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«Es söll flashe wie en LSD-Trip!»

Noch nicht mal ein Jahr machen Choose The Juice gemeinsam Musik, und schon haben sie im November den 16. BandXOst- Contest gewonnen. Die St.Galler Band überzeugte die Jury mit ihrem sphärischen Psychedelic-Rock. Obwohl – in ein Genre lassen sich Choose The Juice nicht gerne stecken. Sie lassen sich lieber treiben. Ein Besuch im Proberaum. von Rosie Hörler
Von  Gastbeitrag
Choose The Juice: Nicolas (Nici) Kölbener, Mateo Sabater, Andrea Kuster, Andrea Künzle und Mo Bernasconi (v.l.n.r.). (Bild: D.R.)

Eigentlich passt der Ort überhaupt nicht. Ein kahler, weisser Bürobau mitten im gutbürgerlichen St.Galler Rotmontenquartier. Vor Haus Nummer 8 wartet Gitarrist Andrea Künzle auf mich, rauchend in der Kälte: «Ha denkt, i warte dusse, isch chli schwierig zum finde!» Allerdings – aber spätestens als mich Andrea in den Keller des Neubaus führt, kommt Bandraumfeeling auf. Ein dunkler Bunker, farbige Tücher an den Wänden, leere Flaschen auf dem Tisch, viele Instrumente, Kabel und ein altes Sofa.

Auf diesem machen wir es uns bequem. Bierdosen zischen, es wird viel geredet, gelacht und Bassist Nici Kölbener zieht sich noch eine Hose an. Wegen der kaputten Lüftung sei es immer so heiss hier drin, meint er: «Drum probemer halt mengmol i de Underhose!» Aber natürlich nicht wenn Besuch da sei. Eine «glatte» Truppe sind Choose The Juice. Wenn die Fünf aber Musik machen, ändert sich das schlagartig. Dann werden sie ruhiger, fokussierter und tauchen ab. In ihren «verspacten» Sound, wie sie selbst sagen.

Protest gegen Schubladendenken

Apropos Sound, da lassen sich Choose The Juice gerne treiben: «Trippy alternative primitive teenage psych garage surf shoegaze tinnitus stoner space acid rock explosion» – so bezeichnen sie ihre Musik offiziell. Doch diese ganze Beschreibung ist eigentlich eher ein Protest gegen das Schubladendenken in der Musikszene: «Schlussendli het jedi huere Band e eiges Genre, da nervt mi so!» sagt Andrea bestimmt. Aus Spass hätten sie einfach Begriffe aufgeschrieben und gleichzeitig auch noch den «Tinnitus-Rock» erfunden, was auch immer das ist.

Obwohl – einen schmerzhaften Tinnitus bekommt man bei Choose The Juice definitiv nicht. Eher werden die Ohren mit leichten Gitarrenklängen und spacigen Geräuschen in tranceartige Sphären katapultiert. Dazu die Stimme von Sänger Mo Bernasconi, welche vom Sound eher mitgetragen wird, als dass sie heraussticht. Eine eigene Klangwelt mit zwar fixen Texten, die aber nur mittelwichtig sind und auch immer wieder improvisiert werden.

«Es isch kein lyrische Someerguss», meint Mo schmunzelnd, es seien eher Befindlichkeiten, welche ihn im Alltag beschäftigen. Und so wird auch die Stimme bei Choose The Juice zu einem weiteren Instrument. Das Ganze zusammen leise aufbauend, dann laut eskalierend. Immer und immer wieder. Ein bisschen wie im Drogenrausch. «Jo genau, da
isch üses Ziel! Es söll flashe wie en LSD-Trip», meint Gitarrist Andrea Kuster als wir im Bandraum in Erinnerungen an vergangene Auftritte schwelgen.

«Trippiger» Sound und Substanzen

Die Erfahrungen mit diversen psychedelischen Substanzen sind es denn auch, die den Sound von Choose The Juice beeinflussen. Aber nicht nur. Gitarrist Andrea erzählt, sein Vater habe früher viel Eagles gehört und so sei er dann auch auf andere alte «Hippie-Bands» aufmerksam geworden.

