finden sich Slogans wie «Sag nicht, du hättest nichts gewusst» oder «Der Klimawandel fickt die Erde.»

Ausschlaggebend für diese Protestaktion war ein Video, das vor gut einer Woche quer um die Welt ging: Die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg sprach an der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Polen mit beeindruckender Klarheit über die Klimakrise. Thunberg begann im August 2018 damit, jeden Freitag zu streiken, statt zur Schule zu gehen. War sie anfangs noch alleine, folgten in den letzten fünf Monaten Schülerinnen und Schüler weltweit ihrem Beispiel. Klimastreiks fanden gestern neben St.Gallen auch in Zürich, Basel und Bern statt, mit insgesamt über 2500 Teilnehmenden.

«Nur ein Kompromiss»

«Es ist klar, dass wir den Kampf um Klimagerechtigkeit selbst in die Hand nehmen müssen!», ruft Julia* ins Mikrofon. Die 23-jährige Klimagerechtigkeitsaktivistin, wie sie sich selbst nennt, wurde von den Organisatorinnen und Organisatoren dieses Streiks – der Regionalgruppe Klimastreik Ostschweiz – eingeladen, eine Rede zu halten.

Die Massnahmen und Lösungen, die an der UN-Klimakonferenz in Polen, dort wo auch Thunberg ihre viral gegangene Rede hielt, hätten ergriffen werden sollen, um das 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, seien kein Ergebnis, sagt Julia. Herausgekommen sei vielmehr «nur ein Kompromiss, der die Erderwärmung auf rund 3 bis 4 Grad beschränken soll. Dabei sind die festgelegten Massnahmen für die Mitgliederstaaten der UN nicht verpflichtend, folglich ist sowieso keine Umsetzung garantiert.»

 

Die jüngsten Generationen könnten nicht weiter darauf warten, dass die Politik dieses Problem irgendwann löst, ruft Julia in Richtung der Streikenden. Es müssten jetzt sofort ein Umdenken und ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden. «Wir brauchen eine Bewegung von unten, die einsteht für eine gerechte Welt und einen Planeten, der für alle bewohnbar ist.»

Die jungen Menschen schreien und applaudieren. «Klimastreik, Klimastreik! Wem sini Zuekunft? Üsi Zuekunft!», ertönt es immer wieder.

Grosse Besorgnis

Zwischen den Reden wird warmer Punsch gereicht und das Mikrofon steht allen offen, die etwas zu sagen haben. Eine junge Frau steigt auf die Betonbank und ruft ins Publikum, dass Klimaschutz nicht nur etwas für die ärmeren Länder sei, denn es treffe uns alle früher oder später. Und ein junger Mann lässt seinem Ärger über die Politik freien Lauf: «Es reicht nicht, wenn wir alle etwas weniger Plastik verbrauchen. Politikerinnen und Politiker müssen handeln. Wenn es um den Klimawandel geht, heisst es immer, man habe zu wenig Geld für griffige Massnahmen, aber sobald es um Bankenrettung geht, schüttet die Schweiz plötzlich Milliarden. So kann es nicht weitergehen.»

Die Besorgnis und Angst vor einer sich anbahnenden Klimakatastrophe scheint gross. Neben vielen Schülerinnen und Schülern der Kantonsschule am Burggraben sind auch einige vom Vorkurs der GBS St.Gallen und der Berufsschule in den Kantipark gekommen.

Nach den Spontanreden tritt Manolito Steffen, Co-Präsident der Jungen Grünen Kanton St.Gallen, ans Mikrofon. Auch er findet klare Worte: «Die Auswirkungen des Klimawandels werden drastischer sein, als wir uns das heute vorstellen können. Hitzewellen, Dürren, Stürme und Hochwasser werden uns erwarten. Der Meeresspiegel steigt, Insel für Insel verschwindet und unsere Lebensräume – unsere Existenz – werden zerstört.» Und die Politik scheue sich zu handeln. Das ignorante Parlament in Bern schaffe es nicht einmal, für unsinnige «Pflästerlipolitik» eine Mehrheit in umweltpolitischen Fragen zu finden, wie man bei der Versenkung des CO2-Gesetzes gesehen habe.

Auch Steffen plädiert für politischen Aktivismus. «Wir müssen uns zusammenschliessen und für unsere Zukunft kämpfen. Handeln wir, statt einfach nur zuzuschauen.»

Wie weiter?

Die Regionalgruppe Klimastreik Ostschweiz – ein Kollektiv aus zehn jungen Erwachsenen – will auch in Zukunft weitere Streiks durchführen. So sei beispielsweise eine Ausweitung des Streiks auf die Fachhochschule St.Gallen, die Kantonsschule am Brühl und alle Berufsschulen ein Thema. Auch national arbeite man an der Vernetzung und werde sich bald zu einer Sitzung mit Leuten aus den anderen Städten treffen.

«Wir sind heute nicht hier gewesen, um nur etwas zu lärmen. Wir werden weitermachen, bis sich die Klimapolitik der Schweiz zum Besseren wendet, so dass unsere und die nächsten Generationen auf der Erde leben können», heisst es von Seiten des Kollektivs.

Die Frage, ob diese Bewegung junger Menschen den Druck weiterhin in die Öffentlichkeit und auf die Strasse trägt, wird über ihren Erfolg entscheiden, denn wie Greta Thunberg in ihrer Rede am UN-Klimagipfel trefflich sagte: «We cannot solve a crisis without treating it as a crisis.»

*Ihren Nachnamen möchte Julia nicht in der Zeitung lesen, aus Angst vor Repression.

Weitere Informationen und Ankündigungen von Streiks:
instagram.com/klimastreik_ostschweiz
facebook.com/klimastreikschweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!