Aber alt sei der Sound von Choose The Juice defintiv nicht, protestiert Schlagzeuger Mateo Sabater. Das stimmt, psychedelisch anmutende Rockbands gab es auch nach der grossen Zeit in den 70er- und 80er-Jahren immer wieder, eben auch heute noch. Man denke nur an The Brian Jonestown Massacre, All Them Witches oder King Gizzard and the Lizard Wizard. Und die Begeisterung für diesen «trippigen» Sound brachte die fünf Musiker aus Ausserrhoden und St.Gallen zusammen: «Mir händ alli Bock ufs Gliich gha!»

Doch wie schafft man es in so kurzer Zeit, schon so einen perfekt abgestimmten Sound hinzubekommen? Die beiden Andrea hätten viel musikalische Vorarbeit geleistet, erzählt Bassist Nici. Schon letzten Herbst waren die zwei Gitarristen oft im Studio und als die Band dann komplett war, konnten sie Vollgas geben.

Dass sie aber gleich den BandXOst-Contest gewinnen, damit haben Choose The Juice nicht gerechnet. Die Band dachte, mit ihrem psychedelischen Sound würden sie eher nicht in den Wettbewerb passen. Auch weil ihre Songs überdurchschnittlich lang seien und sie in den vorgegebenen 15 Minuten nur zwei Tracks spielen konnten: «Mir händ müesse uf Ziit probe und Songs chürze, da isch üs chli geg de Strich gange!»

Raus aus dem Alltag

Vielleicht gerade weil sie nicht ganz ins Schema passen, kommen Choose The Juice an. In einer überstylten und formatierten Instagram-Welt tut es gut, junge, wilde Menschen ohne Schuhe, mit Hosenträgern und Secondhand-Hemden auf der Bühne zu sehen. Bescheidene, sympathische Jungs, die hauptberuflich auf dem Bau, in der Pflege oder als Velokurier arbeiten und in ihrer Freizeit einfach die Freude für die Musik leben. Und sie mit uns teilen – oder wie es Nici sagt: «S’Schönscht isch wenn öppert nochem Konzert seit, i bi voll abtaucht. Huere geil, wenn’d da ellei mit Musig here bringsch!»

Bezogen auf die aktuelle Lage ist es vielleicht auch genau der richtige Zeitpunkt, um mit ihnen abzutauchen, wegzutreiben vom Alltag. Ob mit Substanzen oder einfach eben nur mit der Musik. Spätestens im Sommer können wir das mit Choose The Juice wieder live erleben. Der Sieg am Band-XOst-Contest ermöglicht eine Festivaltour, unter anderem am Clanx Festival in Appenzell, am Weihern Openair St.Gallen oder am Sound of Glarus. Da können die fünf Musiker zeigen, dass ihre Konzerte nicht nur einzelne Songs sind, sondern eher ein Gesamtwerk, eben ein Trip.

Ebenfalls im Preis inbegriffen ist eine EP-Aufnahme, welche im Frühling geplant ist. Und auch da bleiben Choose The Juice ihrer Philosophie treu: «Es söll in sich Sinn mache», meint Andrea Künzle. Es sei schön, wenn man nicht merkt, wo der Song aufhört und der Nächste beginnt.

Von den warmen Sommeraussichten zurück ins winterliche Rotmonten. Draussen vor der Tiefgarage rauchen wir noch eine, schwatzen ein paar letzte Worte, bevor ich mich von Choose The Juice verabschiede und sie wieder abtauchen. In ihren Bandraum. Und ihren «verspaceten» Sound.

Der BandXOst-Contest ist ein Wettbewerb für Musiker:innen unter 24 Jahren aus den Kantonen TG/SH/GL/SG/GR/AI/AR. Die Bands erhalten die Chance, unter professionellen Bedingungen ins Rampenlicht zu treten. Den Sieger:innen winken unter anderem Studioaufnahmen, Festivalauftritte und professionelles Coaching.

bandxost.ch

 

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